vor'm automaten

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
hginsomnia
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vor'm automaten

Beitragvon hginsomnia » 09.03.2013, 21:13

"'n scatter noch", rief der alte riechende,
erfahrener geldverlierer, der konnte einen
einweisen, wo man nachweisen musste,
- sich über's abwesende ausweisen - ein leben

zu führen aus bruchstücken wie fehlende scatter,
wie fruchtfliegenfleisch auf bananen
schalen, die unter eine couch gerutscht
oder in den döschen der letzten woche

vergessen waren, wie zigaretten
stummel in einer minivase, die
tulpen hielt, wie ein sexistischer
slogan über den fenstern der mode

geschäfte, wie schuhkartons auf nicht isolierten
dachböden, die spielzeugautos darin,
die puppen darin, die karten, kugeln,
bücher darin, die altkleidung darin,

- ausgeleierte büstenhalter, urin
befleckte slips und shorts, vielleicht
auch mäntel und jacken, pullover und
hosen, bestimmt socken, die nicht mehr

zum stopfen gereichen - die ausgeschnittenen
artikel darin, wie die unbedachten worte
darin, wie die watte darin, wie die plastiken
darin, wie die schlaglöcher da draußen,

die teerflicken, wie die dreiblättrigen
kleeblätter, gepflückt da draußen und liegen
gelassen, wie da draußen die nebel-
und hier drinnen die rauchschwaden,

wie die rasenreste auf schlacke
plätzen da draußen, wie die pokale
hier drinnen, die zwanzig jahre zurück
reichen, wie das kalenderblatt von

gestern, wie die drinks der vor
gestrigen, wie die zigarren aus paris und
die weine aus havanna, wie die cents
von heute, die cents an die bäcker

der unversprochenen brote, wie die cents
in den automaten von morgen, egal
dem alten riechenden und den sitzen
gebliebenen, egal wie fehlende scatter,

und die bäcker und die automaten sind mir egal,
und die zehn-cent-spiele sind uns egal und die
ein-euro- und die zwei-euro-spiele, und
die einweisung ist mir egal wie die ausweisung,

und die auszeichnung durch den nachweis: egal,
und der geruch des alten: egal,
und der alte und die gebliebenen: nicht egal,
nicht egal wie der gedanke an

die junge duftende, und der gedanke ist ein sperma
fleck auf einem schoß, ein tiger in einem safari
park, ein käsestück in einer mausefalle, und
der gedanke ist ein aufstehen,

gehen, hinsetzen in einem kleinen zimmer
mit flackerndem licht, und der gedanke ist ein licht,
das niemals erlischt, und der gedanke ist ein song,
der daran erinnert. der gedanke ist ein vampir

in unterwäsche, eine ausweitung der liebes
zone, ein japanischer meiler, ein deutscher
samurai, ein nutzloses wakizashi. der gedanke
ist eine wanze in einem gesprengten

gebäude, der einkauf von rosen im 24h-
discount um drei uhr nachts, das einwerfen von
cents und euros in einen automaten um drei uhr
nachts, der atem eines alten um

drei uhr nachts. der gedanke ist eine verletzung
auf gerader strecke, und der gedanke ist eine
kommende op, die gut ausgehen mag.
der gedanke ist eine suche nach den großen

scheinen, eine eingesponnene spinne, ein flieder
busch hinter einem stacheldraht
zaun, und der gedanke sind zwei hände, eine
voller bonbons, die andere das herz

auf eine zunge legend. der gedanke ist ein puff
besuch, und der gedanke ist wie: "wenn ich sitzen
bleibe, frisst mich die stadt, wenn ich
rausgehe auch."




(inspiriert durch r.d.b.)

Näherungsweise
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Re: vor'm automaten

Beitragvon Näherungsweise » 13.03.2013, 18:27

hginsomnia hat geschrieben:(inspiriert durch r.d.b.)

erkennt man. :-)

aber zu lang.

für meinen geschmack etwas weniger postmoderne und etwas mehr emotion/dramaturgie.

du solltest aber deine letzten gedichte auf jeden fall mal zur veröffentlichung anbieten. denke ich. falls du es ohnehin nicht schon machst.

grüße,
nw.
Besuch mich mal... in meinem kleinen Blog-Haus

Perry
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Re: vor'm automaten

Beitragvon Perry » 16.03.2013, 19:33

Hallo hginsomnia,

R.D.B. ist natürlich eine besondere Inspirationsquelle. ;-)
Ich habe den Text nun zweimal gelesen und schwanke immer noch zwischen ansprechender Bilderflut und nervenden Wie-Vergleichen. :-)
Als Stolperstein empfinde ich den "scatter", der mir einerseits als Begriff nicht geläufig ist und in der Übersetzung "Streuer" im verwendeten Kontext auch nichts sagt.
Thematisch finde ich den Text durch die Auseinandersetzung des LI mit den Widrigkeiten seiner Umgebung gut in Bilder gesetzt, Automaten, Schlaglöcher, unversprochene Brote etc. spiegeln die Anonymität und Tristess des Alltags wieder.
Schwächen sehe ich allerdings in den zu häufigen und teileweise nervenden Wie-Vergleichen (als Leser will ich auch meine eigene Fantasie einbringen ;-) )..

Beispiel: ein leben zu führen ...

"wie die zigarren aus paris und
die weine aus havanna"

ist es nicht eher umgekehrt?

Insgesamt ein Text der den Leser fordert bis hin zur Überforderung.

Soweit mein Eindruck, als Freund von mehr verdichteten Texten.

LG
Perry

hginsomnia
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Re: vor'm automaten

Beitragvon hginsomnia » 17.03.2013, 00:08

Hallo zusammen,

@ näherungsweise

ich finde die jetzt nicht so gut bzw. fertig, dass ich sie veröffentlichen lassen wollte. das hier z.b. ist für mein verständnis noch zu kurz :-D, eben um besagte dramaturgie aufzubauen. ich kann mit dem gegensatz postmoderne vs. dramaturgie was anfangen, mit jenem der postmoderne vs. emotion allerdings überhaupt nicht.

... aber das gebilde hier kann sicherlich noch rhythmischer werden


@ perry

scatter sind die symbole bei spielautomaten, bei denen man freispiele bekommt, wenn 2 oder 3 (je nach spiel) zusammen kommen.

das problem mit dem vergleich ist halt, dass die häufung hier mein stilmittel ist. man kann das natürlich mögen oder nicht. ich kann auch absolut verstehen, wenn man das nicht mag, allerdings ist eben die häufung hier für diesen konkreten text unverzichtbar. interessanter wäre für mich, ob der rhythmus funktioniert oder ob die vergleiche innerhalb der assoziationsgrenzen liegen. für mich war es ein schmaler grat zwischen sich etwas rausnehmen (was notwendig ist) und gleichzeitig nicht absolute willkür walten zu lassen.

zu deinem beispiel:

Perry hat geschrieben:"wie die zigarren aus paris und
die weine aus havanna"

ist es nicht eher umgekehrt?


ja, eben! darum geht es ja. an der stelle kannst du jede menge phantasie einbringen, warum es denn umgekehrt ist ;-)


aber danke, euch beiden

lg
hginsomnia


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