wir sind die kreuze

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Perry
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wir sind die kreuze

Beitragvon Perry » 20.08.2009, 15:55

immer wieder tauchen sie auf, die bilder, blenden sich
ins alltägliche. es hilft nicht, die augen zu schließen,
denn sie sind tief in die netzhaut eingebrannt. überhaupt
ist flucht keine lösung, dieses davonlaufen wie ein junge,
der äpfel vom baum des nachbarn gestohlen hat.
… hinterm haus hackt jemand holz, du könntest helfen.
nichts friert mehr, als eine schuldbeladene seele.

sie hing im seil unter dir, pendelte hilflos in der wand.
das blut in deinen fingern pochte, die kräfte schwanden.
ein letztes mal trafen sich euere blicke wie adler
die aufwindsuchend über dem abgrund kreisten.
ihr schnitt befreite dich von der last, ihr schrei
verhallte zwischen den hängen. wind trieb blätter
über die felder, legte eine bunte decke aufs land.

hginsomnia
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Re: wir sind die kreuze

Beitragvon hginsomnia » 03.09.2009, 16:33

Hallo Perry,

das Gedicht beginnt mit starken Bildern, schwächelt meiner Meinung nach aber in den Vergleichen:

Perry hat geschrieben:dieses davonlaufen wie ein junge,
der äpfel vom baum des nachbarn gestohlen hat


Das scheint mir arg konstruiert und passt nicht zur inhaltlichen Umgebung. Es ist mir klar, dass hier das Thema "Flucht" variiert werden soll, aber mit diesem Vergleich scheinst du mir doch recht nah am Kitsch zu liegen.

Perry hat geschrieben:trafen sich euere blicke wie adler
die aufwindsuchend über dem abgrund kreisten


Dieser Vergleich hinkt noch mehr und ist in sich unstimmig. Nicht die "Blicke" werden variiert, sondern ihr "treffen". Das erscheint mir unsinnig. Zudem treffen Adler sich nicht, und "aufwind suchend über dem abgrund kreisten" wirkt nicht nur ebenfalls stark konstruiert, sondern unlogisch: Suchen sie nun Aufwind oder kreisen sie über dem Abgrund (Betonung auf "über). Beides zusammen ergibt keinen Sinn.

Ich würde beide Vergleiche schlichtweg streichen.

Ich sehe auch noch Schwächen beim Ausgang des Gedichtes, brauche aber noch etwas, um genau zu erkennen, wie diese aussehen.

Positiv fällt mir der Rhytmus des Gedichts auf. Dieser wir konstant gehalten und beschleunigt die narrative Geschwindigkeit.

lg
hginsomnia

Perry
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Re: wir sind die kreuze

Beitragvon Perry » 03.09.2009, 17:23

Hallo hignsomnia,
danke für deine Sicht. Da Vergleiche immer auch ein wenig vom Blickwinkel abhängen, fällt das Ergebniss manchmal unterschiedlich aus.
Was du bei dem "jugendlichen Dieb" als Kitsch interpretierst soll dieses unterschwellige Schuldgefühl umschreiben, das das LI beherrscht, denn eigentlich trägt es ja keine wirkliche Schuld, fühlt sich aber wie ein hilfloses Kind.
Was dir an den aufwindsuchenden Adlerblicken nicht gefällt kann ich nicht nachvollziehen, werde aber gerne noch mal mit etwas Abstand drüberlesen.
LG
Perry

hginsomnia
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Re: wir sind die kreuze

Beitragvon hginsomnia » 08.09.2009, 01:52

Hallo Perry,

so, jetzt hatte ich etwas mehr Zeit, mir den Text nochmal anzuschauen:

Perry hat geschrieben:Was du bei dem "jugendlichen Dieb" als Kitsch interpretierst soll dieses unterschwellige Schuldgefühl umschreiben, das das LI beherrscht, denn eigentlich trägt es ja keine wirkliche Schuld, fühlt sich aber wie ein hilfloses Kind.


Doch, Kitsch trifft es ganz gut, denn du vergleichst tatsächlich ein traumatisches Erlebnis mit dem schlechten Gewissen eines Kindes, das Äpfel geklaut hat.
Euphemismus? Wenn ich das als Euphemismus bezeichne, ist dies ein Euphemismus.

Perry hat geschrieben:Was dir an den aufwindsuchenden Adlerblicken nicht gefällt kann ich nicht nachvollziehen


Auch wenn es sicher nicht beabsichtigt war, von 'aufwindsuchenden Adlerblicken' zu sprechen, macht dieser Verschreiber mein Problem klar:
Im Gedicht steht: "trafen sich eu(e?)re blicke wie adler", nicht wie 'Adlerblicke'. 'Adlerblicke', die sich Aufwind suchend treffen, wäre auch schlimm gewesen, der Vergleich bleibt es: Ich weiß nicht, aber das musst du eigentlich sehen.

Ich hatte ja gesagt, dass ich zum Schluss noch etwas sagen möchte. Jetzt weiß ich auch, was:

Vorab: Ich weiß, dass man hier auch eine Metapher reinlesen kann, aber die Oberfläche bleibt widersprüchlich genug:

Perry hat geschrieben:sie hing im seil unter dir, pendelte hilflos in der wand.
das blut in deinen fingern pochte


Na, welcher Bergsteigerfilm hat da Pate gestanden?
Was ist da los?
Sind das zwei Amateure? Wo sind die eigentlich?
In der Antarktis wohl nicht - da gibts keine Adler.
Aber warum um alles in der Welt dann das:

Perry hat geschrieben:ihr schnitt befreite dich von der last


In eine Gletscherspalte sind sie nicht gefallen. Haben die etwa gemeinsam den Aufstieg ohne Haken gemacht?
Wo ist die Absicherung?
Und: Ich glaube nicht, dass sich ein Mensch ohne Weiteres in den Tod schneidet.

Fragen über Fragen, aber: KEINE ANTWORTEN.

Ich habe auch versucht, mir zu sagen: 'Ok, vielleicht kann man das alles dem dramatischen Effekt zuliebe schreiben'.
Ich meine, man darf das nicht. Hier geht bei aller Tragik die Logik (- ist vielleicht zu hart; mindestens aber die Erklärung -) verloren.

Ich schreibs jetzt doch mal deutlich (,ist ja nur meine Meinung):

Die zweite Strophe zerstört das Gedicht.

Trotzdem könnte man die erste noch retten, da ich nach wie vor meine, dass die ersten Bilder Potenzial haben.

lg
hginsomnia

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Re: wir sind die kreuze

Beitragvon Perry » 08.09.2009, 13:54

Hallo hginsomnia,
mit deiner Vermutung liegst du ziemlich gut. Der Text bezieht sich tatsächlich auf eine ähnliche Szene in einem Bersteigerfilm (Cliffhanger), wo bei einem Rettungsversuch, die Verunglückte aus der Hand des Retters rutscht. Ich denke, es geht hier weniger um den Vorgang, als mehr um die Frage der (Un)Schuld. Letztlich soll der Text nur aufzeigen, dass (wir) die Zurückgebliebenen oft Kreuze am Weg des Lebens sind.
Danke für deine Detailkritik, der ich mich so nicht anschließen kann.
LG
Perry

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Re: wir sind die kreuze

Beitragvon [) i r k » 08.09.2009, 18:25

Ich möchte eigentlich nichts zum Gedicht sagen, sondern: Dass ich es toll finde, dass sich hier mal jemand wieder die Zeit für eine ausführliche und leidenschaftliche Textkritik nimmt. Wird leider viel zu selten gewürdigt.

Und herzlich willkommen im Forum, hginsomnia! :-)
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)

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Re: wir sind die kreuze

Beitragvon hginsomnia » 10.09.2009, 00:33

Hallo [)i r k,

vielen Dank. Fühle mich willkommen. :-)

lg
hginsomnia


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