„Wir treffen uns um sieben. Am Ausgang Secession.“
Bestimmt klingt deine Stimme an meinem Ohr.
Hmmm... wie angenehm sich das anfühlt, heute nichts mehr entscheiden zu müssen. Ich muss mich nicht einmal mehr umziehen. Das Szenario, das sich an so vielen anderen Abenden zwischen Kleiderschrank und Spiegel abspielt und mit einem Berg an zerknüllten Shirts und Röcken endet und von vielen miesmutigen, kritischen Blicken begleitet wird, bleibt mir heute erspart. Schon am frühen Nachmittag hab ich die ganze Zeremonie durchgespielt. Achselhaare, Schamhaare, Haare an den Beinen. In dieser Reihenfolge. Alle landen sie immer im Waschbecken, das sie irgendwann dann wieder verstopft haben werden. Dann kurzer roter Rock. Knallenges, giftgrünes Top. Hohe, schwarze Stiefel. Klingt nuttig irgendwie, fällt mir auf, obwohl es nicht so aussieht.
Es bleibt nur noch, ein leises Gefühl der Müdigkeit in einer mentalen Warteschleife zu parken.
Ich stehe zwischen runden Marmorsäulen, gegenüber von mir ein Möbelgeschäft. Wittmann. Cremefarbene Lederfauteuils als formvollendete Inkarnation des guten Geschmacks, beinahe unwirklich erscheinen die drei, vier Personen, die sich hinter der Glasfront auf und ab bewegen, als gehörten sie zur Deco. Ein paar Meter weiter drei, vier dicht befahrene Streifen Straße. Ich ziehe zum zweiten Mal dieselbe Zigarette aus der Packung, nun zünde ich sie auch tatsächlich an. Es ist beinahe zehn nach sieben, du bist also selbst schuld daran, dass mein Kuss nach Rauch schmecken wird. Unschlüssig wechsle ich zwischen den Säulen meine Position, immer wieder fällt mein Blick zum Stiegenaufgang, und dann auch wieder absichtlich weg, schließlich will ich keinesfalls so aussehen, als hätte ich gewartet, wenn du kommst.
Aus dem Augenwinkel sehe ich dir dabei zu, wie du dich hinter ein Säule versteckst, in dem Bewusstsein, dass ich dich natürlich längst bemerkt habe. Dann trittst du heraus, ich dir entgegen. Ein Kuss, dann noch einer. Etwas später, unterbrochen von ein paar unschlüssigen Sekunden, ein dritter. Eine ganze Woche lang haben wir einander nicht gesehen. Dann gehen wir los, froh, eine Richtung zu haben. Naschmarkt.
„Bei ‚Mister Lee’ war ich schon, die haben gute Tagesmenüs.“
Intensiv durchforste ich mein Gehirn nach dem Namen diesen anderen Lokals, in dem ich mich einmal mit diesem charmanten Geschäftspartner getroffen hatte. Der hatte blitzende Augen. Sehr jung, sehr unbeschwert, sehr direkt. Himmel, wie lange ist es her...
„Da unten ist dieses Lokal, da war ich mal zu Mittag, mir fällt jetzt nicht ein, wie das heißt...“
Ich habe überhaupt keine Lust auf Wok. Habe ich überhaupt Lust, irgendetwas zu essen? In meinem Magen müsste eigentlich so etwas wie Hunger vorhanden sein, aber wenn es so sein sollte, dann spüre ich ihn nicht. Es ist einerlei. Drei, vier Lokale zur Auswahl, das überfordert mich. Ich sehe dir allerdings an, dass du aus irgendeinem unerfindliche Grund jetzt von mir den Namen eines Restaurants hören willst. Danach sollten meine Beine die Richtung dorthin einschlagen. Wie soll ich nur die richtige Antwort rausfinden? Ich habe keinen Joker zur Verfügung, wie die Kandidaten der Millionenshow. Hilflos lächle ich und hoffe noch, dass sich alles plötzlich in Luft oder wenigstens in Wohlgefallen auflösen möge. Sekunden mit der Dauer von Stunden vergehen und ein Missverständnis später sitzen wir schließlich in einem kleinen Thai-Lokal, in das wir eigentlich beide nicht wollten, in einem Glaskobel, der den Flair eines Bahnhofswartesaals ausstrahlt. Kurz hinter uns betritt ein Paar die Szene, er setzt sich hin, sie bleibt abrupt vor dem Tisch stehen. Eisige Mienen. Wenige, hastig gezischte Worte.
„Die müssen auch schon lange zusammensein...“ raunst du mir zu.
Ich versuche mich in einer launigen Antwort und verbiege mir beinah den Mund dabei, nicht so auszusehen, als würde ich über die beiden reden. Die Frau verlässt eiligen Schrittes den Raum. Ich klammere mich an der klebrigen Speisekarte fest.
Die Erdnusssauce zu den Satayi-Spiesschen schmeckt viel zu intensiv nach Kokosnussaroma und Speisestärke. Falls Speisestärke überhaupt einen Geschmack hat, dann stelle ich ihn mir jedenfalls so vor. Ich pendle hin und her zwischen den verkrampften Bewegungen der Essstäbchen in meinen Fingern und der Konversation mit dir. Satz an Satz reihe ich, berichte über mein Referat, das ich heute Nachmittag gehalten habe, erzähle von meinem Zen-Meditationskurs, meiner E-Mail-Bekanntschaft, meinem Ärger darüber, mich andauernd für andere schön machen zu wollen, um irgendwelche Unsicherheiten zu kaschieren, immer weiter..., und höre mir auf einmal selber zu, so wie du mir, sitze plötzlich an deiner Seite, mir selbst gegenüber, sehe meine Augen, die sich auf den Tellerinhalt konzentrieren und nur verlegen flackernd deinem Blick begegnen, höre eine Stimme, die zu dieser Person gehören muss, aber die Person entfernt sich nunmehr immer weiter, wird kleiner und kleiner und löst sich zuletzt auf in einer rot-grünen Implosion. Aber die Stimme, die hallt immer noch, verdrängt MTV aus dem Screen über der Bar und bleibt am Ende ersterbend zwischen drei, vier Reiskörnern am Tellerrand kleben.
„Du bist so weit weg heute“, sagst du und schaust mich an als wäre ich eine seltene Insektenart. Ich beeile mich, meine Brauen zu einem Ausdruck des Erstaunens in die Höhe zu ziehen, der mich vorerst von einer Antwort entbindet. Etwas später fällt mir ein „ich glaub, ich bin heut ziemlich erschöpft“ ein und ich frage mich plötzlich, wer der Mann ist, der mir hier gegenübersitzt. Ich habe keine Ahnung, was ich jemals noch mit ihm reden sollte, was ihn und mich einander interessieren könnte und bin überrascht, wenn ich an die vielen vielen Stunden denke, die wir in den letzten drei, vier Monaten mit gemeinsamen Gesprächen verbracht haben. Aus dem Gefühl heraus, es ihm jetzt irgendwie schuldig zu sein, ergreife ich seine Hand und streichle sie ein wenig. Die Uhr zeigt ein Zeit an, die viel zu früh ist.
An der Art, wie zwei Menschen Hand in Hand gehen, oder besser gesagt, daran, ob sich das leicht und richtig anfühlt oder nicht, kann man den Stand der Dinge zwischen ihnen erkennen, davon bin ich überzeugt. Ebenso daran, ob man, immer noch ineinander verschmolzen, nach dem Sex sofort in die richtige Schlafposition findet, diejenige, in der keine Hand einschläft, keine Haare die Nase kitzeln oder ein Knie auf ein anderes drückt. Wahrscheinlich rührt es mich deshalb immer so, wenn ich zwei alte Menschen händehaltend spazieren gehen sehe.
Nachdem George Clooney zwei Stunden lang vor unseren Augen im Weltall vergeblich darum gekämpft hat, wie ein guter Schauspieler zu wirken, stoße ich die Feuerschutztüre des Kinoausganges auf, wir finden uns in einer Seitengasse wieder, eine Menschentraube vor, hinter uns, lautes Abfahren eines vollbesetzten Autobusses und die verzweifelte Sehnsucht, irgendwo durch ein Kanalgitter zu fallen und von der Bildfläche zu verschwinden, nicht hören zu müssen, was jetzt kommen muss, deine Frage „Was machen wir jetzt?“
„Fahren wir zu mir?“ antworte ich ohne zu überlegen.
„Ich bin mir eigentlich nicht sicher...“
„Gehen wir mal ein paar Schritte.“
Wo ist es gerade grün... und ist grün überhaupt die richtige Farbe, um eine Straße zu überqueren? Ich muss nicht weiter überlegen, der menschliche Sog zieht mich mit, dich hinter mir her, doch bereits nach ein paar Metern bleibst du wieder stehen, ich stehe dir gegenüber, trete von einem Bein auf das andere, spüre, wie sie langsam in den Stiefelschaften zu zittern anfangen, weiß nicht, ob du ein weiteres Lächeln sehen willst oder lieber ein Weinen, das dir wohl richtiger erschiene, das aber ebenso wenig wahrhaftig wäre heute Abend, an dem mir so nach gar nichts ist, weil eigentlich gar nichts in mir ist, und ich immer klarer sehe, dass ich leer bin wie eine Hülle, die krampfhaft jeden Tag versucht, sich dem allgegenwärtigen Idealbild ein lächerliches Quäntchen anzunähern.
„Soll ich mitkommen...? Willst du das überhaupt?“
Deine Stimme hallt und hallt in mir, ich ringe nach Luft, nach einer Antwort, die ich nicht weiß. Du bist vollkommen fremd, wie du mich jetzt ansiehst, mit Augen, aus denen jede Liebe verschwunden ist, dein Gesicht, das streng und hart wirkt, dein Mund, der vielleicht schon an einem Satz feilt wie „Eigentlich frage ich mich, was ich mir dir überhaupt noch soll...“. Meine Hand klebt in der Tasche meiner Jacke fest, unmöglich, sie herauszuziehen und vielleicht in deine Richtung zu strecken. Wie mag sich das anfühlen?
„Ich hab mich so auf dich gefreut, jetzt, wo wir uns eine Woche nicht gesehen haben. Und jetzt bist du so weit weg.“
Ich nicke, versuche einen betretenen Blick aufzusetzen.
„Ich weiß. Ich habe es auch schon den ganzen Abend lang gespürt.“
Fühlt es sich möglicherweise so an, wenn man verrückt wird? Meine ganze Fassade fällt zusammen wie die Windschutzscheibe meines Wagens im letzten Jahr, als ein winziges, spitzes Steinchen sich da hineingebohrt hatte. Ich stehe da, völlig nackt, du siehst mit einem Mal die leeren Stühle, an denen zuvor die Liebe, die Freude, die Zärtlichkeit gesessen waren, an einer langen Tafel in meinem Inneren, das heißt, ich glaube, dass sie dort saßen, oder zumindest Figuren, die ich dafür hielt.
„Ich weiß nicht, wie das heute Abend wäre, mit dir im Bett zu liegen.“
„Ich gehe jetzt nach Hause“, sagst du.
Du drehst dich Richtung Straße, ich drehe mich mit, presse ein „Warum?!“ heraus, von dem ich nicht weiß, ob ich es überhaupt sagen will.
„Es ist nur so ein Gefühl. Ich hab dich lieb.“
Hab dich lieb, hab dich lieb, dich lieb, dich lieb, lieb, lieb, finde dich zum Kotzen, zum Kotzen, zum alles Rauskotzen klänge besser und richtiger! Fassungslos, ohnmächtig und stumm wie ein Fisch stehe ich da, schaue dir nach, wie du die Steigung hinauf entschwindest, denke an genau solche Situationen in Filmen und frage mich, wie sie dann dort immer aufgelöst werden, was wohl zu tun ist, ob nachlaufen, hinterher schreien, wie angewurzelt stehen bleiben...
Schließlich wende ich mich zum Gehen, überquere die Strasse. Ich habe keine Ahnung, wohin mein Weg mich führt, gehe eine lange lange Strasse hinunter. Aus einem roten Amischlitten mit heruntergekurbelten Fenster schwappt Musik in Wellen auf das Trottoir, ich stelle mir drei, vier schwarze Typen in Lederjacken vor, die wie Samuel L. Jackson in Pulp Fiction die Nacht durchcruisen, dann sind sie bereits vorbei und die Nacht blinkt weiter in ihren Leuchtreklamen und dem Display meines Handys. Ich traue mich nicht, dich anzurufen, habe immer noch keine Ahnung, was passiert ist, was gerade passiert und was noch passieren mag, weiß nur, dass es mir niemals zuvor so ergangen ist, es macht Angst, und ich schreibe in eine SMS das Wort ‚auseinandergehen’ in dem Bewusstsein, dass es sich dabei vielleicht um eines vom Typ ‚für immer’ handeln könnte.
Aus einem hohem Backsteingebäude dringen Wiener Elektro-Sound und buntes Licht, wenn ich jetzt eine offene Türe finde, dann gehe ich hinein und in diesem Augenblick spielt mein Handy deine Melodie und ich hebe ab und meine Stimme sagt, getränkt mit seltsam falsch klingender Betroffenheit „Hallo“, und später halte ich mich an einem Geländer fest, höre, wie du am anderen Ende der Leitung mit mir gemeinsam schweigst, wie du ebenfalls nicht verstehst, was wir beide heute nacht gleichzeitig gespürt und auch wieder so überhaupt gar nicht gespürt haben, und du klingst, als hättest du eben noch geweint.
„Mir ist schlecht.“
Ich beneide dich darum, aus einem unklaren Grund.
Ich weiß immer noch nichts, und bin dankbar, als du vorschlägst, sich noch mal zu treffen, jetzt gleich.
„Ich bin gleich da, U3, Station Volkstheater.“
„Ich warte auf dem Bahnsteig.“
Und erst als ich losgehe, schnellen Schrittes, da merke ich, ich würde am liebsten laufen, mir die Seele aus dem Leib laufen, und dann fange ich an, mich wieder zu spüren, meine Hülle wieder mit diesem zarten, verletzbaren, schiefen und launischen Wesen zu füllen, das meinen Namen trägt. Ich fühle den Wind, der in meinen Ohren singt, den ewigen hassgeliebten Wind dieser Stadt, er heult mit und in mir, er heult Tränen darüber, manchmal so allein zu sein, so leer, und es selbst nicht zu merken, hilflos treibend in einem schlackigen schlammigen Zustand des Funktionierens in einem Alltag aus Unsicherheit. Immer wieder und wieder stirbt irgendetwas in diesem unserem Dasein und wird im selben Moment neu geboren, die Nacht ist dann jedes Mal aufs Neue jung. Ich warte auf den nächsten Zug und dann stehst du plötzlich da, in deiner grauen Jacke, irgendwie verloren auf dem Bahnsteig. Und ich kann es nicht mehr abwarten, was du tun wirst, und laufe los, bis ich in deinen Armen ankomme. Wir halten uns lange fest, ganz nahe, deine Wange an der meinen, dann sehen wir uns an, ich sehe deine Augen, sehe, dass sie auch traurig sind, auch voll der Unsicherheiten und des Selbstzweifels.
Ich umfasse deinen Nacken, und du erzählst von Einsamkeit in einer U-Bahn.
„Ist jetzt schon Krieg?“, fragt hinter uns eine Frau mit schriller Stimme im Vorübergehen.
Später liege ich neben dir und beobachte dich dabei, wie du einschläfst.
Ich habe nie zuvor in meinem Leben einen Menschen gekannt, der einfach so, mitten in einem Satz, einschlafen kann. Dein Atem wird dann schnell, deine Gliedmaßen zucken drei, vier Mal ganz leicht.
Du siehst jetzt aus wie ein Kind, dieses Kind, das sich in den letzten Stunden wieder nach und nach zu erkennen gegeben hat, in seinen Worten, seinen Berührungen, seiner Hingabe, seinen Tränen. Ein Kind, das von Fassaden, von Wut und von Ohnmacht erzählt hat, vor allem aber von der Angst, nicht als Kind erkannt und geliebt zu werden.
Zwei an vielen Stellen angeknackste, verwundete, misstrauische Wesen sind wir, so scheint es... ich bin wieder ganz bei mir, in mir, ertaste die Haut unter meinen Händen, dann schaue ich dich wieder an, fühle wieder diesen Moment des gegenseitigen Erkennens in unserer tiefen gemeinsamen Sehnsucht, frei sein zu wollen, spielen zu gehen.
Gemeinsam so sein, wie du bist, so sein, wie ich bin.
Ich lösche das Licht, und denke daran, wie ganz gewiss ich dich liebe.
Drei, vier
Re: Drei, vier
ich poste hier nochmal den überarbeiteten Text, den ich am Samstag im tiempo gelesen hab und der um einiges kürzer als die ursprüngliche Version ist.
............
DREI, VIER
„Wir treffen uns um sieben. Am Ausgang Secession.“
Bestimmt klingt deine Stimme an meinem Ohr.
Hmmm... wie angenehm sich das anfühlt, heute nichts mehr entscheiden zu müssen. Ich muss mich nicht einmal mehr umziehen. Das Szenario, das sich an so vielen anderen Abenden zwischen Kleiderschrank und Spiegel abspielt bleibt mir heute erspart. Schon am frühen Nachmittag hab ich die ganze Zeremonie durchgespielt. Achselhaare, Schamhaare, Haare an den Beinen. Alle landen sie immer im Waschbecken, das sie irgendwann dann wieder verstopft haben werden. Dann der kurze rote Rock. Knallenges, giftgrünes Top. Hohe, schwarze Stiefel.
Es bleibt nur noch, ein leises Gefühl der Müdigkeit in einer Warteschleife zu parken.
Ich stehe zwischen runden Marmorsäulen, gegenüber von mir ein Möbelgeschäft. Cremefarbene Lederfauteuils als formvollendete Inkarnation des guten Geschmacks, beinahe unwirklich erscheinen die drei, vier Personen, die sich hinter der Glasfront auf und ab bewegen, als gehörten sie zur Deco. Ein paar Meter weiter drei, vier dicht befahrene Streifen Straße. Ich ziehe zum zweiten Mal dieselbe Zigarette aus der Packung, nun zünde ich sie auch tatsächlich an. Es ist beinahe zehn nach sieben, du bist also selbst schuld daran, dass mein Kuss nach Rauch schmecken wird. Unschlüssig wechsle ich zwischen den Säulen meine Position, immer wieder fällt mein Blick zum Stiegenaufgang, und dann auch wieder absichtlich weg, schließlich will ich keinesfalls so aussehen, als hätte ich gewartet, wenn du kommst.
Aus dem Augenwinkel sehe ich dir dabei zu, wie du dich hinter ein Säule versteckst, in dem Bewusstsein, dass ich dich natürlich längst bemerkt habe. Dann trittst du heraus, ich dir entgegen. Ein Kuss, dann noch einer. Etwas später, unterbrochen von ein paar unschlüssigen Sekunden, ein dritter. Eine ganze Woche lang haben wir einander nicht gesehen. Dann gehen wir los, froh, eine Richtung zu haben. Naschmarkt.
„Bei ‚Mister Lee’ war ich schon, die haben gute Tagesmenüs.“
Ich habe überhaupt keine Lust auf Wok. Habe ich überhaupt Lust, irgendetwas zu essen? In meinem Magen müsste so etwas wie Hunger vorhanden sein, aber wenn es so ist, dann spüre ich ihn nicht. Drei, vier Lokale zur Auswahl, das überfordert mich. Ich sehe dir allerdings an, dass du aus irgendeinem unerfindliche Grund jetzt von mir den Namen eines Restaurants hören willst. Danach sollten meine Beine die Richtung dorthin einschlagen. Hilflos lächle ich und hoffe noch, dass sich alles plötzlich in Luft oder wenigstens in Wohlgefallen auflösen möge. Sekunden mit der Dauer von Stunden vergehen und ein Missverständnis später sitzen wir schließlich in einem kleinen Thai-Lokal, das wir eigentlich beide nicht wollten, ein Glaskobel, der den Flair eines Bahnhofswartesaals ausstrahlt. Kurz hinter uns betritt ein Paar die Szene, er setzt sich hin, sie bleibt abrupt vor dem Tisch stehen. Eisige Mienen. Wenige, hastig gezischte Worte.
„Die müssen auch schon lange zusammensein...“ raunst du mir zu.
Ich versuche mich in einer launigen Antwort und verbiege mir beinah den Mund dabei, nicht so auszusehen, als würde ich über die beiden reden.
Die Frau verlässt inzwischen eiligen Schrittes den Raum. Ich klammere mich an der klebrigen Speisekarte fest.
Die Erdnusssauce zu den Satayi-Spiesschen schmeckt viel zu intensiv nach Kokosnuss. Ich pendle hin und her zwischen den verkrampften Bewegungen der Essstäbchen in meinen Fingern und der Konversation mit dir. Satz an Satz reihe ich, berichte über mein Referat, das ich heute Nachmittag gehalten habe, erzähle von meinem Meditationskurs, meiner E-Mail-Bekanntschaft, meinem Ärger darüber, mich andauernd für andere schön machen zu wollen, um irgendwie irgendwas zu kaschieren, immer weiter..., und höre mir auf einmal selber zu, so wie du mir, sitze plötzlich an deiner Seite, mir selbst gegenüber, sehe meine Augen, die sich auf den Tellerinhalt konzentrieren und nur verlegen flackernd deinem Blick begegnen, höre eine Stimme, die zu dieser Person gehören muss, aber die Person entfernt sich immer weiter, wird kleiner und kleiner und löst sich zuletzt auf in einer rot-grünen Implosion.
„Du bist so weit weg heute“, sagst du. Ich beeile mich, meine Brauen zu einem Ausdruck des Erstaunens in die Höhe zu ziehen, der mich vorerst von einer Antwort entbindet. Etwas später fällt mir ein „ich glaub, ich bin heut ziemlich erschöpft“ ein und ich frage mich plötzlich, wer der Mann ist, der mir hier gegenübersitzt. Ich habe keine Ahnung, was ich jemals noch mit ihm reden sollte, was ihn und mich aneinander interessieren könnte und bin überrascht, wenn ich an die vielen vielen Stunden denke, die wir in den letzten drei, vier Monaten mit gemeinsamen Gesprächen verbracht haben. Aus dem Gefühl heraus, es ihm jetzt irgendwie schuldig zu sein, ergreife ich seine Hand und streichle sie ein wenig.
Die Uhr zeigt ein Zeit an, die viel zu früh ist.
An der Art, wie zwei Menschen Hand in Hand gehen, oder besser gesagt, daran, ob sich das leicht und richtig anfühlt oder nicht, kann man den Stand der Dinge zwischen ihnen sofort erkennen. Ebenso daran, ob man, immer noch ineinander verschmolzen, nach dem Sex sofort in die richtige Schlafposition findet, diejenige, in der keine Hand einschläft, keine Haare die Nase kitzeln oder ein Knie auf ein anderes drückt.
Nachdem George Clooney zwei Stunden lang vor unseren Augen im Weltall vergeblich darum gekämpft hat, ein guter Schauspieler zu sein, stoße ich die Feuerschutztüre des Kinoausganges auf, wir finden uns in einer Seitengasse wieder, eine Menschentraube vor, hinter uns, lautes Abfahren eines vollbesetzten Autobusses und die verzweifelte Sehnsucht, irgendwo durch ein Kanalgitter zu fallen und von der Bildfläche zu verschwinden, nicht hören zu müssen, was jetzt kommen muss, deine Frage „Was machen wir jetzt?“
„Fahren wir zu mir?“ antworte ich ohne zu überlegen.
„Ich bin mir eigentlich nicht sicher...“
„Gehen wir mal ein paar Schritte.“
Wo ist es gerade grün... und ist grün überhaupt die richtige Farbe, um eine Straße zu überqueren? Ich muss nicht weiter überlegen, der menschliche Sog zieht mich mit, dich hinter mir her, doch bereits nach ein paar Metern bleibst du wieder stehen, ich stehe dir gegenüber, trete von einem Bein auf das andere, spüre, wie sie langsam in den Stiefelschaften zu zittern beginnen, weiß nicht, ob du ein weiteres Lächeln sehen willst oder lieber ein Weinen, hier und jetzt, heute Abend, an dem mir so nach gar nichts ist, weil eigentlich gar nichts in mir ist, und ich immer klarer sehe, dass ich leer bin wie eine Hülle, die krampfhaft jeden Tag versucht, sich zu füllen.
„Soll ich mitkommen...? Willst du das überhaupt?“
Deine Stimme hallt und hallt in mir, ich ringe nach Luft, nach einer Antwort, die ich nicht weiß. Du bist vollkommen fremd, wie du mich jetzt ansiehst, mit Augen, aus denen jede Liebe verschwunden ist, dein Gesicht, das streng und hart wirkt, dein Mund, der vielleicht schon an einem Satz feilt wie „Eigentlich frage ich mich, was ich mir dir überhaupt noch soll...“. Meine Hand klebt in der Tasche meiner Jacke fest, unmöglich, sie herauszuziehen und vielleicht in deine Richtung zu strecken. Wie mag sich das anfühlen?
„Ich hab mich so auf dich gefreut, jetzt, wo wir uns eine Woche nicht gesehen haben. Und jetzt bist du so weit weg.“
Ich nicke, versuche einen betretenen Blick aufzusetzen.
„Ich weiß.“
Fühlt es sich möglicherweise so an, wenn man verrückt wird? Meine ganze Fassade fällt zusammen wie die Windschutzscheibe meines Wagens im letzten Jahr, als ein winziges, spitzes Steinchen sich da hineingebohrt hatte. Ich stehe da, völlig nackt, du siehst mit einem Mal die leeren Stühle, in mir, an der langen Tafel in meinem Inneren.
„Ich weiß nicht, wie das heute Abend wäre, mit dir im Bett zu liegen.“
„Ich gehe jetzt nach Hause“, sagst du.
Du drehst dich Richtung Straße, ich drehe mich mit, presse ein „Warum?!“ heraus, von dem ich nicht weiß, ob ich es überhaupt sagen will.
„Es ist nur so ein Gefühl. Ich hab dich lieb.“
Hab dich lieb, hab dich lieb, dich lieb, dich lieb, lieb, lieb, finde dich zum Kotzen, zum Kotzen, zum alles Rauskotzen klänge besser und richtiger! Fassungslos, ohnmächtig und stumm wie ein Fisch stehe ich da, schaue dir nach, wie du die Steigung hinauf entschwindest, denke an genau solche Situationen in Filmen und frage mich, wie diese genau solchen Situatiuon dort immer aufgelöst werden, was wohl zu tun ist, ob nachlaufen, hinterher schreien, wie angewurzelt stehen bleiben...
Schließlich wende ich mich zum Gehen, überquere die Strasse. Ich habe keine Ahnung, wohin mein Weg mich führt, gehe eine lange lange Strasse hinunter. Aus einem roten Amischlitten mit heruntergekurbelten Fenster schwappt Musik in Wellen auf das Trottoir, ich stelle mir drei, vier schwarze Typen in Lederjacken vor, die wie Samuel L. Jackson die Nacht durchcruisen, dann sind sie bereits vorbei und die Nacht blinkt weiter in ihren Leuchtreklamen und dem Display meines Handys. Ich traue mich nicht, dich anzurufen, habe immer noch keine Ahnung, was passiert ist, was gerade passiert und was noch passieren mag, weiß nur, dass es mir niemals zuvor so ergangen ist, es macht Angst, und ich schreibe schließlich in eine SMS das Wort ‚Auseinandergehen’ in dem Bewusstsein, dass es sich dabei vielleicht um eines vom Typ ‚für immer’ handeln könnte.
Aus einem hohem Backsteingebäude dringen Elektro-Sound und buntes Licht, wenn ich jetzt eine offene Türe finde, dann geh ich hinein und in diesem Augenblick spielt mein Handy deine Melodie und ich hebe ab und meine Stimme sagt, getränkt mit seltsam falsch klingender Betroffenheit „Hallo“, und später halte ich mich an einem Geländer fest, höre, wie du am anderen Ende der Leitung mit mir gemeinsam schweigst, wie du ebenfalls nicht verstehst und du klingst, als hättest du eben noch geweint.
„Mir ist schlecht.“
Ich beneide dich darum, aus einem unklaren Grund.
Ich weiß immer noch nichts, und bin dankbar, als du vorschlägst, sich noch mal zu treffen, jetzt gleich.
„Ich bin gleich da, U3, Station Volkstheater.“
„Ich warte auf dem Bahnsteig.“
Und erst als ich losgehe, schnellen Schrittes, da merke ich, ich würde am liebsten laufen, mir die Seele aus dem Leib laufen, und dann fange ich an, mich wieder zu spüren, meine Hülle wieder mit diesem verletzbaren, schiefen Wesen zu füllen, das meinen Namen trägt. Ich fühle den Wind, der in meinen Ohren singt, den ewigen hassgeliebten Wind dieser Stadt, er heult mit und in mir, er heult Tränen darüber, manchmal so allein zu sein, und es selbst immer zu spät zu merken, hilflos treibend in einem schlackigen Zustand in einem Alltag aus Unsicherheit. Ich warte auf den nächsten Zug, er fährt ein und dann stehst du plötzlich da, in deiner grauen Jacke, irgendwie verloren, auf dem Bahnsteig inmitten von Menschen die wie Quecksilber auseinanderstreben. Und ich kann nicht mehr abwarten, was du tun wirst, und laufe los, bis ich ankomme. Wir halten uns lange fest, ganz nahe, deine Wange an der meinen, dann sehen wir uns an, ich sehe deine Augen, und weiß, dass sie auch traurig sind.
Ich umfasse deinen Nacken, und du erzählst von deiner einsamen U-Bahn-Fahrt.
„Ist jetzt schon Krieg?“, fragt hinter uns eine Frau mit schriller Stimme im Vorübergehen.
Später liege ich neben dir und beobachte dich dabei, wie du einschläfst.
Ich habe nie zuvor in meinem Leben einen Menschen gekannt, der einfach so, mitten in einem Satz, einschlafen kann. Dein Atem wird dann schnell, deine Gliedmaßen zucken drei, vier Mal ganz leicht.
Du siehst jetzt aus wie ein Kind, ein Kind mit seinen Berührungen, seiner Hingabe, seiner Unsicherheit. Ein Kind, das von Angst erzählt, als Kind nicht gewollt zu sein.
Zwei an vielen Stellen angeknackste Wesen sind wir... und doch...
Ich bin wieder ganz bei mir, in mir, ertaste die Haut unter meinen Händen, meine und deine, dann schaue ich dich wieder an und ein Lächeln huscht über deinen Mund.
Gemeinsam so sein, wie du bist, gemeinsam so sein, wie ich bin.
Ich lösche das Licht, und denke daran, wie ganz gewiss ich dich liebe.
............
DREI, VIER
„Wir treffen uns um sieben. Am Ausgang Secession.“
Bestimmt klingt deine Stimme an meinem Ohr.
Hmmm... wie angenehm sich das anfühlt, heute nichts mehr entscheiden zu müssen. Ich muss mich nicht einmal mehr umziehen. Das Szenario, das sich an so vielen anderen Abenden zwischen Kleiderschrank und Spiegel abspielt bleibt mir heute erspart. Schon am frühen Nachmittag hab ich die ganze Zeremonie durchgespielt. Achselhaare, Schamhaare, Haare an den Beinen. Alle landen sie immer im Waschbecken, das sie irgendwann dann wieder verstopft haben werden. Dann der kurze rote Rock. Knallenges, giftgrünes Top. Hohe, schwarze Stiefel.
Es bleibt nur noch, ein leises Gefühl der Müdigkeit in einer Warteschleife zu parken.
Ich stehe zwischen runden Marmorsäulen, gegenüber von mir ein Möbelgeschäft. Cremefarbene Lederfauteuils als formvollendete Inkarnation des guten Geschmacks, beinahe unwirklich erscheinen die drei, vier Personen, die sich hinter der Glasfront auf und ab bewegen, als gehörten sie zur Deco. Ein paar Meter weiter drei, vier dicht befahrene Streifen Straße. Ich ziehe zum zweiten Mal dieselbe Zigarette aus der Packung, nun zünde ich sie auch tatsächlich an. Es ist beinahe zehn nach sieben, du bist also selbst schuld daran, dass mein Kuss nach Rauch schmecken wird. Unschlüssig wechsle ich zwischen den Säulen meine Position, immer wieder fällt mein Blick zum Stiegenaufgang, und dann auch wieder absichtlich weg, schließlich will ich keinesfalls so aussehen, als hätte ich gewartet, wenn du kommst.
Aus dem Augenwinkel sehe ich dir dabei zu, wie du dich hinter ein Säule versteckst, in dem Bewusstsein, dass ich dich natürlich längst bemerkt habe. Dann trittst du heraus, ich dir entgegen. Ein Kuss, dann noch einer. Etwas später, unterbrochen von ein paar unschlüssigen Sekunden, ein dritter. Eine ganze Woche lang haben wir einander nicht gesehen. Dann gehen wir los, froh, eine Richtung zu haben. Naschmarkt.
„Bei ‚Mister Lee’ war ich schon, die haben gute Tagesmenüs.“
Ich habe überhaupt keine Lust auf Wok. Habe ich überhaupt Lust, irgendetwas zu essen? In meinem Magen müsste so etwas wie Hunger vorhanden sein, aber wenn es so ist, dann spüre ich ihn nicht. Drei, vier Lokale zur Auswahl, das überfordert mich. Ich sehe dir allerdings an, dass du aus irgendeinem unerfindliche Grund jetzt von mir den Namen eines Restaurants hören willst. Danach sollten meine Beine die Richtung dorthin einschlagen. Hilflos lächle ich und hoffe noch, dass sich alles plötzlich in Luft oder wenigstens in Wohlgefallen auflösen möge. Sekunden mit der Dauer von Stunden vergehen und ein Missverständnis später sitzen wir schließlich in einem kleinen Thai-Lokal, das wir eigentlich beide nicht wollten, ein Glaskobel, der den Flair eines Bahnhofswartesaals ausstrahlt. Kurz hinter uns betritt ein Paar die Szene, er setzt sich hin, sie bleibt abrupt vor dem Tisch stehen. Eisige Mienen. Wenige, hastig gezischte Worte.
„Die müssen auch schon lange zusammensein...“ raunst du mir zu.
Ich versuche mich in einer launigen Antwort und verbiege mir beinah den Mund dabei, nicht so auszusehen, als würde ich über die beiden reden.
Die Frau verlässt inzwischen eiligen Schrittes den Raum. Ich klammere mich an der klebrigen Speisekarte fest.
Die Erdnusssauce zu den Satayi-Spiesschen schmeckt viel zu intensiv nach Kokosnuss. Ich pendle hin und her zwischen den verkrampften Bewegungen der Essstäbchen in meinen Fingern und der Konversation mit dir. Satz an Satz reihe ich, berichte über mein Referat, das ich heute Nachmittag gehalten habe, erzähle von meinem Meditationskurs, meiner E-Mail-Bekanntschaft, meinem Ärger darüber, mich andauernd für andere schön machen zu wollen, um irgendwie irgendwas zu kaschieren, immer weiter..., und höre mir auf einmal selber zu, so wie du mir, sitze plötzlich an deiner Seite, mir selbst gegenüber, sehe meine Augen, die sich auf den Tellerinhalt konzentrieren und nur verlegen flackernd deinem Blick begegnen, höre eine Stimme, die zu dieser Person gehören muss, aber die Person entfernt sich immer weiter, wird kleiner und kleiner und löst sich zuletzt auf in einer rot-grünen Implosion.
„Du bist so weit weg heute“, sagst du. Ich beeile mich, meine Brauen zu einem Ausdruck des Erstaunens in die Höhe zu ziehen, der mich vorerst von einer Antwort entbindet. Etwas später fällt mir ein „ich glaub, ich bin heut ziemlich erschöpft“ ein und ich frage mich plötzlich, wer der Mann ist, der mir hier gegenübersitzt. Ich habe keine Ahnung, was ich jemals noch mit ihm reden sollte, was ihn und mich aneinander interessieren könnte und bin überrascht, wenn ich an die vielen vielen Stunden denke, die wir in den letzten drei, vier Monaten mit gemeinsamen Gesprächen verbracht haben. Aus dem Gefühl heraus, es ihm jetzt irgendwie schuldig zu sein, ergreife ich seine Hand und streichle sie ein wenig.
Die Uhr zeigt ein Zeit an, die viel zu früh ist.
An der Art, wie zwei Menschen Hand in Hand gehen, oder besser gesagt, daran, ob sich das leicht und richtig anfühlt oder nicht, kann man den Stand der Dinge zwischen ihnen sofort erkennen. Ebenso daran, ob man, immer noch ineinander verschmolzen, nach dem Sex sofort in die richtige Schlafposition findet, diejenige, in der keine Hand einschläft, keine Haare die Nase kitzeln oder ein Knie auf ein anderes drückt.
Nachdem George Clooney zwei Stunden lang vor unseren Augen im Weltall vergeblich darum gekämpft hat, ein guter Schauspieler zu sein, stoße ich die Feuerschutztüre des Kinoausganges auf, wir finden uns in einer Seitengasse wieder, eine Menschentraube vor, hinter uns, lautes Abfahren eines vollbesetzten Autobusses und die verzweifelte Sehnsucht, irgendwo durch ein Kanalgitter zu fallen und von der Bildfläche zu verschwinden, nicht hören zu müssen, was jetzt kommen muss, deine Frage „Was machen wir jetzt?“
„Fahren wir zu mir?“ antworte ich ohne zu überlegen.
„Ich bin mir eigentlich nicht sicher...“
„Gehen wir mal ein paar Schritte.“
Wo ist es gerade grün... und ist grün überhaupt die richtige Farbe, um eine Straße zu überqueren? Ich muss nicht weiter überlegen, der menschliche Sog zieht mich mit, dich hinter mir her, doch bereits nach ein paar Metern bleibst du wieder stehen, ich stehe dir gegenüber, trete von einem Bein auf das andere, spüre, wie sie langsam in den Stiefelschaften zu zittern beginnen, weiß nicht, ob du ein weiteres Lächeln sehen willst oder lieber ein Weinen, hier und jetzt, heute Abend, an dem mir so nach gar nichts ist, weil eigentlich gar nichts in mir ist, und ich immer klarer sehe, dass ich leer bin wie eine Hülle, die krampfhaft jeden Tag versucht, sich zu füllen.
„Soll ich mitkommen...? Willst du das überhaupt?“
Deine Stimme hallt und hallt in mir, ich ringe nach Luft, nach einer Antwort, die ich nicht weiß. Du bist vollkommen fremd, wie du mich jetzt ansiehst, mit Augen, aus denen jede Liebe verschwunden ist, dein Gesicht, das streng und hart wirkt, dein Mund, der vielleicht schon an einem Satz feilt wie „Eigentlich frage ich mich, was ich mir dir überhaupt noch soll...“. Meine Hand klebt in der Tasche meiner Jacke fest, unmöglich, sie herauszuziehen und vielleicht in deine Richtung zu strecken. Wie mag sich das anfühlen?
„Ich hab mich so auf dich gefreut, jetzt, wo wir uns eine Woche nicht gesehen haben. Und jetzt bist du so weit weg.“
Ich nicke, versuche einen betretenen Blick aufzusetzen.
„Ich weiß.“
Fühlt es sich möglicherweise so an, wenn man verrückt wird? Meine ganze Fassade fällt zusammen wie die Windschutzscheibe meines Wagens im letzten Jahr, als ein winziges, spitzes Steinchen sich da hineingebohrt hatte. Ich stehe da, völlig nackt, du siehst mit einem Mal die leeren Stühle, in mir, an der langen Tafel in meinem Inneren.
„Ich weiß nicht, wie das heute Abend wäre, mit dir im Bett zu liegen.“
„Ich gehe jetzt nach Hause“, sagst du.
Du drehst dich Richtung Straße, ich drehe mich mit, presse ein „Warum?!“ heraus, von dem ich nicht weiß, ob ich es überhaupt sagen will.
„Es ist nur so ein Gefühl. Ich hab dich lieb.“
Hab dich lieb, hab dich lieb, dich lieb, dich lieb, lieb, lieb, finde dich zum Kotzen, zum Kotzen, zum alles Rauskotzen klänge besser und richtiger! Fassungslos, ohnmächtig und stumm wie ein Fisch stehe ich da, schaue dir nach, wie du die Steigung hinauf entschwindest, denke an genau solche Situationen in Filmen und frage mich, wie diese genau solchen Situatiuon dort immer aufgelöst werden, was wohl zu tun ist, ob nachlaufen, hinterher schreien, wie angewurzelt stehen bleiben...
Schließlich wende ich mich zum Gehen, überquere die Strasse. Ich habe keine Ahnung, wohin mein Weg mich führt, gehe eine lange lange Strasse hinunter. Aus einem roten Amischlitten mit heruntergekurbelten Fenster schwappt Musik in Wellen auf das Trottoir, ich stelle mir drei, vier schwarze Typen in Lederjacken vor, die wie Samuel L. Jackson die Nacht durchcruisen, dann sind sie bereits vorbei und die Nacht blinkt weiter in ihren Leuchtreklamen und dem Display meines Handys. Ich traue mich nicht, dich anzurufen, habe immer noch keine Ahnung, was passiert ist, was gerade passiert und was noch passieren mag, weiß nur, dass es mir niemals zuvor so ergangen ist, es macht Angst, und ich schreibe schließlich in eine SMS das Wort ‚Auseinandergehen’ in dem Bewusstsein, dass es sich dabei vielleicht um eines vom Typ ‚für immer’ handeln könnte.
Aus einem hohem Backsteingebäude dringen Elektro-Sound und buntes Licht, wenn ich jetzt eine offene Türe finde, dann geh ich hinein und in diesem Augenblick spielt mein Handy deine Melodie und ich hebe ab und meine Stimme sagt, getränkt mit seltsam falsch klingender Betroffenheit „Hallo“, und später halte ich mich an einem Geländer fest, höre, wie du am anderen Ende der Leitung mit mir gemeinsam schweigst, wie du ebenfalls nicht verstehst und du klingst, als hättest du eben noch geweint.
„Mir ist schlecht.“
Ich beneide dich darum, aus einem unklaren Grund.
Ich weiß immer noch nichts, und bin dankbar, als du vorschlägst, sich noch mal zu treffen, jetzt gleich.
„Ich bin gleich da, U3, Station Volkstheater.“
„Ich warte auf dem Bahnsteig.“
Und erst als ich losgehe, schnellen Schrittes, da merke ich, ich würde am liebsten laufen, mir die Seele aus dem Leib laufen, und dann fange ich an, mich wieder zu spüren, meine Hülle wieder mit diesem verletzbaren, schiefen Wesen zu füllen, das meinen Namen trägt. Ich fühle den Wind, der in meinen Ohren singt, den ewigen hassgeliebten Wind dieser Stadt, er heult mit und in mir, er heult Tränen darüber, manchmal so allein zu sein, und es selbst immer zu spät zu merken, hilflos treibend in einem schlackigen Zustand in einem Alltag aus Unsicherheit. Ich warte auf den nächsten Zug, er fährt ein und dann stehst du plötzlich da, in deiner grauen Jacke, irgendwie verloren, auf dem Bahnsteig inmitten von Menschen die wie Quecksilber auseinanderstreben. Und ich kann nicht mehr abwarten, was du tun wirst, und laufe los, bis ich ankomme. Wir halten uns lange fest, ganz nahe, deine Wange an der meinen, dann sehen wir uns an, ich sehe deine Augen, und weiß, dass sie auch traurig sind.
Ich umfasse deinen Nacken, und du erzählst von deiner einsamen U-Bahn-Fahrt.
„Ist jetzt schon Krieg?“, fragt hinter uns eine Frau mit schriller Stimme im Vorübergehen.
Später liege ich neben dir und beobachte dich dabei, wie du einschläfst.
Ich habe nie zuvor in meinem Leben einen Menschen gekannt, der einfach so, mitten in einem Satz, einschlafen kann. Dein Atem wird dann schnell, deine Gliedmaßen zucken drei, vier Mal ganz leicht.
Du siehst jetzt aus wie ein Kind, ein Kind mit seinen Berührungen, seiner Hingabe, seiner Unsicherheit. Ein Kind, das von Angst erzählt, als Kind nicht gewollt zu sein.
Zwei an vielen Stellen angeknackste Wesen sind wir... und doch...
Ich bin wieder ganz bei mir, in mir, ertaste die Haut unter meinen Händen, meine und deine, dann schaue ich dich wieder an und ein Lächeln huscht über deinen Mund.
Gemeinsam so sein, wie du bist, gemeinsam so sein, wie ich bin.
Ich lösche das Licht, und denke daran, wie ganz gewiss ich dich liebe.
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