jungen zeiten

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
hginsomnia
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jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 29.08.2011, 02:43

Aktuelle Version

als kind sah ich den himmel
als anziehende wölbung
damals gab es den himmel noch
und mama
hat mich mit ihm zugedeckt
und geschichten in die zeit gelesen
die es damals noch nicht gab

und wenn ich sie vergaß
sagte mama
geschichten in der zeit
ließen sich nicht wiederholen
nur mehrmals lesen

sie sagte es wie man es einem kind sagt
dem man die spanne des himmels erklären möchte
den abstand zwischen dem spreizen der finger
und dem schlafen unter wölbungen




1. Version

als ich ein kind war sah ich den himmel als anziehende wölbung
damals gab es den himmel noch
und mama hat mich mit ihm zugedeckt
und geschichten in die zeit gelesen
die es damals noch nicht gab
geschichten in die zeit
immer mehrmals
als könnte ich sie vergessen als ich ein kind war
vergaß ich sie zweimal
und fragte nach ihnen
geschichten in der zeit sagte mama
ließen sich nicht wiederholen
nur mehrmals lesen
sie sagte es wie man es einem kind sagt
dem man die spanne des himmels erklären möchte
den abstand zwischen dem spreizen der finger
und dem schlafen unter wölbungen

Perry
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Re: jungen zeiten

Beitragvon Perry » 30.08.2011, 21:16

Hallo hginsomnia,

ein Text, der mir durchaus aus der erinnerungsreichen Seele spricht.
Da wir hier aber nicht nur in wehmütigen Kindheitsphilosophien schwelgen, sondern "ernsthafte, sprich anspruchsvolle" Lyrik schreiben wollen, werde ich den Text dennoch etwas kritisch hinterfragen:

"als ich ein kind war sah ich den himmel als anziehende wölbung
damals gab es den himmel noch"

Neben der erzählerischen Breite, stören hier vor allem die -m.M. nach unnötigen- Wortwiederholungen.

Verständnisfragen:

"damals gab es den Himmel noch" -> den gewölbten gibt es noch immer, den kindlich verklärten meist nicht mehr.

"und geschichten in die zeit gelesen
die es damals noch nicht gab"

Geschichten, die es noch nicht gab, konnte die Mutter wohl kaum vorlesen und sollte Sience Fikton gemeint sein, dann war das wohl kaum eine geeignete Gute-Nacht-Lektüre. Ich vermute, du wolltest "Märchen" damit umschreiben, aber die sind auch heutzutage noch nicht Realität, sie werden höchstens verfilmt.
Vielleicht hast du aber auch die Zeit gemeint, die für das Kind damals noch nicht als solche erkennbar war, da aber auch die Mutter diese Formulierung benutzt, schwanke ich bei dieser Auslegung etwas.

Diese kleinen Unschärfen aus meiner Sicht sollen aber den besonderen Charme deines Textes nicht schmälern.

LG
Perry

hginsomnia
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Re: jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 15.09.2011, 14:09

Etwas spät, aber danke für deine Einlassung Perry,

Perry hat geschrieben:"als ich ein kind war sah ich den himmel als anziehende wölbung
damals gab es den himmel noch"

Neben der erzählerischen Breite, stören hier vor allem die -m.M. nach unnötigen- Wortwiederholungen


Sorry, aber bei erzählerischer Breite muss ich nun doch lächeln. Kann man hier nun wirklich nicht sagen.
Was die Wortwiederholungen betrifft:
Mich beschleicht das Gefühl, dass dahinter dieses in der Schule erlernte unsinnige Dogma steht. Hier sind die Wiederholungen alles andere als unnötig, ja, sie müssen dort stehen. als-als ist ja polysem und hier auch zweifach verwendet, auch der Himmel ist in der ersten Zeile ein anderer als in der zweiten.
Ich könnte hier also höchstens über Umstellungen nachdenken, etwa: den himmel gab es damals noch' - gefällt mir aber nicht.

Perry hat geschrieben:Geschichten, die es noch nicht gab, konnte die Mutter wohl kaum vorlesen und sollte Sience Fikton gemeint sein, dann war das wohl kaum eine geeignete Gute-Nacht-Lektüre. Ich vermute, du wolltest "Märchen" damit umschreiben, aber die sind auch heutzutage noch nicht Realität, sie werden höchstens verfilmt.


Nein, Keine Science-Fiction, keine Märchen, noch nicht mal Gute-Nacht-Geschichten (aus deren Wortfeldern ich mich allerdings bediene), einfach Geschichten, die für das Kind keinen Sinn ergeben und somit erst später welche werden, quasi im Zuge der Fortentwicklung rezeptioneller Eigenschaften.
Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Der Text ist ein sehr trauriger, wie ich finde. Vielleicht ist er etwas zu romantisch verpackt, denn eigentlich ist er, der Text, schaurig.

lg
hginsomnia

Perry
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Re: jungen zeiten

Beitragvon Perry » 15.09.2011, 20:33

Hallo hginsomnia,
mag sein, dass dem Texte eine für dich traurige Erinnerung zugrunde liegt, aber das sollte kein Grund sein, ihn nicht als das zu betrachten was er ist, ein Text der sich mit der Wirkung von "Gute-Nacht-Geschichten" auf Kinder befasst.
Formal kann ich deine Sicht nicht teilen, was "dieses in der Schule erlernte unsinnige Dogma" anbelangt.
Lyrik unterscheidet sich von Prosa für mich hauptsächlich dadurch, dass das erzählerische/beschreibende Element durch eine verdichtete Bildsprache bzw. ein Bildgerüst ersetzt wird, dessen Freiräume der Leser mit dem füllen kann, was der Text in ihm freisetzt. Der Übergang ist dabei fließend vom Prosagedicht
bis hin zu experimentiellen Bildfragmente.
Speziell am Beispiel des zweimaligen "Himmels" bedeutet dies, dass der Lyriklesende, die verschiedenen Bedeutungen durchaus selbst herauslesen kann und soll.

Vorschlag:
als kind sah ich den himmel
noch als anziehende wölbung
mit der mich mama zudeckte ...

Selbstverständlich kannst du schreiben wie du willst,
meine Sicht sollte nur als Gedankensnstoß dienen.

LG
Perry

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Re: jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 16.09.2011, 04:20

Nun gut, Perry

ähm, es könnte, wenn du häufig mit den groben Einteilungen argumentierst, jene geben, die darüber nicht sehr erfreut sind, soviel als Vorwarnung, falls du solche Repliken auch anderen schreibst. Ich finde es jetzt eher amüsant.

Nur soviel: Sowenig ich dir erklären muss, was Prosa und Lyrik sind, so wenig musst du mir das erklären. Dass dein Unterscheidungskriterium für mich hier recht grobschlächtig und einseitig ausfällt, muss uns nicht weiter interessieren.

Perry hat geschrieben:mag sein, dass dem Texte eine für dich traurige Erinnerung zugrunde liegt, aber das sollte kein Grund sein, ihn nicht als das zu betrachten was er ist, ein Text der sich mit der Wirkung von "Gute-Nacht-Geschichten" auf Kinder befasst.


Nein, so schreibe ich gar nicht, also ich erinnere mich nicht an etwas und schreibe dann darüber einen Text, allerhöchstens bildet eine Erinnerung einen Anker. Meistens sind es mehrere Erinnerungen, die einen solchen Anker bilden. Und hier ist es gar keine Erinnerung.

Jedenfalls: Nein Perry, das ist der Text sicher nicht und das sage ich nicht, weil ich ihn geschrieben habe. Der Text spielt allenfalls mit dem stereotypen Bild der Gute-Nacht-Geschichte (Mutter, Kind, zudecken, lesen als Wortfeld daraus), er erzählt aber etwas völlig anderes.

Perry hat geschrieben:Speziell am Beispiel des zweimaligen "Himmels" bedeutet dies, dass der Lyriklesende, die verschiedenen Bedeutungen durchaus selbst herauslesen kann und soll.


Offensichtlich kann er das nicht. Du hast sie jedenfalls nicht herauslesen können, wie mir dein Vorschlag zeigt. Dort würden sie nämlich untergehen. Hättest du sie herausgelesen, wüsstest du, warum ich den Satz : 'damals gab es den himmel noch' unbedingt brauche.

Und dass er das soll, ist Unsinn. Er darf es. Wenn er es nicht tut, so wie du jetzt, bin ich ihm nicht böse.

Was nicht heißen soll, dass mich der Text zufriedenstellt. Ich muss ihn wohl noch schärfer behandeln, härter machen, den Abgrund deutlicher zu Tage fördern.

Allerdings nicht so, auf der einfachsten aller Ebenen.

lg
hginsomnia

shuya
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Re: jungen zeiten

Beitragvon shuya » 16.09.2011, 12:45

starkes ding. gefällt mir sehr gut.

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Re: jungen zeiten

Beitragvon shuya » 20.09.2011, 12:12

jetzt nach mehrmaligen lesen
will ich sagen: es hätte anders ausfallen können, vielleicht mit mehr verdichtung und konzentration.

es gab und gibt diese zwei stellen, die mich sehr berühren
1. "geschichten in die zeit"
es ist ein sehr romantischer satz, fast ein wenig infantil - aber es steht ein ruhiger ernst dahinter,
ein ernst den man nur entwickeln kann, wenn man lange versucht hat zeit zu begreifen - und zum schluss gekommen ist, dass es einem nicht möglich ist
und eben weil so viel mensch dahinter steht, eine lange auseinandersetzung, ja, man will sagen, so viel erinnerung, ist es m.E. ein unheimlich starker satz.

2. "sie sagte es wie man es einem kind sagt
dem man die spanne des himmels erklären möchte
den abstand zwischen dem spreizen der finger"
das ist sehr rührend, finde ich. ich denke was mich daran tangiert ist diese gleichsetzung: die spanne des himmels, der abstand zwischen dem spreizen der finger
als mache es keinen unterschied, als sei es ein und derselbe abstand
und er ist es wohl
und es ist ein schönes gefühl, dass mir dort enthalten ist
ein tiefes nachhorchen in unser gefühl von raum, das sich so sehr über bedeutungen definiert
über ein maß das wir ansetzen
aber auch weglassen könnten - wie es hier geschieht.
und auch da erfühle ich ein großes verständnis der eigenen wahrnehmung
und siehe oben

ich denke es sind die beiden stellen die mich sehr gereizt haben

oh und vielleicht noch
"geschichten in der zeit sagte mama
ließen sich nicht wiederholen"

aber der rest, wirkt auf mich ein wenig wie füllmaterial um dieses klare gefühl herum
und das könnte sich noch ändern meine ich,
mehrmals ändern, bis es richtig sitzt.

hginsomnia
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Re: jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 27.09.2011, 15:02

hallo shuya,

danke für deine einlassung. ich stimme dir zu, dass das gefühl noch etwas deutlicher, besser herausgearbeitet werden muss. ich habe gerade keine idee dazu, wollte aber schreiben, damit klar ist, dass deine ausführung nicht ungelesen verhallt.

vielen dank und lg

hginsomnia


editiert:

änderungen schreibe ich erstmal hier rein. ich muss, so in der nachbetrachtung, perry vielleicht auch ein stück weit rechtgeben. vielleicht habe ich ihn anfänglich falsch aufgefasst und mich zu sehr auf seine dogmen gestürzt.

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Re: jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 27.10.2011, 03:52

ich habe mal etwas dran geschraubt, etwas ausgedünnt


als kind sah ich den himmel
als anziehende wölbung
damals gab es den himmel noch
und mama
und das zudecken mit den sternen
und geschichten in die zeit gelesen
die es damals noch nicht gab

und wenn ich sie vergaß
sagte mama
geschichten in der zeit
ließen sich nicht wiederholen
nur mehrmals lesen

sie sagte es wie man es einem kind sagt
dem man die spanne des himmels erklären möchte
den abstand zwischen dem spreizen der finger
und dem schlafen unter wölbungen

Edekire
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Re: jungen zeiten

Beitragvon Edekire » 12.11.2011, 00:54

hallo hginsomnia


das gedicht gefällt mir gut es tut so einfach und kindlich und gleichzeitig ist es so wie ein sieb im sandkasten und darunter ist eine libelle gefangen und schwirrt...

zuerst hab ich gedacht das mir die erste version wirklich besser gefällt und nach einer weile nachdenken habe ich festgestellt, das die erste zeile mir so:

als ich ein kind war sah ich den himmel als anziehende wölbung


irgendwie biblisch erschien. ich dachte immer daran:
Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war.

vermutlich hauptsächlich durch den klang des satzes und in der zweiten version hatte ich das nicht mehr.
als kind sah ich den himmel
als anziehende wölbung
damals gab es den himmel noch
und mama
und das zudecken mit den sternen



nachdem ich mich davon gelöst hatte bekomme ich hiermehr den eindruck einess verlustes als in den ersten version, die aber ansonsten vor allem klanglich schöner finde
mir gefällt allerdings da zudecken mit den sternen nicht so sehr. es kommt mir ein bisschen viel vor und in meiner vorstellung eignet sich der himmel sehr viel besser als decke, das hat mir in version 1 besser gefallen. ich gebe zu es ist nicht so ganz einfach zu kombinieren.. so vielleicht:

damals gab es den himmel noch
und mama
sie hat mich mit ihm zugedeckt
und geschichten in die zeit gelesen
die es damals noch nicht gab



den danach folgenden teil finde ich in der zweiten version klarer da musste ich mich in der ersten ziemlich durchackern.

sie sagte es wie man es einem kind sagt
dem man die spanne des himmels erklären möchte
den abstand zwischen dem spreizen der finger
und dem schlafen unter wölbungen


das ist sehr schön, auch wenn es gedauert hat bis in gewisses verständnis in mich eingesickert ist.
es ist auch immer noch nicht sehr deutlich und immer wenn ich es durchdenken will tue ich mich schwer. ich denke jetzt der abstand muss zwischen dem spreizen der finder und dem schlafen sein, sonst ist das schlafen übrig. kann es einen abstand zwischen dem schlafen und etwas geben...
wie du siehst, ich kann das sieb nicht lüften die libelle schwirrt weiter vielleicht ist das auch recht und ich muss jetzt schlafen unter der durchhängenden decke meines zimmers mit dem vielfach übermalten stuck

gute nacht

edekire

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Re: jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 12.11.2011, 03:30

hi edekire,

danke für deine beschäftigung mit meinem text

Edekire hat geschrieben:damals gab es den himmel noch
und mama
sie hat mich mit ihm zugedeckt
und geschichten in die zeit gelesen
die es damals noch nicht gab


das übernehme ich fast 1:1 - vielen dank. du hast m.e. recht, dass die sterne unpassend sind, jedenfalls wieder etwas zuviel hinzugeben.

ich nehme nur das 'sie' raus.


Edekire hat geschrieben:ich denke jetzt der abstand muss zwischen dem spreizen der finder und dem schlafen sein, sonst ist das schlafen übrig. kann es einen abstand zwischen dem schlafen und etwas geben...


ich löse mal in eine richtung auf (auch wenn es mehr als diese gibt): darin steckt m.e. auch der abstand zwischen der lüge und dem traum.


deine anderen überlegungen, besonders die zum texteingang, lasse ich mir noch durch den kopf gehen.

lg
hginsomnia

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Re: jungen zeiten

Beitragvon riemsche » 12.11.2011, 21:12

das ausgedünnte mag ich. erinnert mich ein wenig an die pralinengeschichten von forrest gump an der bushaltestelle. dass /mama/ in der dritten passiage /sie/ wird, geht vorsichtig abiz auf distanz. wahrscheinlich ist zeit vergangen. die wölbungen verstärken das. klassisch. keine kuppel. schon älteres kind? (:->))
lGr

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Re: jungen zeiten

Beitragvon hginsomnia » 17.11.2011, 11:45

finde ich gut, dass das so rauslesbar ist. war ein gedankengang von mir, der also rezeptionell funktionieren kann, was immer gut ist, wenn es sich bestätigt ;-)

ich ändere jetzt erstmal oben.


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