Am Tag nach der Zivilisation

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Glaukos
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Am Tag nach der Zivilisation

Beitragvon Glaukos » 28.09.2008, 01:39

Am Tag nach der Zivilisation
kehren die Menschen
zurück in die Wälder.

Die Traurigkeit in ihren Blicken
sucht man vergeblich,
zum Glück, ohne Zorn, ohne Zögern -
und die letzten Reste Haargel
verdunsten molekular
im Wind; hier oder da

lacht sogar einer.
Oder eine. Sie sind
selten allein, und wenn,
nur zum Schein.
Als wünschten sie Tarnung.
Nichts tragen sie bei sich –
sind nackt, wie sie kamen,
damals, irgendwann,
und jetzt also
wieder.

Gar manche meinen,
es ginge vorwärts, ins Paradies.

Sie wissen noch immer nicht.

Dort vorn jedoch, in den Wäldern:
Warten ihre Onkel oder Brüder,
im Blattwerk oder Busch; sie
zeigen sich nicht; sie wissen,
Mensch, Menschenkind,
sie wissen,
warum.

Es ist soweit, ihre Geduld wird belohnt.
Endlich. Auch sie: lachen.
Doch ihre Zähne ...
möchte niemand sehen,
ohne ...... es geht heim-
wärts, am Tag nach der Zivilisation
geht es endlich nach Hause.

Nur ganz hinten, verloren,
murmelt irgendwer, raunt
seinem Nebenmann eine
seltsam vertraute Parole
ins nackte Ohr:

Du, sag mal, machst du
auch Urlaub, oder ... ?


Doch der – spricht nicht mehr.
Auch die Worte vergehen.
Verwehen. In den Bäumen
des Waldes, ein Zögern,
leise, leise noch.

Herbert Eiter
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Re: Am Tag nach der Zivilisation

Beitragvon Herbert Eiter » 29.09.2008, 22:32

Gefällt mir, ganz grundsätzlich. Für diese Thematik habe ich eine persönliche Schwäche und dieses Gedicht trifft da (bei mir) den Nagel auf den Kopf. Und: so ein "klamm-heimlicher" Abgang für die Menschheit... ;-)

Eine Menschheit, die auf der Suche nach dem Paradies (nach Glück, nach Erkenntnis, nach Wahrheit) - (mit den Worten von van Hoddis) "hoppla" - plötzlich verschwindet. Dass Menschen sterben ist "traurig", dass wir selbst irgendwann sterben ist "tragisch", dass wir alle einmal lautlos von der Bildfläche verschwinden ist - und man möge mir verzeihen - irgendwie "beruhigend". Zumindest kann es einem helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ich lese in diesem Gedicht viel zwischen den Zeilen, Ironie und ... Schuld. Eine interessante Mischung.

Vielleicht noch an einigen Stellen einer dramatischen Nachbearbeitung würdig, aber doch nach meinem Geschmack mehr als: :ja:

Mit den Worten von Michael Jackson:
"I love you all."

H. Eiter
and all the lousy little poets coming round ...

Glaukos
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Re: Am Tag nach der Zivilisation

Beitragvon Glaukos » 29.11.2008, 16:17

herr h.eiter,
ich habe noch gar nicht geantwortet, wie ich soeben feststellte. kleine änderungen habe ich vorgenommen, z.b. zeilenumbrüche angepasst. im eingangsposting, weil es wirklich nur kleine details waren - sonst hätte ich es nochmal neu gepostet ... wie es sich eigentlich gehört in unserem forum ... ;-)

der tod an sich war (ausnahmsweise?) mal kein thema, und der abschied von der zivilisation muss nicht zwingend als niederlage gewertet werden.

schön, dass die ironie nicht unbemerkt blieb; inwieweit schuld intendiert war, vermag ich heute selbst nicht mehr zu sagen, auch ich müsste nun mutmaßen.

danke für die reflexionen!


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