Der Tod [von Sven Schindler]

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
sven1421
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Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon sven1421 » 26.11.2009, 06:45

Hier nun einmal ganz etwas Neues von mir, eine kleine Dichtung zu einem ernsten Thema:

Der Tod

Finger und Zehen färben sich blau,
weil das Rot des Blutes sie nicht mehr erreicht.
Haut wird blaß und kalt,
weil Strahlen und Wärme den Körper verlassen.

Atem beginnt zu schnappen,
zu schnappen nach Luft.
Es gelingt ihm nicht mehr, sie einzufangen,
denn sie geht ihm langsam aus.

Gedanken fliegen, schweifen hin und her,
Erinnerung läßt Leben Revue passieren.
So vieles scheint unerledigt geblieben.
Doch Zeit wird knapp, viel zu knapp.

Ängste greifen nach einem letzten Strohhalm.
Ein Funke Lebenswille, aus Todesfurcht geboren.
Puls wird flacher, Augen schließen sich, Geist schwindet ...
Und der seelenlose Leib heißt Gevatter Tod willkommen.

Menschen bleiben zurück, stehen am Grab,
Tränen füllen die Augen, Trauer macht stumm.
Die Frage nach dem Warum schwebt unausgesprochen im Raum
und bleibt unbeantwortet bis zum Jüngsten Tag.

Ist in der Form eines Gedichts so etwas wie mein erster Versuch. Bin mal gespannt, wie Ihr es findet?!

riemsche
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon riemsche » 26.11.2009, 21:05

flache bildbeschreibung und wahrscheinlich vomhörensagen, ist mein erster eindruck. selbst sterbende(n) begleitet, dabei gewesen? der schnappatmung eine ganze strophe? erst der seelenlose leib sagt gevatter tod hallo? da stimmts irgendwie hint und vorn nicht. ab_leben lässt sich zumindest mit mehr gefühl recherchieren. und vom /gedicht/ isses auch noch sehr sehr weit ..... nicht böse sein, aber bei dem thema erwarte ich schon mehr von berührung, auch wenns dann fliesstext wird :-)

sven1421
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon sven1421 » 26.11.2009, 22:03

riemsche hat geschrieben:und wahrscheinlich vomhörensagen, ist mein erster eindruck. selbst sterbende(n) begleitet, dabei gewesen?
Die Frage geb ich gern zurück. Ich hab in 12 Jahren Altenpflegepraxis schon reichlich Menschen auf dem Weg auf die andere Seite begleitet. Mag sein, daß es Dich nicht berührt, daß es Dir nicht gefällt, daß Dir da etwas fehlt ... wie auch immer, aber den "Vorwurf", ich würde das nur vom Hörensagen kennen, nehm ich schon recht übel! Auch und gerade im Gedenken an all die Seelen, denen ich im Angesicht des Todes zur Seite stand.
riemsche hat geschrieben:erst der seelenlose leib sagt gevatter tod hallo? da stimmts irgendwie hint und vorn nicht.
Der Leib, den die Seele gerade verläßt, heißt Gevatter Tod willkommen! Klar ist der Tod schon lange da, aber erst beim Ausgang der Seele gibt sich der menschliche Körper endgültig geschlagen und läßt das Sterben gleichsam mit offenen Armen zu - das bedeutet Willkommenheißen, wie ich es meine, denn vorher kämpft der Sterbende noch mit dem Unabwendbaren. Vielleicht hab ich da mit meinem Tastenspiel auf dem PC an Deinem Ohr vorbeigeredet!

riemsche
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon riemsche » 26.11.2009, 23:07

nundenn, ich havbe eine sterbende monatelang begleitet und in meinem engsten freundeskreis eine frau, die die beruf_ung zur altenpflegerin seit jahrzehnten bis zur erschöpfung lebt. mE gibt sich gegen ende und gegensprichwörtlich zumeist der körper schon lange vorher geschlagen, bevor der geist ans aufgeben denkt. wie ich deinem komm exakter wie deinem gedicht entnehme, ticken wir zwei da grundverschieden und -vonwegen tastenspiel und übelnehmen- ich kritisier(t)e das werk, nicht die mir unbekannte person, die es einstellt.

sven1421
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon sven1421 » 27.11.2009, 00:04

riemsche hat geschrieben:wie ich deinem komm exakter wie deinem gedicht entnehme, ticken wir zwei da grundverschieden
Vielleicht haben wir das Sterben in der Begleitung auch einfach nur ganz unterschiedlich er-lebt oder be-griffen. Der Prozeß des Sterbens ist doch individuell. In meinen Augen geben sich nunmal scheidende Seele und ankommender Tod in der menschlichen Hülle quasi die Klinke in die Hand. Die unsterbliche Seele geht ins Himmelreich ein, der Tod nimmt mit seiner Schwester, der Verwesung, Besitz vom sterblichen Überrest.
Was Deine Kritik an meinem Werk angeht, so nehm ich sie gern entgegen. Für solch eine Diskussion hab ich das Ganze ja hier eingestellt.
Abschließend Dir meinen größten Respekt, denn ich weiß - wie gesagt - was Sterbebegleitung bedeutet und was sie einem an Kraft abverlangt.

Semai
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon Semai » 27.11.2009, 16:07

ich glaube riemsche wollte dich nicht beleidigen, er meinte nur es ist monoton beschrieben, so einfarbig, oder eintönig. Dabei ist der Tod etwas mystisches, weil eben keine es genau sagen kann wie und was das ist. Es ist sehr Misteriös, aber das was wir ahnen können wir schreiben. Ich selbst habe in vielen Gedichten versucht dies zu beschreiben, was ich sehe und ahne es ist 1996 ein Buch, mit der Titel, "Tanz des Todes") geworden. Dennoch kann ich nicht sagen was uns erwartet. Du schreibst was du bei dem Sterbenden ins Gesicht gesehen hast oder gefühlt hast. Das ist der Grenze, wenn man weiter gehn will um zu verstehen und darüber genauer zu schreiben muss man einen Schritt weiter gehn. Der Tod hat Würde und ich Denke er will nicht so einfach und Banal beschrieben werden.

LG

sven1421
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon sven1421 » 27.11.2009, 16:33

Semai hat geschrieben:ich glaube riemsche wollte dich nicht beleidigen, er meinte nur es ist monoton beschrieben, so einfarbig, oder eintönig. Dabei ist der Tod etwas mystisches, weil eben keine es genau sagen kann wie und was das ist.
Ja, daß riemsche mich nicht beleidigen wollte, hab ich verstanden. Es trifft einen nur im ersten Moment, wenn jemand denkt, man kenne das Sterben nur vom Hörensagen, obwohl man dutzende Male daneben stand oder saß und die Hand des/der Sterbenden hielt.
Was die Beschreibung des Todes angeht, so muß ich nach Deiner Einschätzung sagen: Mission geglückt. Für mich hat der Tod nichts Mystisches, er ist einfarbig, eintönig, monoton. Er ist das Ende eines kurzen Erdenlebens, so blaß und kalt wie der Leichnam, den er hinterläßt. Was danach kommt, das weiß ich seit etwa 12 Jahren genau: Das ewige Leben oder der ewige Tod, je nachdem, ob man sich zu Lebzeiten für Jesus Christus oder gegen ihn entschieden hat. Und das nimmt dem Tod nicht nur jede Mystik, sondern auch jeden Schrecken.
Darum kann ich persönlich auch dem Tod ganz gelassen ins Auge blicken, wie nah oder fern er mir in diesem Moment auch sein mag.
Nichts desto trotz find ich es natürlich spannend, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, und freue mich daher auch, daß Du es so intensiv tust.

[) i r k
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon [) i r k » 27.11.2009, 19:40

Hallo Sven.
Mission geglückt. Für mich hat der Tod nichts Mystisches, er ist einfarbig, eintönig, monoton.

Tja, aber wenn der Tod wirklich so einfarbig, eintönig, monoton wäre, dann wäre das auch kein guter Gegenstand für ein Gedicht. Denn niemand liest gern einfarbige, eintönige, monotone Gedichte. -- Allerdings ist der Tod nun in der Literatur/Dichtung nach der Liebe wahrscheinlich das zweit-bedeutsamste Thema. Da sollte doch ein bisschen mehr drin sein - und sei es nur eine schwarzweiße Fußnote zu Perseus Reise in die Unterwelt oder ein mehrtöniges Echo zu Hamlets Selbstmord-Monolog.

Vielleicht mag ja das Sterben trivial sein und vielleicht magst du aus deinen Erfahrungen eine Art Gelassenheit destilliert haben. Aber davon lese ich leider in deinem Gedichts nichts. In deinem Gedicht kommen Stereotypen wie der "Gevatter Tod" (Mythos!!!) ebenso vor wie religiöse Anspielungen an den "jüngsten Tag" (Mythos!!!) und themenspezifische Klischees wie die vorbei fliegenden Erinnerungen (Mythos???). Dein Gedicht ist da ziemlich diffus und richtungslos. Es fehlt m.E. ein Tenor, ein roter Faden, ein Schwerpunkt des Blickwinkels.

Und deine Beschreibungen des Sterbeprozesses werden der Ernsthaftigkeit, die du für deine Erfahrungen in Anspruch nimmst, leider nicht gerecht. Einige Stellen wirken z.B. ungewollt komisch:
Atem beginnt zu schnappen,
zu schnappen nach Luft.

Andere Stellen sind für meinen Geschmack viel zu verallgemeinernd:
Ängste greifen nach einem letzten Strohhalm.
Ein Funke Lebenswille, aus Todesfurcht geboren.
Puls wird flacher, Augen schließen sich, Geist schwindet ...
Und der seelenlose Leib heißt Gevatter Tod willkommen.

Angst, Lebenswille, Todesfurcht, Geist, Leib... das sind große, umfangreiche Wörter. Über jedes dieses Wörter könnte man in Bezug auf das Thema Sterben ein eigenes Gedicht schreiben. Ein Gedicht über die Angst vor dem Tod. Ein Gedicht über die Entwicklung des Geistes im Alter. Ein Gedicht über den unerschütterlichen Lebenswillen. Ein Gedicht über den Unterschied von Angst und Furcht.

Wenn du deinen Leser berühren und ihm ein Gefühl oder eine Geisteshaltung (wie Gelassenheit) vermitteln willst, musst du konkreter werden, musst du dir thematisch engere Grenzen stecken. Dann rede nicht vom "Gevatter Tod", sondern beschreibe ganz beispielhaft, anschaulich und sinnlich, ohne Verallgemeinerung und Übertreibung einen Einzelfall. Dann kommst du der "gefühlten Monotonie", die du eigentlich beschreiben wolltest, vielleicht näher.

Denn, was wir als Leser hier empfangen ist ein Brei aus Allgemeinaussagen, welche die Unmittelbarkeit und Authentizität deiner persönlichen Erfahrungen überdecken.
Menschen bleiben zurück, stehen am Grab,
Tränen füllen die Augen, Trauer macht stumm.

Menschen ist zu allgemein. Was sind das für Menschen? Was tun sie? Was unterscheidet sie im Umgang mit dem Sterbenden, dem Toten? Am Grab stehen ist zu allgemein. Es gibt Gräber, es gibt Urnen, es gibt Leute, die sich einfrieren lassen... wie sieht das Grab aus? Wie riecht es auf dem Friedhof? Tränen und Trauer... versuche Tränen und Trauer zu beschreiben, ohne die Worte "Tränen" und "Trauer" zu verwenden. Was ist Trauer? Wie fühlt sich das an? Was passiert innerlich und äußerlich mit dem Trauernden? Es gibt Trauergäste, die vergießen äußerlich Tränen und sind innerlich ganz stumpf - und umgekehrt gibt es Menschen, die im Inneren, im Stillen trauern, die dies aber nicht gern äußerlich zeigen - aus Scham, aus religiösen Gründen, aus Respekt vor dem Toten. Trauer ist wie jede menschliche Empfindungsregung durchaus nicht so eindimensional und monoton - und bietet vielfältige dichterische Blickwinkel und Ansatzpunkte.

MfG,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)

DerBaum
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon DerBaum » 27.11.2009, 21:49

"Allerdings ist der Tod nun in der Literatur/Dichtung nach der Liebe wahrscheinlich das zweit-bedeutsamste Thema. "

Ich glaub die Hotlist ist so


1. Liebe
2. Gott
3. Denkmalschutz...


Vielleicht wunderst Du dich über den dritten Platz, aber
so wie ich Dich kenne, wunderst Du dich wahrscheinlich
über gar nix mehr

sven1421
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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon sven1421 » 28.11.2009, 00:16

@ [) i r k: Danke für Deine Hinweise! Einen davon nehm ich nach reiflicher Überlegung gleich mal auf und streiche den "Gevatter". Er gibt dem Ganzen offensichtlich doch zuviel Märchenhaftes! Das hat der Tod, so nüchtern, wie ihn mein Werk betrachten will, sich nicht verdient! In meinem Denkprozeß wollte ich anfangs auch die letzte Strophe ersatzlos streichen, doch ein wenig Hoffnung auf die kommende Welt (der Jüngste Tag ist übrigens für mich als Christ eine Gewißheit, kein Mythos) braucht jede Dichtung!

Der Tod

Finger und Zehen färben sich blau,
weil das Rot des Blutes sie nicht mehr erreicht.
Haut wird blaß und kalt,
weil Strahlen und Wärme den Körper verlassen.

Atem beginnt zu schnappen,
zu schnappen nach Luft.
Es gelingt ihm nicht mehr, sie einzufangen,
denn sie geht ihm langsam aus.

Gedanken fliegen, schweifen hin und her,
Erinnerung läßt Leben Revue passieren.
So vieles scheint unerledigt geblieben.
Doch Zeit wird knapp, viel zu knapp.

Ängste greifen nach einem letzten Strohhalm.
Ein Funke Lebenswille, aus Todesfurcht geboren.
Puls wird flacher, Augen schließen sich, Geist schwindet ...
Und der seelenlose Leib heißt den Tod willkommen.

Menschen bleiben zurück, stehen am Grab,
Tränen füllen die Augen, Trauer macht stumm.
Die Frage nach dem Warum schwebt unausgesprochen im Raum
und bleibt unbeantwortet bis zum Jüngsten Tag.

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Re: Der Tod [von Sven Schindler]

Beitragvon [) i r k » 28.11.2009, 01:46

@Sven
Vor allem für einen ersten Versuch ist das auf jeden Fall sehr respektabel - und Erstlinge sollte man nicht mehr anrühren. Also lass es ruhig so wie es ist. Ich wollte nur versuchen dir einen Erklärungsansatz zu geben, warum sich deine persönliche Erfahrung in und durch das Gedicht nicht so deutlich vermittelt wie vielleicht gewünscht. Ich würde dir aber bei weiteren Gedichten empfehlen, generell etwas konkreter zu schreiben und allgemeine Floskeln oder Begriffe zu "umschiffen". Wenn du das schaffst, hast du schon einen großen Sprung gemacht.


@DerBaum
Schön, dass du mal wieder da bist! :-)

DerBaum hat geschrieben:Ich glaub die Hotlist ist so


1. Liebe
2. Gott
3. Denkmalschutz...

Denkmalschutz, defintiv. Aber 2. ist definitiv Pizza-Calzone! :-D
aber so wie ich Dich kenne, wunderst Du dich wahrscheinlich über gar nix mehr

Ich wundere mich über Sie, Herr Hut, immer wieder. ;-)

Lieben Gruß,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)


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