Ausflucht. Noch eine Parabel

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Herbert Eiter
Orpheus
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Ausflucht. Noch eine Parabel

Beitragvon Herbert Eiter » 22.09.2007, 01:06

Ausflucht

1.
A. saß in seinem Wohnzimmer und dachte über das Leben nach. Er suchte in den Tiefen seiner Gedanken nach einem Schlupfwinkel, denn die Welt begann Forderungen an ihn zu stellen. Entscheidungen waren zu treffen, Arztrechnungen zu bezahlen und ein Geburtstagsgeschenk für seine Verlobte musste auch noch her. Dies war nicht leicht, denn er hatte kein Geld. A. erwog, alles hinter sich zu lassen, wegzugehen und Schäfer zu werden. Wie unbeschwert und bodenständig musste das Leben eines Schäfers sein. Lachend würde er den Arzt mit frischem Hammelfleisch entlohnen und die Verlobte mit einem neuen, selbst gestrickten Wollpulli überraschen.

2.
A. saß in seinem Wohnzimmer und dachte über das Leben nach. Seine Verlobte B. war zu Besuch. Sie hatten sich eine Weile über dies und das unterhalten und jetzt hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. B. überlegte, was sie sich zum Geburtstag wünschte. Sie dachte an ein gemeinsames Abendessen mit A. – vielleicht in diesem persischen Restaurant am Ende der Straße, wo es in Joghurt mild mariniertes und mit exotischen Gewürzen fein abgeschmecktes Hammelfleisch und aromatischen Reis zu essen gab. A. indes träumte ein bisschen vor sich hin und dachte (auch) an Schafe.

3.
A. saß in seinem Wohnzimmer und dachte über das Leben nach. Es war schon sonderbar. Er hatte die dritte Mahnung bekommen. Das machte ihm ein wenig Angst. Aber zugleich fühlte er sich von dieser Angelegenheit auf eine seltsame Art und Weise ganz unberührt. So, als würde dies nicht ihm, sondern einem anderen passieren. Ja, das war durchaus möglich. Es konnte eine Verwechslung sein, ein vertauschtes Formular, ein fehlgeleiteter Brief. Wenn er es sich recht überlegte, konnte er sich kaum entsinnen, den Namen der Praxis oder dieses Allgemeinmediziners jemals gehört zu haben. Viel dringlicher schien es ihm, darüber nachzusinnen, wie schwierig es sein würde, einen Hirtenhund auszubilden.

4.
A. saß in seinem Wohnzimmer und dachte über das Leben nach. Er sah üppige Wiesen, deren Gräser im Wind hin und her wogten, er sah brach liegende Felder und am Rand wachsende Brennnesseln, Johanniskraut und wilder Mohn, er sah direkt vor sich einen Hügel, der von einer Herde Schafe niedergemäht wurde, die unter seinem Kommando stand. Diese liebenswürdigen, dummen Schafe und C., sein treuer Schäferhund, der ihn blind verstand. Er sah alles ganz genau vor sich. An was A. nicht dachte, war das Geschenk für B.

5.
A. saß in seinem Wohnzimmer und dachte über das Leben nach. Es nahm Wendungen, die man nicht vorhersehen konnte. B. hatte den Wunsch geäußert, die Verlobung zu lösen. Sie hatte in einem persischen Restaurant D., einen Veterinär, kennen gelernt und ob der Enttäuschung darüber, dass A. ihren Geburtstag vergessen hatte, sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Sie äußerte die Absicht, mit D. gemeinsam aufs Land zu ziehen. Sie hatte auch bereits eine neue Stelle als Sekretärin für den hiesigen Schafzüchterverband in Aussicht. A. war jetzt frei zu tun und zu lassen, was er wollte. Nur die Idee, Schäfer zu werden, kam ihm plötzlich sehr abwegig vor.

6.
A. saß in seinem Wohnzimmer und dachte über das Leben nach. Der Gerichtsvollzieher war da und beschlagnahmte seine letzten Besitztümer. A. dachte: Soll er nur! Macht mir gar nichts aus. Denn was ich hab, hat mich irgendwann. Sein Leben, wie es bisher gewesen war – träge und erstarrt – widerte ihn an. Aber jetzt war Schluss damit, endgültig! Er fühlte sich erleichtert, er fühlte sich maßlos, er berauschte sich an den Möglichkeiten, die ihm offen standen. Der Duft ferner Länder kitzelte seine Nase, ein Dasein jenseits der Zwänge und Konventionen der Gesellschaft, jenseits des gleichmäßigen Stroms der Masse (diese gutmütigen Schafe!) schwebte ihm vor. A. wollte anders sein – unabhängig, unbeugsam, unbevormundet – und sein Wagemut gab ihm Recht. Nicht nach den öden blöden blökenden Schafen hatte er sich gesehnt, sondern nach dem Leben unter freiem Himmel, nach dem klaren Auge, das fest auf den fernen Horizont gerichtet ist.

7.
A. saß (mit fünf anderen Schuldnern, Betrügern und Steuerhinterziehern) in seiner Haftzelle und dachte über die Ungerechtigkeit des Lebens nach.
and all the lousy little poets coming round ...

mög
Sphinx
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Re: Ausflucht. Noch eine Parabel

Beitragvon mög » 24.09.2007, 13:49

Nice!
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)


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