Die Leere

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Hilbi
Melpomene
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Die Leere

Beitragvon Hilbi » 12.08.2003, 22:41

Die Kaffeetrinkerin


Um Elkes Lieblingsgetränk brauchen wir wirklich kein großes Geheimnis machen, um Elkes Lieblingsmützen schon, denn wir kennen uns darin nicht aus. Wir können höchstens sagen, das ist eine gute Mütze oder, diese Mütze steht dir aber nicht besonders. Eigentlich wissen wir viel zu wenig über Mützen und über die Frauen die sie tragen wissen wir erst recht nichts.
Vielleicht betrachten wir sie, wenn wir uns Kartoffelchips kaufen, oder wir denken an sie, wenn wir am frühen Morgen feststellen, dass keine Fruchtgummis mehr da sind.

Dies ist die Geschichte von Elke. Elke ist ein einfacher Mensch, nur das Leben macht alles kompliziert. Elkes Problem war, dass sie zu schön war, viel zu schön für ein Leben, viel zu schön für einen Mann und eigentlich auch viel zu schön für einen Roman.

Elkes Lieblingsgetränk war der Kaffee, sie konnte ihn morgens, mittags und abends trinken und sie trank ihn ohne Milch und ohne Zucker, es war ein bisschen ein Verrat den Kaffee mit Milch oder Zucker zu verderben und wenn es sich vermeiden ließ, bemühte sich Elke niemanden zu verraten, schon gar nicht ein Getränk.

Elke hatte ihre letzte Beziehung hinter sich gelassen, okay, es war nicht wirklich das was andere unter einer Beziehung verstehen. Es war eher so ein Weg dorthin, der dann doch viel schneller als sie dachte, in eine Sackgasse führte.
Es war Paul der ihr sagte, dass er mehr möchte und es war Paul der zu ihr sagte, er möchte mit ihr zusammenleben und es war Paul der Kinder haben wollte, aber Paul konnte keine Kinder bekommen, es war leicht etwas zu fordern wozu man selbst nicht in der Lage war.
Die letzten Erinnerungen taumelten noch im Zimmer herum, versuchten sie zu kratzen, aber es gelang nicht, der Juckreiz war weg.
Und trotzdem machte sie manchmal so ein Gesicht, als wollte sie einen haben, der da ist, der ihr nette Dinge sagt, der ihr vielleicht ein kleines Verschen in ihr Poesiealbum schreibt.
Aber das war natürlich Unsinn.
Elke wünschte sich den sorgenfreien Sex, der, der nichts kostete, der nichts einforderte, der einfach da war, wenn man ihn brauchte.
Elke war eine große Egoistin.

Es war an einem der letzten Sommertage, sie saß auf ihrer Fensterbank. Keine drei Meter entfernt, stand eine Litfasssäule, die noch von Bedeutung sein wird.
Übrigens war es verboten auf der Fensterbank zu sitzen, aber das störte sie nicht, es hätte sie auch nicht gestört, wenn es erlaubt gewesen wäre.

Elke trank ihren Kaffee, schaute in alle möglichen und unmöglichen Richtungen und ließ sich vom Wind berühren. Der Wind war gut, der Wind wäre genau der richtige Mann für sie gewesen, er konnte einen echt umhauen, aber er konnte eine wie sie auch streicheln und das war mehr, viel mehr als man Verlangen konnte.
Aber der Wind hatte einen einzigen Makel, er war nicht körperlich, man konnte ihn nicht betrachten und betrachten wollte sie ihn schon, sie musste doch sehen wie die Hände aussahen, die sie berührten.
Ach Elke!
Als ob es nur das gäbe im Leben einer jungen Frau, als ob es nur diese Sehnsucht nach einem anderen Menschen wäre, die sie ab und an seufzen ließ.
Da gab es ja auch noch die Zukunft, die von sehr weiten winkte. Mit einem Wort, sie war orientierungslos, hoffnungslos, arbeitslos.

Aber das ist doch eher ein Roman über die Liebe, als über die Arbeitslosigkeit.

Schon wurde es dunkel und auch nicht mehr so gemütlich auf der Fensterbank zu sitzen.
Züge fuhren irgendwohin, öffentliche Toiletten wurden geschlossen, alles geschah in diesem einen Augenblick während Elke einen Mann beobachtete, der sich auf bedrohlicher Weise jener Litfasssäule näherte.

Was hatte er vor?

Es sah aus, als wollte er mit dem Kopf gegen die Litfasssäule laufen. War er verrückt, durchgedreht? Hielt er sich für einen spanischen Stier, der keine Litfasssäulen mochte?
Das Leben treibt die Menschen zum größten Unfug und nachher sitzen sie da, essen Milchreis und wollen vom Schicksal der Erde nichts mehr wissen.

Sollte sie schreien, um Hilfe rufen, wenigstens verwundert drein schauen? Nichts davon tat sie. Denn der Mann blieb kurz vor der Litfasssäule stehen, am Ende war sie nie in Gefahr, die gute alte Litfasssäule. Von irgendwo hörte man einen Hahn krähen und irgendwo wurde das Feld bestellt, ging man das Heu aufladen, was den Kaninchen und den Hasen und all den anderen Tieren, die sich dort gesund gestoßen hatten, überhaupt nicht gefiel, aber der Mensch ist eitel und rücksichtslos und der Himmel ist blau und die Dinge brauchen Namen damit man sie besser vergessen kann.

„Was machen sie denn da?“ Sie war es, die die Stille unterbrach, die oft zwischen zwei Menschen vorherrscht, die sich nicht kennen.
Er schaute sie an, als frage er sich, „mit welcher Hand, darf ich sie wohl zuerst berühren, mit der rechten oder mit der linken?“

Er sah sie an, wie gerne er sie jetzt geküsst oder irgendeinen Gesprächsfaden gehabt hätte. Er sah in ihre Augen, in ihre leichten blauen Augen, die wie ein süßer Abgrund in ihren Aushöhlungen saßen, sah ihren Mund, der diese ersten Worte sprach ohne zu stottern.
Diese Frau wusste was sie wollte, dachte er. Solche Frauen sitzen in der Luft und überprüfen die Farbe des Himmels.
Er betrachtete sie, so wie man abgeschlossene Türen betrachtet.
Was sollte er tun? Wie sollte es jetzt weitergehen?
Er blieb stumm. Sehr stumm Viel zu stumm für einen Mann, der bis eben noch eine Idee hatte, einen Plan, der ahnte, er könnte diese Frau nicht auf die ganz normale Art kennen lernen.
Ihm schien die Puste auszugehen. Er sah jetzt sehr verloren aus und sie, unsere Kaffeetrinkerin, war ganz vernarrt in diesen Blick, in diesen verlorenen Blick, so musste man schauen, so konnte man die ganze Welt von ihr haben und wenn schon nicht die ganze Welt, dann wenigstens ein wenig von ihr, ein wenig das Gefühl dass sie da war, dass sie alles dass auch wollte, dass sie bereit war sich mit ihm durch diese Nacht zu quälen.
Wer war Paul? Paul war irgendwo und konnte sie nicht vergessen, aber sie erinnerte sich nicht mehr an ihn, sie erinnerte sich höchstens an einen der sie nicht vergessen konnte und da war er sicher nicht der Einzige.
Sie wartete. Wartete auf ein Wort, auf irgendein Wort. Die Augen blickten auf ihn, am liebsten wären sie hinunter gesprungen, um ihn zu fangen, aber sie taten es nicht, man konnte sich weh tun, dass wussten ihre Augen, dass wusste die ganze Elke.
Aber endlich. Sein Mund tat sich auf. Er wollte etwas sagen. „Ich suche eine Übernachtungsmöglichkeit, ich habe seit Wochen nicht mehr geschlafen,“ flüsterte er.

Sie bat ihm nach oben. Vielleicht war das nachlässig, fahrlässig, vielleicht war es leichtsinnig, ja leichtsinnig war es und sie liebte es leichtsinnig zu sein.

Er ging die Treppen hoch, viele waren es nicht.
Er dachte an, ja an was dachte er eigentlich? Ihm ging so viel durch den Kopf, aber eigentlich war dass nichts, eigentlich nichts. Er hatte Angst etwas falsch zu machen, immer hatte er Angst etwas falsch zu machen. Im übrigen war er wirklich müde und das lag ein seinem Kopf. Er hatte sich die ganze Zeit überlegt wie er diese Frau kennen lernen konnte und jetzt wo es fast soweit war, machte sein Köpf schlapp.

Er saß in ihrer Küche. Sie kochte Kaffee. Sie setzte sich, schaute ihn an. Er blieb stumm, das gefiel ihr nicht, er sollte irgend etwas sagen, irgend ein lustiges Detail aus seinem Leben, er durfte sogar lügen, ja vielleicht musste er sogar lügen, damit sie ihn glaubte.
Aber er blieb stumm und diese Stummheit erinnerte sie an ein Kaninchen dass sie mal für drei Tage von einer Schulfreundin bekam, immer bekam man Kaninchen von irgendwelchen Schulfreundinnen und immer bekam man das große Mitleid mit ihnen.
Elke war damals noch ein Kind und glaubte dem Kaninchen die Freiheit schenken zu müssen, sie war auch fest davon überzeugt, dass sie ihrer Schulfreundin alles erklären konnte, dass die es einsehen und sie umarmen würde.
Aber als diese den leeren Kaninchenkäfig sah, fing sie an zu weinen, aber sie weinte nicht vor Glück, sondern sie weinte weil sie ihr Kaninchen verloren hatte. Elke versuchte sie zu beruhigen, sie sagte, „wir haben es gegessen.“ Aber auch das half nichts.

Er schaute sich in der Küche um. Er dachte sich, wenn ich mich lange genug in der Küche umsehe, wird mir vielleicht etwas einfallen, aber es darf darin keine einzige Frau vorkommen, es war jetzt nicht gut von anderen Frauen zu reden, man muss schrecklich vorsichtig sein.
Was für ein Tag war’s eigentlich? Ach, egal, es war auf Fälle kein Sonntag, aber auch kein Samstag, es könnte Montag gewesen sein denn draußen standen die blauen Mülltonnen und Dienstags wurden die blauen Mülltonnen geleert und die wurden naturgemäß schon am Abend zuvor schon an die Stelle geschleppt wo sie die Männer von der Müllabfuhr bequem erreichen konnten.

Endlich begann er zu erzählen, „Mein Leben ist ein Scherz über den ich nicht lachen kann, ich bin talentiert, aber keiner bemerkt es, es fing schon in der Schule an, keiner meiner Lehrer bemerkte mein Talent, dabei wusste ich schon mit zehn Jahren, dass ich ein Dichter bin. Meine Mutter wollte davon nichts wissen, sie war gut zu mir, immer tröstete sie mich, selbst wenn es nichts zum trösten gab.
Aber sie verstand mich nicht, sie verstand mich einfach nicht, natürlich tat das weh, ich war ja schon damals ein empfindlicher Mensch. Niemand begriff mich, außer Colette, meine Frau, drei Jahre lebte sie mit mir zusammen, es war eine schöne Zeit, wir lachten soviel miteinander. Wir taten Dinge, von denen wir erst später erfuhren, dass sie verboten waren. Ach, wie glücklich wir waren und wie armselig wir existierten. Es ist manchmal nicht schön den Faden zu verlieren, kein Geld zu haben, nicht zu wissen was der andere Tag bringt. Meistens brachte uns der andere Tag nichts. Wir saßen nur herum, manchmal sahen wir uns den Himmel an und manchmal nicht, manchmal aßen wir Schmalzbrote und manchmal nicht.
Immer wenn wir das Geld dazu hatten, gingen wir in den Zoo! Colette liebte die Krokodile, ich war sogar ein bisschen eifersüchtig auf diese schielenden Trapezkünstler. Wie oft lagen wir im Gras und sie schaute verträumt in den Himmel und hauchte, "ich stelle mir oft vor, du wirst von einem Krokodil gegessen, es sähe bestimmt sehr lustig aus."
Eines Tages gingen wir nicht mehr in den Zoo, sie packte ihre Koffer. Was war geschehen? Sie sah mich an und sagte, " so kann es nicht mehr weitergehen, immer in diesem muffigen Keller hausen und das ist alles zuviel für eine Frau wie mich, ich dachte es sei romantisch, aber es ist gar nicht romantisch, es ist nur schmutzig. Und dann...Du sagst du wärst ein Dichter, aber habe ich je eine Zeile von dir gelesen? Du hast mich angeschwindelt und was das Schlimmste ist, ich habe es von vorhinein gewusst, ich muss verrückt gewesen sein, aber jetzt ist es genug, ich gehe.“ Mein Herz pochte, ich hätte mich gerne in ein Krokodil verwandelt.
Ich versprach ihr, "ich werde schreiben, gleich heute beginne ich damit.“ Sie wollte davon nichts hören und sie verließ mich.
Ich rannte im Keller herum, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich wusste nur, ich wollte nicht mehr Leben, warum sollte ich Leben, es gab keinen Grund mehr. Ich beschloss mich aufzuhängen, aber man brauchte dazu einen Strick, das war mein Verhängnis, die Stricke in Paris sind einfach zu teuer. Ich setzte mich auf eine Bank. Ich war einsam, die ganze Welt hatte mich verlassen, niemand wollte etwas mit mir zu tun haben. Und dann geschah es, es war, als würde eine Windmühle in meinem Kopf endlich mit dem mahlen anfangen, der Wind trieb sie an. Ich dachte schon, ich werde verrückt, das war gut, ich lächelte, ich wollte verrückt werden. Meine Liebste hatte mich verlassen, ich hatte doch allen Grund verrückt zu werden. Aber es war etwas anderes, ich nahm einen Stift und einen Zettel und plötzlich, es entstanden Verse. Warten sie einen Augenblick, ich muss sie doch noch irgendwo haben “
Er stand auf und griff in die linke Hosentasche. Ein Zettel kam aus seiner Hosentasche hervor, ziemlich zerknittert und ziemlich verstaubt. Er stand auf und las:



Der Mond träumt heut in wohligerer Träge:
Wie eine Frau auf vielen Kissen liegt
Und vor dem Schlummer leicht zerstreute Rege
Die Hand um ihres Busens Wölbung schmiegt.

Ergibt er auf der Wolken Seidenschimmern
Sich sterbend langer Ohnmacht hin
Und schaut ringsum, wo weiß Gesichter flimmern
Aus dem Azur, ein Blütenbaldachin.

Läßt in dem lassen Schmachten er zuweilen
Zur Erde heimlich eine Träne eilen,
Fängt fromm ein Dichter, dem kein Schlummer tauge.
In seiner hohlen Hand die Träne fahl
und regenbogenfarben wie Opal.
Dann birgt sein Herz sie fern der Sonne Auge




Elke hätte sich wohl gerne die Augen verbunden, damit sie es besser verstehen konnte. Er las es wirklich schlecht vor, stotterte an den wichtigsten Stellen. „Das ist doch von Baudelaire“, stellte sie fest und obwohl sie es empört rief, klang es irgendwie drollig.
Er setzte sich. Fühle er sich ertappt? Er schaute sie kurz an, dann blickte er wieder aus dem Fenster. Ja, er fühlte sich ertappt.
„Sie glauben mir nicht,“ seufzte er. „Was soll ich nicht glauben?“, fragte sie. „Als ich dieses Gedicht schrieb, hatte ich keine Ahnung, dass es das schon gab, woher auch, ich kannte Baudelaire gar nicht, wir sprachen nie über ihn, wir sprachen über den Sozialismus, wir besetzten Häuser, wir standen bei Regen unter einem Vordach, wir hatten andere Dinge zu tun.“ „Wir?“, fragte sie mal so nach. „Colette und ich, wir wollten die Welt erneuern, es sollte keinen Hunger, keine Armut mehr auf der Welt geben.“

Ein bisschen enttäuscht schaute Elke ihn an, wenn er die Welt verbessern wollte, war er doch schon etwas älter, heute will man die Welt nicht mehr ändern, weil die, die sie ändern wollten, die Welt bereits geändert haben und jetzt guckt euch den Mist mal an.
Elke interessierte sich nicht mehr für sein Alter, lieber hätte sie erfahren, ob die Stricke in Paris teurer sind, als zum Beispiel hier in dieser mittelhessischen Verkaufsmetropole. Aber sie wusste nicht, wie sie das Thema wechseln könnte. „Denken sie oft an Selbstmord?“, fragte sie. „Nicht mehr oft, ich habe mich an diesen Zustand gewöhnt, ich bin arm , aber ich werde es nicht mehr lange bleiben, ich bin ein Dichter, die Welt wird das noch merken.“
„Sagen sie, haben sie das Gedicht in deutsch oder französisch geschrieben?“ „So eine schöne Frau“, dachte er, „ich bin ja jetzt schon total vernarrt in sie, aber warum diese Fragen, warum sich nicht einfach lieb haben?“ Er schwieg. Man sah ihm an, dass er nachdachte, doch ihm fiel keine gute Antwort ein. „Können wir über etwas anderes reden? Was ist schon ein Gedicht, ich werde tausende schreiben.“
Elke war damit sehr einverstanden, sie wollte sich jetzt endlich dem Strick nähern, „damals, als sie sich aufhängen wollten und kein Geld für einen Strick hatten, wieso haben sie sich das Geld dafür nicht geborgt?“ „Wie hätte ich es zurückzahlen sollen?“ Das stimmte, da musste sie ihm Recht geben., man kann kein Geld ausleihen und sich dann aufhängen, besser umgekehrt, aber umgekehrt war auch dumm, vielleicht war es überhaupt dumm sich aufzuhängen. „Wie viel kostet denn so ein Strick in Paris?“, fragte sie. „Was hat sie nur dauernd mit dem Strick, will sie, dass ich mich umbringe?,“ fragte er sich. „Keine Ahnung, ich hatte ja keinen gekauft, ich hatte ja nichts, ich war vollkommen pleite. Ich konnte nirgendwo anschreiben,“ sagte er und hoffte dass das Thema nun endlich vom Tisch wäre. Elke dachte nach und wenn er sich einen gestohlen hätte. „Und.....“ „Sie meinen, ich hätte mir einen Strick stehlen sollen? Daran dachte ich auch, aber ich traute mich nicht, was wäre geschehen, wenn sie mich erwischt hätten und überhaupt, es gibt ein altes Sprichwort „häng dich nie mit einem gestohlenen Strick auf.““ Elke glaubte nicht, dass es solch ein Sprichwort gab, sie glaubte vielmehr, dass er sie für dumm verkaufen wollte.
„Wahrscheinlich hatte er nie vorgehabt, sich aufzuhängen, denn wenn er es vorgehabt hätte, bräuchte er doch keinen Strick kaufen, jeder hat doch irgend etwas Ähnliches wie einen Strick zuhause und selbst wenn er kein zuhause hatte, wenn man sich aufhängen will, ist es doch völlig egal, wo du wohnst oder nicht wohnst, aber man scheitert sicher nicht daran, dass man kein Geld hat, so ein Unsinn. Die Leute bringen sich um, weil sie Schulden haben, aber auf keinen Fall bringen sie sich nicht um, weil ihnen das Geld zu einem Strick fehlt,“ dachte sie und schüttete sich Kaffee nach.
Nun schwiegen sie wieder.
Er gähnte.
Dieser Mann wurde immer müder.
„Kann ich mich irgendwo schlafen legen? Vielleicht in die Küche? Ich mache auch keinen Krach.“ Wie er sie anschaute. Wie viel Geduld in diesem Blick war und wie schnell dieser Blick wieder verschwand.
Elke schüttelte den Kopf. Wie sollte er in der Küche schlafen? Da würde sie doch auf Julia warten. Julia war ihre beste Freundin und die wollte auf ein Sommerfest und Elke hatte zugesagt.
„Wissen sie was, ich lege einen Schlafsack in den Flur, da legen sie sich hin.“ Gesagt getan, schnell ging sie in ihr Zimmer, packte aus dem Kleiderschrank (den wir uns später etwas genauer anschauen wollen) ihren Schlafsack und legte diesen auf den Boden des Flures.
„Kommen sie“, rief sie und er kam. Er kam, als hätte man ihn gerufen und man hatte ihn ja auch gerufen, wenn auch nicht bei seinem Namen, denn seinen Namen kannte sie noch nicht. Er legte sich in den Schlafsack und schlief auf der Stelle ein. Woher kam diese Müdigkeit? Er hatte ja noch nicht einmal seine Socken ausgezogen.

*
Die Dremmlers waren Verwandte von Julia. Julia musste da hin, versprochen ist versprochen. Die Dremmlers langweilten sich sehr oft, deshalb gaben sie ab und an Feste und weil es Sommer war, nannten sie dieses Fest Sommerfest, wer weiß, vielleicht würden sie das nächste Herbstfest nennen.
Es waren auch Künstler da und sie warteten, sie warteten und tranken und sie warteten darauf, dass man sie erkannte und sie tranken, wenn man es nicht tat und deshalb sind die Künstler auf den Festen sehr oft betrunken, eben weil man sie nicht erkennt, oder weil man sie schon erkennt, aber nicht glauben konnten, dass solche Künstler auf solche Feste gingen.
„Hau bloß nicht wieder ab“, zischte Elke Julia an. „Was zischst du so, guck mal, die Kerle gucken nur dich an, dabei hast du wirklich nichts Bedeutendes an, na ja, wahrscheinlich grade drum.“ Julia trug ein schwarzes Abendkleid, aber erwarten sie jetzt bitte keine Details. Elke hatte nur ein rotes T-Shirt an und schwarze Jeans und trotzdem starrten aus irgendeinem Grunde alle Männer an, während alle Frauen Julia ansahen.

Und irgendwann war Julia verschwunden.




Sie wusste dass es jetzt nicht klug war, freundlich zu sein, aber unfreundlich sein war doch auch dumm, dass sind doch immerhin Menschen. Sie beschloss, sich diesen Satz zuzuflüstern, „Menschen, das sind doch Menschen, ach was Menschen, riesengroße Bagger sind das, schau nur wie sie ihre Greifarme ausloten, wie sie deinen Blick suchen, wie erstaunlich die Fantasie der Männer manchmal ist, was mögen sie sich wohl jetzt ausmalen, die Dünnen mehr als die Dicken, die Dicken begreifen was los ist in der Welt, aber die Dünnen begreifen nichts.“ Elke flüchtete auf den Balkon. Und dann stand einer von ihnen vor ihr, ein Dünner, viel zu dünn für die Wahrheit. Er schaute sie an und fragte „warum legen sie sich nicht hin, sie sehen müde aus, es gibt hier ein Zimmer, da können wir hin gehen, kommen sie mit.“ Seine Bettvorlegeraugen schauten sie an. “ Was für ein bescheidener Trick“, dachte sie und ging trotzdem mit. Aus irgendeinem Grunde gefiel ihr dieser Kerl. Schließlich standen sie in einem Zimmer. Zu ihr Verwunderung legte er sich aufs Bett. „Wenn er anfängt zu gähnen, gehe ich“, nahm sie sich vor. Sie schaute ihn durstig an und er, was für ein seltenes Glück, schien Gedanken lesen zu können, denn er sprang auf, eilte aus dem Zimmer und kam in sekundenschnelle wieder zurück mit zwei Flaschen Bier in der Hand. Mittlerweile lag sie auf dem Bett, schaute ihn an, seine Nase, wie könnte man nur seine Nase beschreiben, nun, gar nicht, sie war nicht zu beschreiben, es war eine Nase, das muss reichen. „Erzählen sie doch was“, bat sie ihn.
"Ich lebte in Hamburg, mein Vater wollte, dass ich Matrose werde, ich widersetzte mich, obwohl ich gerne Matrose gewesen wäre. Wie oft trieb ich mich am Hafen herum, es gibt dort den schlechtesten Fisch, aber die besten Brötchen. Der Fisch ist so schlecht, weil er direkt vom Hafen kommt, die Brötchen aber kommen vom Bäcker. Die Elbe macht mich ganz melancholisch, ich kann dort nur mit Mütze herumlaufen. Einmal saß ich an der Elbe und dachte, "ich sollte zu den Matrosen gehen, in andere Ländern besuchen, tanzen, lieben und dann wieder weggehen. Aber das war nur ein Gedanke, man streift ihn ab und lässt ihn liegen. Manche aber realisieren ihren Traum, manche tun es einfach. Einen kannte ich, er wohnte drei Strassen weiter. Er sagte nur, "ich gehe" und es war klar, was er damit meinte. Eines Tages wollte ich mir etwas Geld von ihm ausleihen, ich schuldete ihm schon eine Menge, hoffte aber, er hätte es vergessen, er hatte es auch vergessen, denn er war nicht mehr da. Irgendwann jedoch bekam ich einen Brief von ihm, er schrieb, er sei abgehauen, aber ich möchte ihm doch bitte meine Schulden an ihn auf sein Konto überweisen. So sind die Leute, treulose Gesellen, immer nur auf ihr Geld bedacht. Es ist völlig egal, sagte ich mir damals, es ist völlig egal, wo du bist, beraubt wirst du überall. Ich fühlte eine schreckliche Wut und eine grausame Traurigkeit. Ich fühlte mich verraten und ich wetzte meine Zunge, ich wollte ihm irgend etwas schreiben, etwas Schlimmes, doch ich schrieb ihm nur die letzten Zehn Spielergebnisse von St. Pauli. Ach wie traurig das alles ist. Wie schön sie sind. Ich möchte die ganze Zeit ihr Haar kämmen, soviel Locken, man sollte sie alle zählen und man sollte ihnen Namen geben. Sagen sie mir, wie vielen Männern haben sie schon zugelächelt und wie viele sind danach verrückt geworden. Schauen sie mich bitte jetzt nicht an. Ich will nicht in die Psychiatrie, dort schmeckt der Kaffee so schlecht." Er machte eine Pause. Sie schauten sich an. Ein Lkw fuhr vorbei, was mochte er geladen haben? Auch das werden wir nicht erfahren. Taschendiebe hatten Alpträume, sie werden sie morgen ihrer Oma erzählen. Ein paar Tabletten werde geschluckt, Aufputschmittel, damit man wieder Bescheid weiß und über die Ruinen lachen kann, die man hinterlässt.
Die Nacht stand am Abgrund, sie wusste nicht mehr weiter.
Die zwei schauten sich an. Sie nickte, er verstand und legte sich zu ihr, hielt ihre Hand. Ganz fest fühlte die sich an, so wie die Hand eines Taschendiebs und dann erzählte er weiter, "eines Tages bin ich mit dem Rad durch Hamburg gefahren. Am Hafen kaufte ich mir ein Fischbrötchen, ich setzte mich auf einer der vielen Bänke und sah mir den Hafen an, von weitem hörte man die Ferne, ich wurde melancholisch, am liebsten hätte ich Rum getrunken, aber ich durfte nicht, ich hatte an diesem Tag eine Lesung, von dieser Lesung versprach ich mir nichts, es würden drei Leute kommen; Timo, Strauchel und Steffi. Ich würde ihre Fragen beantworten und später einen Drink nehmen, wenn ich noch Geld übrig habe. Timo, Strauchel und Steffi würden schon lange zuhause sitzen, sie würden Tabak kauen und sich über alte Filme unterhalten, über hässliche alte Filme, mit verknoteten Handlungen und schlechten Schauspielern und sie wären so begeistert, das ihnen nicht einmal auffiel, dass es diese Filme gar nicht gab. "
Aber dann, schlief er ein. Warum? Sie erinnerte sich an den anderen Dichter, jener der in ihrem Flur lag, auch der schlief. Was war das? War sie so attraktiv dass die Männer neuerdings einschliefen? Doch noch ehe Elke sich darüber Sorgen machen konnte, stand Julia in der Tür und wollte nach Hause.

Elke schloss ihre Wohnungstür auf. Da lag ein Mann. Gerne hätte sie aufgeschrieen, nur um ihn zu wecken, aber sie ließ es bleiben, sie war zu müde, selbst für solch einen Spaß.
Endlich lag sie in ihrem Bett. Sie lag da und konnte nicht schlafen, aber sie war doch so müde, aber gerade drum konnte sie ja nicht schlafen, sie war einfach zu müde, um zu schlafen. Sie starrte an die Decke und dachte sich folgende Geschichte aus .
Sie sitzt in einem Lokal und E.T.A Hoffmann kocht eine Suppe. Sie geht zu ihm hin und fragt, was er für eine kocht, er sagt, "während der Fahrt ist das Gespräch mit dem Fahrer verboten." Sie setzt sich wieder. Plötzlich kommt Goethe herein, sieht E.T.A Hoffmann und geht wieder, eingebildeter Lackaffe denkt Elke und geht zu E.T.A Hoffmann, sie flüstert ihm zu, "haben Sie das gesehen, Goethe war da und kaum hat er sie gesehen, schon ist er wieder weg." "Das macht er immer so, das ist, wie sagt man so schön, historisch, er verhält sich historisch, was einem kleinen Schluckauf gleichkommt. Ich mag ihn trotzdem, und er ist der einzige, der meine Suppe ausleckt.“ Sie setzte sich wieder, sie nahm sich fest vor, die Suppe ebenfalls auszulecken. Ein Mann und eine Frau betraten das Lokal. Sie setzten sich zu ihr. "Es ist kalt draußen, Irmi, es ist so kalt, man möchte Frösche fangen, so kalt ist es, Irmi, sag was, ich hab dich aufgezogen, du musst jetzt etwas sagen." Irmi schwieg, sie starrte Elke an. "Gefällt dir die junge Frau? Soll ich sie töten? Du nickst. Gut, ich werde sie töten, aber erst später, wir werden erst Suppe essen." E.T.A Hoffmann trug die Suppe auf. Elke bekam zuerst. Oh Gott, sie schmeckte schrecklich Irmi starrte sie immer noch an. "Du musst sie töten, ich mag sie nicht, sie ißt Suppe, meine Suppe, töte sie, Rowald, töte sie." "Ja, Irmi, Liebes, ich werde sie töten, glaub mir, kaum ist sie draußen, schon werde ich sie töten, jetzt aber iß, schau, da ist dein Teller." Irmi aß und sah sie unentwegt an. Plötzlich packte sie von irgendwo her eine rote Mütze aus, setzte sie auf und sprach zu ihr, "hüten Sie sich vor ihm, er sagt "ich werde sie töten", ich will dass aber nicht. Ich mag sie. Wie schön sie sind und diese Locken, darf ich sie berühren? Hat Ihnen die Suppe geschmeckt? Sie ist nach einem Rezept von mir. Einst war ich ein Schaumbad, aber er verzauberte mich in eine Art Rollenspiel, er behauptet ich wäre seine Frau. Er behauptet, das wir glücklich sind." Sie nahm die Mütze ab und gab sie Elke. Die sprach zu ihr, "ich finde Sie auch nett, die Art, wie sie ihre Augen rollen, das ist etwas so Großes, ich möchte gerne, dass sie meinen Namen erraten und ihn niemals vergessen. Sie müssen meinen Namen stets mit ihrem linken Auge betrachten, ihr rechtes verachtet mich, ich merke das, aber es tut nicht weh, ich weiß wie es mit rechten Augen ist. Ich war einmal ein kleines Aquarium, aber sieben Räuber hielten mich gefangen, ich musste für sie Klavier spielen, sie nuschelten schrecklich, man verstand kein Wort. Zu Weihnachten schenkten sie mir ein Hörgerät. Ich konnte ihnen entwischen an einem Donnerstag. Sie vergaßen einfach das Donnerstag war und da entwischte ich ihnen." "Das war sehr klug von dir, aber jetzt bist du die meine, ich hoffe, du weißt das", sagte Irmi, sie hatte sich das Mützchen geschnappt und es aufgesetzt. "Zuallererst nehmen wir ein Bad, dann werden wir weitersehen, ich werde dich an einer goldenen Kette binden, vielleicht bekommst du sogar ein Glöckchen um den Hals." Dann nahm sie das Mützchen ab und schaute den Mann gegenüber an. "Wir werden sie nicht töten, sie ist brav, wir werden sie mitnehmen, sie soll uns Geschichten erzählen, aber zuerst werden wir sie baden, damit sie uns nicht verrät." Er nickte.
E.T.A Hoffmann öffnete das Fenster. Draußen war nichts. Irmi schwieg. E.T.A Hoffmann gab Elke ein Zeichen, dass sie verschwinden soll und so verschwand sie und schlief ein, von was sie wohl träumte?
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

Hamburger
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Re: Die Leere

Beitragvon Hamburger » 22.08.2003, 01:42

Hi Hilbi!

Vor der Kritik eine Frage: Ist das jetzt die neue Version oder noch die alte? Und noch mal die Bitte, so es die neue Version schon gibt: Könntest du beide reinstellen?

MFG,

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Hilbi
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Re: Die Leere

Beitragvon Hilbi » 22.08.2003, 23:06

Yepp das ist die neue Version und ich bin ein bißchen am verzweifeln, irgendwie, ach ich weiß auch ned
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

Hilbi
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Re: Die Leere

Beitragvon Hilbi » 08.09.2003, 21:29

keiner sagt was zu dem text, so fürchterlich finde ich ihn nun auch wieder nicht, ich glaube ich mache ihn hier weg und poste ihn in mein forum...aber beleidigt bin ich nicht, nur etwas verspannt
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

Hamburger
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Re: Die Leere

Beitragvon Hamburger » 08.09.2003, 22:13

Hallo Hilbi!

sorry, sorry, sorry - aber ich lag die ganze Woche mit Grippe im Bett. Ich werde bald was dazu sagen. Aber tue mir (und uns) den Gefallen: Auch wenn mal keiner was dazu sagt, lass die Texte stehen. Du nimmst sonst jedem Neuling die Möglichkeit noch was dazu zu sagen und du setzt denen, die sich dafür interessieren, die Pistole auf die Brust. Ich hab mich jetzt im ersten Satz sogar gerechtfertigt, dass ich in der ersten Woche seit langem, wo ich richtig Zeit hatte, krank wurde. :-&

MFG,

Hamburger
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Hilbi
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Re: Die Leere

Beitragvon Hilbi » 09.09.2003, 09:02

Oh je, kuriere Dich aus Menno, das ist viel wichtiger :-)
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

gelbsucht
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Re: Die Leere

Beitragvon gelbsucht » 14.10.2003, 01:35

Hallo Primadonna,

dass ich das Scheiße finde, brauche ich ja nicht zu sagen. Ich war im August 3 Wochen und im September 2 Wochen im Urlaub und hatte dazwischen unheimlich viel zu tun ... dann komme ich aus dem Urlaub zurück und der Text ist weg ... Das ist ziemlich fies von dir und ungerecht sowieso. Ganz davon abgesehen, dass dieses Verhalten absolut kindisch ist.

:-( gelb :-(
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: Die Leere

Beitragvon Hamburger » 24.10.2003, 18:07

Hallo ihrs!

Also, da alle Aufrufe an den Dichter seinen Text aus der selbstverfügten Geiselhaft wieder freizugeben ungehört verhallt sind verlasse ich mich jetzt allein auf meine Notizen bei der Kritik von Die Kaffeetrinkerin.

Aber bitte erwartet keine Zitate von mir :-))

Also denn: Mir hat diese Geschichte bei weitem nicht so gut gefallen wie deine Gedichte, lieber Hilbi. Dein Stil ist so bildreich und die Beschreibungen sind so dicht, dass sie sich eher für Lyrik denn für Prosa zu eignen scheinen.
Ich lese zwar gerade aufgrund unseres Club-Votings Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek, welche ähnlich bildreich schreibt - aber das kann man nicht so recht vergleichen. Denn Kurzgeschichten und Romane sind zwei verschiedene paar Schuhe. Gerade eine Kurzgeschichte muss meiner Meinung nach schnell zur Sache kommen. Sie muss mich von Beginn an und bis zum Schluss fesseln. Oder sie bereitet denn ganz grossen Knall vor, die unerwartete Wendung die alles Gelesene in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Beides tut deine Geschichte nicht.
Worauf will er denn nur hinaus?, habe ich mich die ganze Zeit gefragt. Die Frau und der Mann in der Geschichte sind wohl vor allem eines: einsam!
Da haben sich zwei einsame Menschen gefunden! Das war mein erster Gedanke. Aber wie weiter? Dass an sich ist ja noch keine grossartige Erkenntnis. Und genau an diesem Punkt kam ich nicht mehr weiter. Der Mann redet gerne, philosophiert darüber sich aufhängen zu wollen, was er mangels Geld für den Strick nicht kann. Die Frau ist irritiert. Beider Leben wirkt verkorkst.
Ein guter, durchaus ideenreicher Ansatz, aber die Gespräche versickern und es endet indem der Mann sich - von Müdigkeit überwältigt - im Flur schlafen legt.
Aber einen roten Faden bzw. die Weiterführung oder Bearbeitung eines Themas konnte ich nicht erkennen, ausser ich ergehe mich in Abstraktionen wie Einsamkeit.
Dabei habe ich die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass in dieser Geschichte so viel Kraft steckt. Aber sie kommt nicht auf den Punkt und zum Punkt.
Vielleicht, ich schliesse das keineswegs aus, bin ich ja einfach zu schwach bei der Interpretation und habe deshalb Unrecht. Aber das kann man ja jetzt GotseiDank nicht mehr überprüfen. (oh, der war böse, sorry :-D )

Zum Schluss noch Lob: In der Geschichte fanden sich einige wirklich aussergewöhnlich tolle Stellen. Beispielsweise Folgende, die ich jetzt noch im Gedächtnis habe:"Die Welt kann nicht geändert werden, weil die, die die Welt ändern wollten sie schon geändert haben. Und jetzt schaut euch den Mist mal an." (also, da habe ich im vollen U-Bahn-Abteil schallend losgelacht; und ganz verschmitzt an Joschka Fischer gedacht)
Auch die Bilder sind keineswegs abwegig oder schlecht. Dass mit dem Strick ist sogar aussergewöhnlich originell. Aber irgendwie ergibt das Ganze kein fertiges Mosaik, sondern nur ein etwas wirres Puzzle.

Mit kritischen, aber freundlichen Grüßen,

Hamburger
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Re: Die Leere

Beitragvon Hilbi » 28.10.2003, 23:44

Hm, die Kaffeetrinkerin ist keine Kurzgeschichte, es ist ein Roman und ich stelle jetzt noch mal den Anfang rein, also noch mal die Kaffeetrinkerin ist ein Roman und sie mit der Klavierspielerin zu vergleichen ist wirklich Unsinn, weil Elke nämlich viel hübscher ist :-)
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

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Re: Die Leere

Beitragvon Hamburger » 29.10.2003, 00:17

Hallo Hilbi!

Na das haben wir ja gerne. Erst monatelang den Anfang des Romans unter Verschluss halten bis ich bereits glaubte, das Ganze war eine Kurzgeschichte und dann mosern.
:-)) :-))
Also ne, ne, ne... :-D

Aber immerhin: Der Text ist wieder da. Ziel erreicht. Yes. Nun mache ich mich an den nächsten sinnvollen Schritt: die Erringung der Weltherrschaft innerhalb der nächsten 12.Monate.

MFg,

Hamburger
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Re: Die Leere

Beitragvon Hilbi » 29.10.2003, 01:34

Achtung lieber Hamburger, ich hab den Anfang noch etwas geändert....:-O
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Re: Die Leere

Beitragvon gelbsucht » 19.11.2003, 21:28

Hallo Hilbi,

also von den Versionen, die ich bisher lesen durfte (ich glaub, es waren deren vier an der Zahl), ist diese die Beste. Aber hör auf Hamburger, ich denke er hat mit seiner Kritik den Nagel wirklich auf den Kopf getroffen. Die neue Passage mit E.T.A. Hoffmann und Irmi ist ziemlich konfus. Wenn ich mir vorstelle, dass dein Roman in dieser Art weitergeht, dass es dort nur so wimmelt vor solchen sehr dichten, aberwitzigen und irgendwie auch ein bisschen verrückten Passagen, dann würde mich das als Leser sehr stören, ja auf die Dauer ziemlich nerven. Schon diese ca. sechs bis sieben Seiten verlangen der Geduld des Lesers einiges ab, obwohl – und da hat Hamburger auch recht – immer wieder einzelne Stellen aus dem ganzen herausragen. Aber das reicht eben nicht.

Was hier fehlt, ist ein roter Faden, ein größerer Rahmen. Außerdem müssen Konflikte erkennbar werden, die der Handlung Spannung verleihen ... deine Handlung erscheint mir zu sprunghaft, zu abrupt, zu assoziativ. Das ist in Gedichten leichter möglich und akzeptabel, als in einem Roman. Ein Roman ist immer kompakter und linearer, er verlangt nach mehr Ordnung, nach mehr Folgerichtigkeit. Bei der Entwicklung der Charaktere, bei der Entwicklung der Szenerie müsstest du langsamer vorgehen, dir mehr Zeit und Raum nehmen, um deine Figuren einzuführen und aufzubauen. Die Gespräche zwischen Elke und anderen Personen wirken nicht authentisch auf mich. Vielmehr kommt es mir vor, als wäre sie in ein surreales, absurdes Puppentheater geraten, dass mit der Welt, wie ich sie kenne, nur bedingt etwas zu tun hat.

In der Lyrik bist du ein Riese, Hilbi, aber ich hege ernsthafte Zweifel, ob gleiches für die Gattung Roman gilt, auch wenn ich nur einen Bruchteil von der "Kaffeetrinkerin" kenne. Eher kann ich mir dich als Autor von kürzeren, experimentellen Texten und von Hörspielen vorstellen, obwohl du dir auch bei diesen Formen mehr Gedanken über Struktur und Zusammenhalt machen müsstest, als bei deinen Gedichten, denke ich. Sag mal, was ist eigentlich aus deiner Idee zu einem Hörspiel über "Kafka's letzte Zugfahrt" geworden. Das würde mich z.B. brennend interessieren!

;-) gelbe grüße :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: Die Leere

Beitragvon Hilbi » 20.11.2003, 20:20

Ach was! Die Kaffeetrinkerin, das odzjjj

äh hallo?

Nein, ich schreibe die Kaffeetrinkerin,
aber alles andere auch
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?


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