Nacktschneckenkuss
Sollen wir Freund spielen?, fragt er - und das an der Grenze zwischen Nacht und Tag, in der Stunde des Wolfes. Mit Partyresten beklebte Gesichter werden ans Licht gezerrt. Die Nacht haben sie zu Jazz vertanzt; ihre Schritte jetzt nunmehr eine Improvisation auf dem Asphalt. In den Bars wird es hell; Müllsäcke vor den Türen, die Türen geschlossen. Weichgezeichnete Fassaden am Rande der Stadt. In einem Hauseingang dann die Tänzer; sie sehen zwielichtig aus, und das gefällt ihnen.
Sie sind zu alt für Ich muss nach Hause und nicht groß genug für Zu dir oder zu mir?
Sie raucht nachdenklich; sie kann auch ironisch oder herablassend rauchen, versteht es, sich ganz und gar in eine Zigarette zu packen. Sie weiß, dass sie schön ist beim Rauchen und raucht nie allein.
Ihre Lippen sind zerküsst, Spuren anderer Hauseingänge.
Vielleicht merkt er mir das an, so wie Wölfe läufige Wölfinnen riechen.
Rauch und Schweiß machen den Hauseingang enger. Da fragt er noch einmal, und sie hat keine Zigaretten mehr.
Ausgerechnet jetzt, am Rand, und diese Frage im Hauseingang, man muss doch die Grenzen kennen, Tag und Nacht nicht verwechseln, denkt sie und sagt: Die Art, wie du fragst, ich mag das nicht.
Ihre Finger spielen mit dem Feuerzeug, sie verbrennt sich, lächelt gelangweilt und wendet das Gesicht ab. Er verfehlt ihre Lippen und küsst stattdessen das Ohr, versucht daran zu knabbern. Darüber hinaus: das Klirren seiner Zähne auf ihrem Ohrring.
Vor dem Hauseingang verliert sich die Nacht. Zwiespälte sind nicht erwünscht zu dieser Zeit, schnelle Entscheidungen von Vorteil. Verpasste Chancen lächeln um jede Straßenecke. In einem Hauseingang sind zerküsste Lippen kein Störfaktor, solange der Hauseingang selbst keiner ist. Mit heruntergelassener Jeans und der Wand im Rücken stemmt sie die Arme gegen seine Brust. Das hält ja kein Mensch aus, sagt sie laut, ihre Stimme prallt an den Wänden ab. Es ist lächerlich, in der Stunde des Wolfes den Mond anzuheulen.
Du hast mich angetanzt, nicht umgekehrt, sagt er.
Zieh die Nacht nicht in den Tag hinein. Ihre Stimme verdünnt sich: So weit kann es doch nicht kommen, nur weil wir nicht wissen wohin, bis es hell wird.
Zerredest du das Ficken immer so?, fragt er.
Heutzutage sagt doch keiner mehr Nein. Gähnen macht nicht wacher und Weinen nicht glücklicher.
Halt die Fresse.
Rede nicht so mit mir. Du bist irgendwer.
Und du sonderbar.
In Hauseingängen trifft man immer nur auf besondere. Das muss wohl so sein, sagt sie leise. Es kommt mir alles zu verwegen vor, will sie hinzufügen, aber er hört nicht, und sie sehnt sich nach Zigaretten, weil Rauch eine Wand im Rücken erträglicher macht.
Er muss verstehen, was im Dunkeln begonnen wurde, hat bei Tag keine Chance, hässlich wird es. Ich trage doch kein Zu verkaufen--Schild. Hauseingänge können unmöglich gesund sein. Sie dreht sich um, ihr Gesicht berührt die Wand, sie flüstert: Hör auf, meine Lippen zu zerküssen.
Was?
Ich sage, hör auf, meine Lippen zu zerküssen. Es wird gleich hell. Die Schlampen sind müde.
Morgenlicht fällt in den Hauseingang, und sie ziehen sich an, hören in der Ferne ein Flugzeug landen. Wahrscheinlich landen die ganze Zeit Flugzeuge, Nachtschleicher wie wir, wen interessiert das schon?
Geh jetzt.
Er schreibt seine Nummer auf. Sie wirft den Zettel in die nach Pisse stinkende Ecke. Die Tänzer treten hinaus auf die Straße, und er kauft Zigaretten für sie.
Ich nehme dich mit nach Schweden, sagt er, dort ist die Luft anders.
Sie sieht ihn nicht an.
Auch dort lauern Hauseingänge, sagt sie schließlich und rennt davon.
número dos
Re: número dos
Und wieder... siehe "número uno", siehe Samstag...
Aber anstelle eines Ehrfurchtsseufzers (der auch wieder angebracht wäre), möchte ich hier ein weiteres Mal und auf die Gefahr hin zu nerven Deine Fähigkeit loben, Atmosphäre zu schaffen und glaubhafte Personen - ohne auch nur im Ansatz irgendwas oder irgendwen genau zu beschreiben. Wir hatten ja auf dem Weg zur U-Bahn noch mal das Thema "Adjektive". Das hier ist genau was ich meinte: Wenn jemand so begnadet in den Text und die Atmosphäre ziehen kann wie Du - und das ist ganz Gewiss eine Sache des Gespürs und des Talentes - ist jede Beschreibung zuviel eine Verschwendung von Leserphantasie und eigenem Talent. Du triffst fast immer, wie ich finde, mit bemerkenswerter Sicherheit die richtige Balance.
Zwei Dinge stören mich hier. Nummer 1 ist eine absolute Kleinigkeit: Die Umbrüche. Beispiel:
Du umbrichst unterschiedlich, einmal innerhalb der Rede einer Person, einmal nicht. Das irritiert (Mich. Etwas.).
Bei Nummer 2 bin ich nicht sicher, ob nur ich ein Problem damit habe, oder ob das allgemein ist: Es geht um "die Stunde des Wolfes". Zum einen kommt mir die Formulierung klischeehaft vor, vielleicht liegt das aber wirklich daran, dass sie mir aussergewöhnlich oft begegnet. Ich lese sicher ungewöhnlich viele Bücher und sehe ungewöhnlich viele Filme in denen Wölfe, mehr oder weniger symbolisch, eine Rolle spielen. Dazu kommt erschwerend, dass ich das Stück "Hour of the Wolf" von Billy Joel sehr mag und gerne und oft höre. Vielleicht bin ich einfach überwolft...
Ich frage mich aber ausserdem, ob der Wolf hier ein gutes Bild ist. Ich (wie gesagt - subjektiv) verbinde damit (in diesem Zusammenhang!) vor allem Jagen - Einkreisen - Stellen - Reissen (symbolisch). Und ein grosser Jäger vor dem Herrn kommt mir hier nicht vor. Habe ich Dich falsch verstanden?
Aber anstelle eines Ehrfurchtsseufzers (der auch wieder angebracht wäre), möchte ich hier ein weiteres Mal und auf die Gefahr hin zu nerven Deine Fähigkeit loben, Atmosphäre zu schaffen und glaubhafte Personen - ohne auch nur im Ansatz irgendwas oder irgendwen genau zu beschreiben. Wir hatten ja auf dem Weg zur U-Bahn noch mal das Thema "Adjektive". Das hier ist genau was ich meinte: Wenn jemand so begnadet in den Text und die Atmosphäre ziehen kann wie Du - und das ist ganz Gewiss eine Sache des Gespürs und des Talentes - ist jede Beschreibung zuviel eine Verschwendung von Leserphantasie und eigenem Talent. Du triffst fast immer, wie ich finde, mit bemerkenswerter Sicherheit die richtige Balance.
Zwei Dinge stören mich hier. Nummer 1 ist eine absolute Kleinigkeit: Die Umbrüche. Beispiel:
Zieh die Nacht nicht in den Tag hinein. Ihre Stimme verdünnt sich: So weit kann es doch nicht kommen, nur weil wir nicht wissen wohin, bis es hell wird.
Zerredest du das Ficken immer so?, fragt er.
Heutzutage sagt doch keiner mehr Nein. Gähnen macht nicht wacher und Weinen nicht glücklicher
Du umbrichst unterschiedlich, einmal innerhalb der Rede einer Person, einmal nicht. Das irritiert (Mich. Etwas.).
Bei Nummer 2 bin ich nicht sicher, ob nur ich ein Problem damit habe, oder ob das allgemein ist: Es geht um "die Stunde des Wolfes". Zum einen kommt mir die Formulierung klischeehaft vor, vielleicht liegt das aber wirklich daran, dass sie mir aussergewöhnlich oft begegnet. Ich lese sicher ungewöhnlich viele Bücher und sehe ungewöhnlich viele Filme in denen Wölfe, mehr oder weniger symbolisch, eine Rolle spielen. Dazu kommt erschwerend, dass ich das Stück "Hour of the Wolf" von Billy Joel sehr mag und gerne und oft höre. Vielleicht bin ich einfach überwolft...
Ich frage mich aber ausserdem, ob der Wolf hier ein gutes Bild ist. Ich (wie gesagt - subjektiv) verbinde damit (in diesem Zusammenhang!) vor allem Jagen - Einkreisen - Stellen - Reissen (symbolisch). Und ein grosser Jäger vor dem Herrn kommt mir hier nicht vor. Habe ich Dich falsch verstanden?
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
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Re: número dos
Hola!
Jaja, der Adjektivverachter spricht wieder aus dir... aber ich steh da ja vollends auf deiner Seite, wie gesagt, ich versuche immer so zu schreiben, wie ich es gern lesen würde, und ich mag Adjektive einfach nicht und wenn, dann nur schlichte wie "sehr".
Was ich hier vor allem ausprobiert habe, ist den inneren Monolog mit dem Erzähltext zu verschachteln.
Die Umbrüche sind einfach durch die Formatierung beim Posten bedingt, dafür kann ich nichts.
Ja... die Stunde des Wolfes. Ich weiß, der Ausdruck ist kräftig, sehr sogar. Ich habe auch lange überlegt, ob man heutzutage noch von Wölfen schreiben darf, ohne zum Klischee abgestempelt zu werden. Aber weißt du, irgendwann dachte ich dann, scheiß drauf, ich mag die Formulierung einfach, und ich denke nicht, dass das den Text zerstört, wenn ich mir einmal so ein Bild erlaube. Da hab ich mich dann für den Wolf entschieden. Meiner Mutter gefällt die Stunde des Wolfes beispielsweise auch nicht, du bist also nicht zwingend überwolft.
Du hast schon recht, ein Jäger vor dem Herrn ist das nicht, aber gerade dieses Gefühl des Eingekreistseins, das Lauernde und irgendwie doch Jagende wollte ich schon vermitteln.
Welches Gefühl kommt denn in dir auf, beim Lesen?
Jaja, der Adjektivverachter spricht wieder aus dir... aber ich steh da ja vollends auf deiner Seite, wie gesagt, ich versuche immer so zu schreiben, wie ich es gern lesen würde, und ich mag Adjektive einfach nicht und wenn, dann nur schlichte wie "sehr".
Was ich hier vor allem ausprobiert habe, ist den inneren Monolog mit dem Erzähltext zu verschachteln.
Die Umbrüche sind einfach durch die Formatierung beim Posten bedingt, dafür kann ich nichts.
Ja... die Stunde des Wolfes. Ich weiß, der Ausdruck ist kräftig, sehr sogar. Ich habe auch lange überlegt, ob man heutzutage noch von Wölfen schreiben darf, ohne zum Klischee abgestempelt zu werden. Aber weißt du, irgendwann dachte ich dann, scheiß drauf, ich mag die Formulierung einfach, und ich denke nicht, dass das den Text zerstört, wenn ich mir einmal so ein Bild erlaube. Da hab ich mich dann für den Wolf entschieden. Meiner Mutter gefällt die Stunde des Wolfes beispielsweise auch nicht, du bist also nicht zwingend überwolft.
Du hast schon recht, ein Jäger vor dem Herrn ist das nicht, aber gerade dieses Gefühl des Eingekreistseins, das Lauernde und irgendwie doch Jagende wollte ich schon vermitteln.
Welches Gefühl kommt denn in dir auf, beim Lesen?
Re: número dos
Wenn Dir Die Stunde des Wolfes so wichtig ist, solltest Du sie drin lassen.
Tja, welche Gefühle kommen auf?
Wenig Mitleid mit dem Möchtegernjäger, vor allem, weil mir seine hilflose Flucht in Phrasen und Grobheiten kindisch erscheint. Er ist seiner Beute jederzeit unterlegen. Sie scheint selbst ziemlich verunsichert oder zumindest unsicher zu sein, dafür, diesen hormonbesoffenen Lappen in Schach zu halten, reicht es aber allemal. Es ist eine schöne Vorführung dessen, was passiert, wenn jemand, der sich für erfahren hält auf ein Verhalten trifft, das nicht in sein Schema passt. Und mir gefällt, dass sie für sich Grenzen des Geschmacks zieht.
Eigentlich, denke ich gerade, ist das Wolfsbild doch nicht so schlecht. Während die beiden ihr verbales Scheingefecht führen, belauern sie sich ja auf einer ganz anderen, durchaus animalischen Ebene. Leider weiss ich wenig über das Paarungsverhalten der Wölfe. Aber das Rudel wird, wenn ich mich nicht irre, von einem dominanten Weibchen geführt. Wenn das auch die Rollen bei Balz und Paarung prägt, scheint das Bild sehr zu passen.
Ebenfalls passend als Gestaltwandlerbild: Nachts Wolf, Tags Mensch.
Ich hatte mich etwas zu sehr auf die Jagdmetapher festgelegt, glaube ich
.
Tja, welche Gefühle kommen auf?
Wenig Mitleid mit dem Möchtegernjäger, vor allem, weil mir seine hilflose Flucht in Phrasen und Grobheiten kindisch erscheint. Er ist seiner Beute jederzeit unterlegen. Sie scheint selbst ziemlich verunsichert oder zumindest unsicher zu sein, dafür, diesen hormonbesoffenen Lappen in Schach zu halten, reicht es aber allemal. Es ist eine schöne Vorführung dessen, was passiert, wenn jemand, der sich für erfahren hält auf ein Verhalten trifft, das nicht in sein Schema passt. Und mir gefällt, dass sie für sich Grenzen des Geschmacks zieht.
Eigentlich, denke ich gerade, ist das Wolfsbild doch nicht so schlecht. Während die beiden ihr verbales Scheingefecht führen, belauern sie sich ja auf einer ganz anderen, durchaus animalischen Ebene. Leider weiss ich wenig über das Paarungsverhalten der Wölfe. Aber das Rudel wird, wenn ich mich nicht irre, von einem dominanten Weibchen geführt. Wenn das auch die Rollen bei Balz und Paarung prägt, scheint das Bild sehr zu passen.
Ebenfalls passend als Gestaltwandlerbild: Nachts Wolf, Tags Mensch.
Ich hatte mich etwas zu sehr auf die Jagdmetapher festgelegt, glaube ich
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Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
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Re: número dos
Hallo Glaspuppe!
Ich habe razorbacks zweites Posting nicht gelesen, um die Frage
einigermaßen unbeeinflusst beantworten zu können.
Aber zunächst ein paar Worte unabhängig davon: ein hervorragender Text, eine hervorragende Geschichte. Dieser Text beeindruckte mich auf unserem Treffen am allermeisten. Respekt!
Was "die Stunde des Wolfes" angeht, so fand ich das Bild gar nicht soooo abgenutzt. Das mag an konträren Lesegewohnheiten liegen - im Vergleich zu razorback, sei`s drum: Der Text hat so oder so genügend Qualität.
Nun zu deiner Frage: Mich hat der Text zunächst sehr nachdenklich, dann sehr beklommen und zuletzt sehr neugierig gemacht.
Die von dir geschilderte Beziehung bewegt sich abseits der ausgelutschten Erzählpfade. Es gelingt dir auf spielerisch leicht scheinende Weise den Figuren Tiefgang und Individualität zu verleihen. Es klingt vielleicht komisch, aber erst einmal habe ich nicht über den Inhalt deiner Geschichte nachgedacht, sondern meine ersten Gefühle leiteten mich zu einem Nachdenken über Beziehungsgeschichten an sich. Ich habe diesbezüglich in meinem Leben dermaßen viel, man verzeihe mir den harten Ausdruck, "Schrott" gelesen, dass diese Geschichte eine echte Wohltat war.
Nachdem die Nachdenklichkeit darüber sich gelegt und in ein wohliges Gefühl verwandelt hatte habe ich die Geschichte noch einmal gelesen. Nun rückte der Inhalt in den Mittelpunkt. Ehrlich gesagt hat mich das Ganze ziemlich niedergeschlagen. Die bedrängte und gut geschilderte Situation am Hauseingang, die Thematisierung des Sex nicht als, wie es natürlich in himmelroten Träumen erwünscht wird, Krönung einer guten bis perfekten Beziehung sondern als eine Möglichkeit sich die Nacht zu vertreiben, von ihm in erster Linie bewertet als Lustgewinn, von ihr eher zwiespältig. Dann sein Traum von einem anderem Leben in einem anderen Land, bei dessen Ausspruch man schon weiß, dieses Angebot wird niemals Realität.
Das berührt, das bewegt.
Und zwar nicht nur wegen des Stoffes, sondern auch wegen der Umsetzung.
Es wirkt sprachlich reif und innovativ ("zu Jazz vertanzt", "zerküssen",
"angetanzt") und auch die gröberen Stellen ("Zerredest du das Ficken immer so?") wirken nicht peinlich, was wahrscheinlich die größte Leistung ist. Denn solche Textstellen entfalten nur dann ihre volle Wirkung, wenn es der Autorin gelingt dem Leser ihre Figuren ans Herz zu legen.
Damit bin ich beim dritten Gefühl - der Neugierde. Nachdem ich die Geschichte ein drittes und letztes Mal gelesen hatte fühlte ich eine ungeheure Spannung. Ich hatte das Gefühl in wenigen Zeilen viel über zwei Menschen erfahren zu haben, wesentlich mehr noch über sie als über ihn. Also, einen Roman mit ihr als Hauptfigur würde ich mir sofort zulegen. Allerdings fiele dann das Spekulieren, was sie so werden ließ wie dargestellt, flach. Und auch das macht den ganz besonderen Reiz der Geschichte aus.
Als einzigen Kritikpunkt nenne auch ich, wie razor, die Umbrüche, zur "Stunde des Wolfes" hatte ich ja schon was gesagt.
Also nochmal tiefe Verbeugung - mal wieder eine Forumsgeschichte die einen Ehrenplatz an der Wand über meinem Schreibtisch bekommt.
MFG,
Mirko
P.S.: Jetzt kann ich ja endlich razor`s Posting lesen. Wehe, der behauptet jetzt das genaue Gegenteil...
Ich habe razorbacks zweites Posting nicht gelesen, um die Frage
Welches Gefühl kommt denn in dir auf, beim Lesen?
einigermaßen unbeeinflusst beantworten zu können.
Aber zunächst ein paar Worte unabhängig davon: ein hervorragender Text, eine hervorragende Geschichte. Dieser Text beeindruckte mich auf unserem Treffen am allermeisten. Respekt!
Was "die Stunde des Wolfes" angeht, so fand ich das Bild gar nicht soooo abgenutzt. Das mag an konträren Lesegewohnheiten liegen - im Vergleich zu razorback, sei`s drum: Der Text hat so oder so genügend Qualität.
Nun zu deiner Frage: Mich hat der Text zunächst sehr nachdenklich, dann sehr beklommen und zuletzt sehr neugierig gemacht.
Die von dir geschilderte Beziehung bewegt sich abseits der ausgelutschten Erzählpfade. Es gelingt dir auf spielerisch leicht scheinende Weise den Figuren Tiefgang und Individualität zu verleihen. Es klingt vielleicht komisch, aber erst einmal habe ich nicht über den Inhalt deiner Geschichte nachgedacht, sondern meine ersten Gefühle leiteten mich zu einem Nachdenken über Beziehungsgeschichten an sich. Ich habe diesbezüglich in meinem Leben dermaßen viel, man verzeihe mir den harten Ausdruck, "Schrott" gelesen, dass diese Geschichte eine echte Wohltat war.
Nachdem die Nachdenklichkeit darüber sich gelegt und in ein wohliges Gefühl verwandelt hatte habe ich die Geschichte noch einmal gelesen. Nun rückte der Inhalt in den Mittelpunkt. Ehrlich gesagt hat mich das Ganze ziemlich niedergeschlagen. Die bedrängte und gut geschilderte Situation am Hauseingang, die Thematisierung des Sex nicht als, wie es natürlich in himmelroten Träumen erwünscht wird, Krönung einer guten bis perfekten Beziehung sondern als eine Möglichkeit sich die Nacht zu vertreiben, von ihm in erster Linie bewertet als Lustgewinn, von ihr eher zwiespältig. Dann sein Traum von einem anderem Leben in einem anderen Land, bei dessen Ausspruch man schon weiß, dieses Angebot wird niemals Realität.
Das berührt, das bewegt.
Und zwar nicht nur wegen des Stoffes, sondern auch wegen der Umsetzung.
Es wirkt sprachlich reif und innovativ ("zu Jazz vertanzt", "zerküssen",
"angetanzt") und auch die gröberen Stellen ("Zerredest du das Ficken immer so?") wirken nicht peinlich, was wahrscheinlich die größte Leistung ist. Denn solche Textstellen entfalten nur dann ihre volle Wirkung, wenn es der Autorin gelingt dem Leser ihre Figuren ans Herz zu legen.
Damit bin ich beim dritten Gefühl - der Neugierde. Nachdem ich die Geschichte ein drittes und letztes Mal gelesen hatte fühlte ich eine ungeheure Spannung. Ich hatte das Gefühl in wenigen Zeilen viel über zwei Menschen erfahren zu haben, wesentlich mehr noch über sie als über ihn. Also, einen Roman mit ihr als Hauptfigur würde ich mir sofort zulegen. Allerdings fiele dann das Spekulieren, was sie so werden ließ wie dargestellt, flach. Und auch das macht den ganz besonderen Reiz der Geschichte aus.
Als einzigen Kritikpunkt nenne auch ich, wie razor, die Umbrüche, zur "Stunde des Wolfes" hatte ich ja schon was gesagt.
Also nochmal tiefe Verbeugung - mal wieder eine Forumsgeschichte die einen Ehrenplatz an der Wand über meinem Schreibtisch bekommt.
MFG,
Mirko
P.S.: Jetzt kann ich ja endlich razor`s Posting lesen. Wehe, der behauptet jetzt das genaue Gegenteil...
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: número dos
Naja, die Stunde des Wolfes ist mir auch insofern wichtig, als dass sie der Aufhänger des gesamten Textes gewesen ist. Ich hatte, bevor ich anfing, den Text zu schreiben, auf meinem Zettel zwei Stichwörter stehen: Nacktschneckenkuss (dieses Wort ist mir ohne Mist im S c h l a f eingefallen, wenn ich sowas früher gehört habe, dachte ich, die Leute hätten einen Schaden) und Stunde des Wolfes. Alles andere hat sich daraus ergeben. Ich will den Text irgendwie nicht um seinen Grund bringen.
Hmm, ich muss gestehen, meine Kenntnisse bezüglich des Paarungsverhaltens und der sozialen Hierarchie bei Wölfen sind nach oben hin schwer beschränkt (da dämmert gerade was von Alpha-Weibchen im Hinterkopf...
), aber ich werde mich mal kundig machen. Wenn das stimmt, wäre das ja eine verdammt kluge Auslegung...
Mir ging es hauptsächlich um diese Grenze zwischen Nacht und Tag, darum, dass man die Nächte nicht in die Tage hineinziehen sollte (allerdings ohne Moral oder Wahrheitsanspruch), und da fand ich die Stunde des Wolfes sehr passend.
Danke, danke, danke, Mirko!! Das ist mir so wichtig, weil ich genau darauf meinen sprachlichen Schwerpunkt gelegt hatte, darauf und auf den inneren Monolog. Viele der Texte, die ich vor dem Nacktschneckenkuss schrieb, versanken stark in der Metaphorik, weil ich mir wahrscheinlich beweisen wollte, dass ich das kann mit der Bildhaftigkeit. Hier habe ich versucht, von der Metaphorik (bis auf die Stunde des Wolfes :-p ) wieder wegzugehen, den Stil deutlicher und schärfer zu machen, und dabei mein Augenmerk gerade auf solche kleinen sprachlichen Feinheiten wie "zerküssen" gerichtet. Sie waren auch das, woran ich beim Schreiben wohl am meisten Spaß hatte. Wirklich schön, dass sie dir auffielen.
Ich würde es irgendwann gern versuchen, einen Roman zu schreiben, aber im Moment fühle ich mich da noch nicht reif zu, es fehlt zuviel. Außerdem mag ich es so, vieles einfach nicht zu sagen... :-p
Ich freue mich auch so richtig, dass der Text dich niedergeschlagen und beklommen gemacht hat!
) :-p Weil ich genau das wollte. Ich wollte keinen Befreiungstext wie Raureif schreiben, sondern einen, der verstören oder beklemmen kann. Einen, der nicht schön ist.
Die Interpretation der Protagonistin ist interessant. Hat sie die Situation im Griff? Ist sie das dominante Alpha-Weibchen, das ihn in Schach hält, oder ist sie doch vielmehr selbst in die Ecke gedrängt und versucht, sich irgendwie rauszuwinden?
Hmm, ich muss gestehen, meine Kenntnisse bezüglich des Paarungsverhaltens und der sozialen Hierarchie bei Wölfen sind nach oben hin schwer beschränkt (da dämmert gerade was von Alpha-Weibchen im Hinterkopf...
Mir ging es hauptsächlich um diese Grenze zwischen Nacht und Tag, darum, dass man die Nächte nicht in die Tage hineinziehen sollte (allerdings ohne Moral oder Wahrheitsanspruch), und da fand ich die Stunde des Wolfes sehr passend.
Es wirkt sprachlich reif und innovativ ("zu Jazz vertanzt", "zerküssen",
"angetanzt") und auch die gröberen Stellen ("Zerredest du das Ficken immer so?") wirken nicht peinlich, was wahrscheinlich die größte Leistung ist.
Danke, danke, danke, Mirko!! Das ist mir so wichtig, weil ich genau darauf meinen sprachlichen Schwerpunkt gelegt hatte, darauf und auf den inneren Monolog. Viele der Texte, die ich vor dem Nacktschneckenkuss schrieb, versanken stark in der Metaphorik, weil ich mir wahrscheinlich beweisen wollte, dass ich das kann mit der Bildhaftigkeit. Hier habe ich versucht, von der Metaphorik (bis auf die Stunde des Wolfes :-p ) wieder wegzugehen, den Stil deutlicher und schärfer zu machen, und dabei mein Augenmerk gerade auf solche kleinen sprachlichen Feinheiten wie "zerküssen" gerichtet. Sie waren auch das, woran ich beim Schreiben wohl am meisten Spaß hatte. Wirklich schön, dass sie dir auffielen.
Ich würde es irgendwann gern versuchen, einen Roman zu schreiben, aber im Moment fühle ich mich da noch nicht reif zu, es fehlt zuviel. Außerdem mag ich es so, vieles einfach nicht zu sagen... :-p
Ich freue mich auch so richtig, dass der Text dich niedergeschlagen und beklommen gemacht hat!
Die Interpretation der Protagonistin ist interessant. Hat sie die Situation im Griff? Ist sie das dominante Alpha-Weibchen, das ihn in Schach hält, oder ist sie doch vielmehr selbst in die Ecke gedrängt und versucht, sich irgendwie rauszuwinden?
Re: número dos
Ich würde es irgendwann gern versuchen, einen Roman zu schreiben, aber im Moment fühle ich mich da noch nicht reif zu, es fehlt zuviel. Außerdem mag ich es so, vieles einfach nicht zu sagen...
Schreib 'ne Novelle
Die Interpretation der Protagonistin ist interessant. Hat sie die Situation im Griff? Ist sie das dominante Alpha-Weibchen, das ihn in Schach hält, oder ist sie doch vielmehr selbst in die Ecke gedrängt und versucht, sich irgendwie rauszuwinden?
Eine sehr interessante Frage, vor allem, wenn die Autorin sie stellt. Gehen wir mal durch...
Hat sie die Situation im Griff?
Ich glaube, es findet hier ein geistiger Kampf um die Situation statt, den sie gewinnt. Ihre Flucht zum Schluss wirkt auf mich nicht wie der letzte Ausweg, der Situation zu entkommen, sondern eher wie ein Akt der Befreiung von diesem zunehmend peinlichen Menschen. Deine Protagonistin schiene mir durchaus in der Lage zu sein, ihn dazu zu bringen, selbst zu verschwinden. Da sie aber nichts an dem Ort hält, verschwendet sie keine Energie darauf.
Ist sie dominant?
Ja, ganz eindeutig für mich. Du hast als Autorin natürlich auch die Geschichte hinter der Geschichte im Kopf, und insofern mag es durchaus sein, dass sie zehn Minuten vor Beginn der Geschichte noch nicht dominant war. Seine Verwirrung spräche dafür. Aber die Fähigkeit, die eigene Stärke, oder was man dafür hält, nicht permanent vor sich herzutragen sondern dann zu aktivieren (auch durchaus unbewusst), wenn man sie braucht, ist eine Fähigkeit, die bei Frauen sehr verbreitet ist (bei Männern nicht), und die ich sehr schätze. Insofern wirkt die Geschichte auf mich auch nicht bedrückend. Natürlich ist sie genervt, verwirrt und - so scheint es - müde. Aber in dieser Situation ist sie noch in der Lage, Willenskraft zu beweisen und Grenzen zu ziehen, wo er es weder erwartet noch versteht. Die Protagonistin ist sicher schwierig und launisch und vermutlich versteht sie sich selbst nicht so richtig - aber sie ist nicht der Spielball von irgendwem.
Wäre interessant zu wissen, wie genau Dir diese Figur eigentlich vor Augen steht - ich analysiere sie ja fast wie eine Romanfigur. Ich denke, sie hätte das Zeug zu einer Romanfigur...
Und ja - sie versucht sich rauszuwinden. Wobei das winden zusehends weniger wird und es ja auch beim Versuch nicht bleibt.
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