Wer ist da

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Edekire
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Wer ist da

Beitragvon Edekire » 12.02.2004, 00:19

Hallo!
Sich hier umzulesen macht echt Spaß, dass muss ich echt sagen. Ich habe einen ziemlich großen Teil meiner letzten (Nun leider Beendeten) Ferien damit zugebacht. Ich muss jeden der vor hat dies zu lesen, davor warnen, dass ich mit der deutschen Rechtschreibung und Zeichenesetzung ein immerwährende Fehnde führe, es fehlt z.B. die Kennzeichnung von Direkter Rede und sowas. Wen das nicht abhält, ich würde mich über ein bischen hilfreiche Kritik freuen. Das ist nämlich eine der ersten Kurzgschichten, die ich überhaupt geschrieben hab. Und wenn ihr mich jetzt nierdermacht schieb ich es einfach darauf :-D.

Telefonklingeln. Auftauchen aus den Bilderfolgen. Dunkel. Wie spät ist es? Den Lichtschalter ertasten mit der linken Hand zwischen Büchern, Kästchen und Kram auf dem Nachttisch, schon halb erhoben. Wo ist das Telefon? Ohne Brille, zuvor über das Kabel gestolpert, den Hörer abnehmen. Den Namen murmeln. Wer da? Die Stimme ist bekannt aber zersplittert.
Was ist los?
Mit Besorgnis und wacher als zuvor.
Du bist hier? Warum? was ist passiert? Nein weine nicht, ich komm dich holen. Wo bist du genau?
Den Schlaf jetzt von der Stimme geschliffen, mit Vernunft:
Warte da und halte den Kopf so, als könnte ich jeden Moment kommen. Es dauert aber, die Busse fahren kaum noch, ganz ruhig. Nicht Weinen.
Wie zu einem Kind.
Den Hörer auf die Gabel gelegt. Ein Griff nach den Kleidern. Wo ist die verdammte Brille?

Einen Moment lang legt sie die Hände über die Augen und Gesicht, senkt den Kopf auf die Knie. Müde.

Leise geht sie durchs Haus, die Treppe hinunter, die Fingerspitzen am Lack des Geländers, es soll niemand wach werden, sie will nicht erklären müssen. Die Busse fahren zu selten, sie nimmt die S-Bahn für ein Station, obwohl es auch mit Schnellschritten ein weiterer Weg ist. Sie wartet, trotz des Lichtes ist es kalt, denn der Mantel ist zu dünn und die Handschuhe hat sie lange verloren. Das Warnjaulen der Automatiktüren übersteuert in ihren Ohren. Einige Menschen sind da, aber sie sieht niemanden an für die Stecke.
In der U-Bahn setzte sie sich, folgt mit den Augen dem Muster des Plastiksitzüberzugs bis es verschwimmt und sie meint Bewegungen darin zu sehen. Die Tunnelluft schmeckt stumpf. Sie umschleicht die Sorge im Rücken mit dem Schätzen der Zeit seit dem Anruf. Warten, fahren, gehen, 7 Minuten, 3, 6,. Es dauert nicht lange, doch ist die U-Bahn zum Glück schnell und sie nicht gut im schätzen.
Am Hauptbahnhof sind noch viele im Nachtlicht. Solche die Reisen und andere, die gerne würden, ohne je aufzubrechen. Sie geht schnell, wie immer, mit selektivem Blick und die Steine im Rücken zerrinnen erst als sie die gesuchte Gestalt entdeckt.
Komm, ich nehme deine Tasche sagt sie, einen Arm um sie gelegt. Führt sie weg.
Erzähls mir später, wir gehen nach Hause, ich mach dir Tee.
Wie zu einem Kind.
Bist du wütend? wird sie gefragt mit junger Stimme
Nein, Natürlich nicht. Hört sie sich antworten und weiß nicht ob sie lügt.
Komm, wir gehen nach Hause.
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razorback
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Re: Wer ist da

Beitragvon razorback » 12.02.2004, 01:41

Das Gute an einer Magenverstimmung ist, dass sie einen noch spät wach halten kann, obwohl am Morgen ein Arbeitstag droht. Dann sitzt man eben müde am Computer, trinkt Kamillentee, und stolpert unverhofft noch über eine ziemlich gelungene Geschichte.

Hallo Edekire!

Eine der ersten Kurzgeschichten also? Kompliment! Du steigst, finde ich, auf vergleichsweise hohem Niveau ein, das ist vielversprechend. Ich will mal im Einzelnen loben:

1.) Du schaffst es sofort, mich in die Geschichte zu ziehen - und mich dann vor allem auch darin zu halten. Der Trick, mit einem unvermittelten Anfang einzusteigen und so den Leser direkt ins Geschehen zu saugen ist ja nicht neu. Ob der Autor/die Autorin damit umgehen kann zeigt sich, wenn es darum geht, in diesem Stil weiter zu machen. Du kannst ganz offenbar damit umgehen. Das führt sofort zu

2.) Deiner Fähigkeit, Atmosphäre zu schaffen. Für mich ein sehr zentraler Punkt und ein wichtiger Bestandteil dessen, was Talent ausmacht. Angesichts einer einzigen Geschichte schon zu behaupten, dass Du besonders talentiert bist, wäre sicher übertrieben. Aber was Du hier ablieferst ist zumindest ein Indiz dafür. Du kreierst mit wenigen, treffenden Worten klare, nachvollziehbare Emotionen und Bilder.

3.) Du übertreibst nicht (na - fast nicht, aber dazu gleich). Du erzählst die Sache geradlinig durch, bleibst bei Deinem Stil, drehst keine Runde zuviel.

Alles in allem eine sehr gelungene kleine Geschichte. Freut mich, dass Du Dich gleich so gut hier einführst! Endlich mal jemand, der gut und neu ist und dann auch noch Prosa schreibt!

So und bei all dem Jubel gibt es natürlich auch ein wenig Kritik:

Zum Ende hin verlässt Dich Dein Sprachstil, der eigentlich sehr gut zu Aufbau und Rhythmus passt ein wenig. Kleinere Haker finden sich zwar hier und da in der ganzen Geschichte:

zuvor über das Kabel gestolpert


("Zuvor" ist hier, meiner Meinung nach zu technisch)

Aber gegen Ende häuft es sich:

Am Hauptbahnhof sind noch viele im Nachtlicht. Solche die Reisen und andere, die gerne würden, ohne je aufzubrechen.


Zu geschraubt, zu umfassend zu... viel. Deine Geschichte ist gradlinig, zielführend, für eine allgemeine Lebensschau mit Reisemetapher ist da, meines Erachtens, wenig Platz.

die Steine im Rücken zerrinnen


Zerrinnende Steine? Hm... eine Metapher, die eher verschleiert als erhellt.

Bist du wütend? wird sie gefragt mit junger Stimme


Meine Treu - gar jung deucht sie die Stimme... :-D Nicht böse sein, aber wozu die antiquierte Satzstellung? Das kann anderswo durchaus gut sein - passt aber hier gar nicht, finde ich.

Und dann noch:

Ich muss jeden der vor hat dies zu lesen, davor warnen, dass ich mit der deutschen Rechtschreibung und Zeichenesetzung ein immerwährende Fehnde führe, es fehlt z.B. die Kennzeichnung von Direkter Rede und sowas.


Also, was die Fehde betrifft - die kann man ja führen, aber man muss sie nicht gleich verloren geben (ich führe sie auch, sie ist heftig). Und so schlimm war's doch gar nicht. Auf Anführungszeichen rund um die direkte Rede möchte ich aber unbedingt bestehen. Die nicht zu setzen ist durch keine Schwäche entschuldbar, sondern schlichtweg leserverwirrende Faulheit.

So, genug gemotzt. Noch einmal: Alles in allem ein guter Text. Hat mir gefallen. Danke. Kommt bald mehr?

Gute Nacht

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Edekire
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Re: Wer ist da

Beitragvon Edekire » 13.02.2004, 00:07

Hallo!

Ahhhh, jetzt fühle ich mich aber sehr schön hinter dem Ohr gekrault. Wie ungemein Aufbauend! :-D. Bisher habe ich noch kaum Prosa zustande gebracht, aber ich würde das gerne ausbauen. Ich bemühe mich um mehr!

Aber nun zu deinen Kritikpunkten:


zuvor über das Kabel gestolpert


"Zuvor" ist hier, meiner Meinung nach zu technisch


Hm, möglich, muss ich mal überlegen. Aber mir fällt grad keine Altenative ein. Vorher? Das finde ich irgendwie unrhytmisch. Oder wie wärs mit: Ohne Brille über das Kabel gestolpert,...?

Am Hauptbahnhof sind noch viele im Nachtlicht. Solche die Reisen und andere, die gerne würden, ohne je aufzubrechen.


Zu geschraubt, zu umfassend zu... viel. Deine Geschichte ist gradlinig, zielführend, für eine allgemeine Lebensschau mit Reisemetapher ist da, meines Erachtens, wenig Platz.


Stimmt, steich ich einfach.


die Steine im Rücken zerrinnen


Zerrinnende Steine? Hm... eine Metapher, die eher verschleiert als erhellt.


Ich dachte an Sand. Vielleicht sollte ich das ein bisschen deutliche machen.

Bist du wütend? wird sie gefragt mit junger Stimme


Meine Treu - gar jung deucht sie die Stimme... Nicht böse sein, aber wozu die antiquierte Satzstellung? Das kann anderswo durchaus gut sein - passt aber hier gar nicht, finde ich.


Mag sein. Vielleicht bin ich ein bisschen antiquiert. Ich werde zuweilen darauf hingewiesen, ich klänge wie ein altes Buch. :-D
Bringe ich wohl besser in eine etwas modernere Reienfolge.

Ach ja, das mit der Athmoshäre, dass war mir sehr wichtig und jetzt- jetzt schreibst du genau das hier hin. Ich fühle mich jetzt sogar der Tatsache gewachsen, dass ich noch Hausaufgaben machen muss :-)) . Danke! Danke!

Edekire

p.s. Gute besserung!
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Re: Wer ist da

Beitragvon charis » 19.02.2004, 15:26

hallo edekire,

willkommen im forum! :-))

deine geschichte gefällt mir gut!

zuerst die pluspunkte:

wie razorback bereits erwähnt hat, der packende, treffend formulierte einstieg inkl der schönen details wie diese sehr gelungenen formulierungen:

Auftauchen aus den Bilderfolgen.

Die Stimme ist bekannt aber zersplittert.


mir gefällt auch die verwendung der nennformen. das trifft sehr gut diese atmosphäre des daneben-stehens nach abruptem erwachen.

der schluss, mit dem kurzen dialog, und dem bewussten aussparen von erklärungen bzw. erläuterungen wirkt emotional sehr stark.

ich denke zunächst an eine mutter-sohn-geschichte, könnte aber auch annehmen, dass du da absichtlich eine falsche fährte legst. letztendlich ist das aber nicht entscheidend für mich.

die negativ-punkte:

es gibt einige missglückte sätze bzw. die passage am weg zu bahn und darin, da wirkt es so, als hättest einfach keinen richtigen "lauf":

sie nimmt die S-Bahn für ein Station, obwohl es auch mit Schnellschritten ein weiterer Weg ist.


der nebensatz wirkt plump, das "ist" und das "es" vor allem. erklär besser, was du meinst!

die Handschuhe hat sie lange verloren.


das verlieren geschieht doch sehr plötzlich und schnell, ein langes verlieren entzieht sich meiner vorstellungsmöglichkeit. oder meinst du "längst"?

Das Warnjaulen der Automatiktüren

jaulen die wirklich?

Die Tunnelluft schmeckt stumpf.

hmmm... ich weiß nicht...

steine im rücken und "VON (??) junger stimme" hatten wir schon, schließe mich oben an.

alles in allem sehr gut, trotz kleiner verbesserungsmöglichkeiten, fein!

lg
charis

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Re: Wer ist da

Beitragvon razorback » 19.02.2004, 15:58

Achtung, Deutsch-Österreichischer Sprachkonflikt:


die Handschuhe hat sie lange verloren.


das verlieren geschieht doch sehr plötzlich und schnell, ein langes verlieren entzieht sich meiner vorstellungsmöglichkeit. oder meinst du "längst"?


Ich vermute, hier ist wirklich "längst" gemeint. Dieser Gebrauch von "lange" ist in Deutschland zwar ein wenig veraltet, aber durchaus noch nicht unüblich (und hat für mich etwas von zeitlicher Weite, dass in "längst" nicht so schön mitklingt). Ich vermute, der Ausdruck ist bei Euch, charis, nicht so üblich?

Nachdem ich bei dem Treffen die arme Silentium dauernd damit genervt habe, dass sie langsam wiederholen musste, was sie zu mir gesagt hatte :-o , bin ich für die Verschiedenheit unserer Deutschvarianten doppelt sensibel ;-) :-p ;-)
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Re: Wer ist da

Beitragvon charis » 20.02.2004, 12:49

hmm...
kann schon möglich sein...
wobei... *grübel*
also wenn man schriebe
"hatte sie schon lange verloren", dann würde es wiederum passen, glaub ich.
(warum??!)

ich kann auch die zeitliche weite nachvollziehen, die du angesprochen hast, und die dem längst in der tat fehlt. das lange gefällt mir ja auch irgendwie.

jedenfalls werd ich, je mehr ich drüber nachdenk, immer unsicherer, ob man das jetzt so sagt, ob in Ö oder D.

auch egal.
B-)
charis

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Re: Wer ist da

Beitragvon Edekire » 27.02.2004, 19:57

Danke schön! Gelobt werden macht Spaß :-D

Wie macht sich diese Version?

Telefonklingeln. Auftauchen aus den Bilderfolgen. Dunkel. Wie spät ist es? Den Lichtschalter ertasten mit der linken Hand zwischen Büchern, Kästchen und Kram auf dem Nachttisch, schon halb erhoben. Wo ist das Telefon? Ohne Brille über das Kabel gestolpert, den Hörer abnehmen. Den Namen murmeln. „Wer da?“ Die Stimme ist bekannt aber zersplittert.
„Was ist los?“
Mit Besorgnis und wacher als zuvor.
„Du bist hier? Warum? was ist passiert? Nein weine nicht, ich komm dich holen. Wo bist du genau?“
Den Schlaf jetzt von der Stimme geschliffen, mit Vernunft:
„Warte da und halte den Kopf so, als könnte ich jeden Moment kommen. Es dauert aber, die Busse fahren kaum noch, ganz ruhig. Nicht Weinen.“ Wie zu einem Kind.
Den Hörer auf die Gabel gelegt. Ein Griff nach den Kleidern. Wo ist die verdammte Brille?

Einen Moment lang legt sie die Hände über die Augen und Gesicht, senkt den Kopf auf die Knie. Müde.

Leise geht sie durchs Haus, die Treppe hinunter, die Fingerspitzen am Lack des Geländers, es soll niemand wach werden, sie will nicht erklären müssen. Die Busse fahren zu selten, sie nimmt die S-Bahn für ein Station. Sie wartet, trotz des Lichtes ist es kalt, denn der Mantel ist zu dünn und die Handschuhe hat sie lange verloren. Der Warnlaut der Automatiktüren übersteuert in ihren Ohren. Einige Menschen sind da, aber sie sieht niemanden an für die Stecke.
In der U-Bahn setzte sie sich, folgt mit den Augen dem Muster des Plastiksitzüberzugs bis es verschwimmt und sie meint Bewegungen darin zu sehen. Die Tunnelluft schmeckt stumpf. Sie umschleicht die Sorge im Rücken mit dem Schätzen der Zeit seit dem Anruf. Warten, fahren, gehen, 7 Minuten, 3, 6. Es dauert nicht lange, doch zum Glück ist die U-Bahn schnell und sie nicht gut im Schätzen.
Am Hauptbahnhof sind noch viele im Nachtlicht. Sie geht schnell, wie immer, mit selektivem Blick und das Gewicht im Rücken wird erst leichter als sie die bekannte Gestalt entdeckt.
„Komm, ich nehme deine Tasche“ sagt sie, einen Arm um sie gelegt. Führt sie weg.
„Erzähls mir später, wir gehen nach Hause, ich mach dir Tee.“
Wie zu einem Kind.
„Bist du wütend?“ wird sie klein gefragt.
„Nein, Natürlich nicht.“ Hört sie sich antworten und weiß nicht ob sie lügt.
„Komm, wir gehen nach Hause.“

Das Warnjaulen der Automatiktüren

jaulen die wirklich?


Ja tun sie wirklich find ich, klingt aber trotzdem übertrieben.

Schöne Grüße

Edekire
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sarah kane


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