Der Fall

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mög
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Der Fall

Beitragvon mög » 14.08.2004, 13:23

Aber ist das nicht ganz schön ungemütlich, so nah am Abgrund?

Diese Frage hört sie öfters. Fast jeder, der auf seiner Reise in ihrer Hütte am Rand der Schlucht eine Rast einlegt, stellt sie irgendwann. Spätestens, wenn sie zum Brunnen muss, um neues Wasser zu holen. Der Brunnen befindet sich auf der anderen Seite der Schlucht, erreichbar nur über eine windschiefe Konstruktion aus Seilen und Brettern, eigenhändig errichtet von einem Ur-Ur-Ur-Großvater, wie sie nie versäumt anzumerken. Die Bezeichnung "Seilbrücke" wäre zu hoch gegriffen. Aber das behalten die Besucher lieber für sich.

Was sie sich nicht verkneifen können, die Gäste, ist aber die Frage nach der Lebensqualität. Immerhin: diese Tiefe, ein Sturz, der sichere Tod und das alles immerzu lauernd, in nächster Nähe ... - ob ihr nicht graut? Sie kramt dann ihre ganze Geduld hervor - ein bisschen hat sie ja auch Mitleid, den Gästen selber graut nämlich sichtlich - und erklärt: Nein, wirklich nicht, warum auch? Ein Abgrund vor der Haustür lehrt, die Schritte achtsam zu setzen. Viel bedrohlicher haben es die in den Ebenen, in den lieblichen Hügeln: nie etwas anderes unter den Füßen als sanfte Grasteppiche und gepflasterte Wege - wer schaut da noch, wohin er tritt? Überhaupt entgehen einem durch die überzogene Abgrundsangst die besten Immobilien: preiswert und in ruhiger Lage. Deshalb hat sie damals, nach dem Tod ihres Großvaters vor 2 Jahren auch keine Sekunde gezögert, zu bleiben, um trotz ihrer jungen Jahre den familieneigenen Souvenirhandel weiterzuführen.

Meistens sehen die Gäste das ein und sprechen dann von etwas anderem. Dieser hier bohrt weiter. "Hinunterschauen darf man aber nicht, oder?"

Sie lächelt. Das gute, alte Zeichentrickklischee: Großes Tier jagt kleines Tier, merkt im Eifer nicht, dass es keinen Boden mehr unter den Füßen hat und fällt erst, als es sich dessen bewusst wird. Natürlich - beim Gang über die Brücke heftest du den Blick am besten auf den Brunnen. Aber ein gelegentlicher Blick in den Abgrund, das ist schon wichtig. Warum? Weil du wissen musst, dass es tief ist, tödlich. Und zwar wirklich wissen, im Bauch, nicht bloß im Hirn. Den Bauch überzeugst du am leichtesten mit deinen eigenen Augen, den musst du auch immer wieder erinnern, er gewöhnt sich sonst und vergisst.

"Also doch ein bisschen Grauen?"

Wissen, dass es tief ist. Die Schritte achtsam setzen - das ist die ganze Zauberei, dazu braucht es kein Grauen. Aber das Wissen um die Tiefe! Das motiviert.

Er lehnt sich weiter vor. So ist das also. Wie interessant. Sie findet Gefallen am Thema.

Die Abgründe, führt sie weiter aus, vertragen keine Ignoranz. Sie rächen sich, wenn sie nicht beachtet werden. Sie tun sich dann plötzlich hinter Böschungen auf, werden heimtückisch. Achtsamkeit! Das ist das Um und Auf mit Abgründen.

Es ist spät geworden. Sie bleiben noch bei Tisch sitzen, schwer und müde von der Mahlzeit, und schweigen. Aber noch ist nichts gegessen. Es macht ihm zu schaffen, sie sieht es.
"Und trotzdem.... " sinniert er, "Ich glaub's nicht. So direkt daneben... das geht nicht ohne Verdrängung."
Sie zuckt mit den Schultern. Dann glaub's nicht.
"Ein kurzer Blick vielleicht, das ja. Aber auf die Dauer - von... sagen wir: einer Stunde - den Abgrund vor Augen; und zwar auch vor den inneren, keine Ablenkung! .... ob du das aushältst? Ich wette: nein."

Die Wette gilt. Sie sitzt auf der Brücke, lässt die Beine baumeln und schaut in den Abgrund. Jeden Felsvorsprung kennt sie wie ihre eigenen Fingernägel. Kein Raubvogel stürzt sich hinunter auf seine Beute. Kein Schmetterling taumelt tanzend empor. Nichts stört die Leere dieses Raumes. Jeder Moment ist wie der vorige, wie der kommende, vielleicht ist auch immer der selbe Moment, gefangen zwischen den Wänden. Zeit ist hier überflüssig. Sie kommt nicht, sie vergeht nicht. Eine furchtbare Vorstellung, wenn einem so langweilig ist wie ihr gerade.

Vor den äußeren Augen tut sich nichts, dafür vor den innern.

Natürlich bleibt sie dabei in der Schlucht, treu der Bedingung. Was könnte jemand hier tun außer sitzen und schauen? Zum Beispiel stürzen. Oder springen. Fallen. Aufprallen. Wie fühlt sich das an, wenn dieKnochen zertrümmern? Wenn die Wucht des Aufpralls dir die Splitter durch das Fleisch rammt? - Sie greift nach dem Seil, um sich festzuhalten. All die Vorgänge im Körper, die notwendig sind für diese Bewegung, das komplexe Zusammenspiel der Muskeln! - Dieser Körper ist ein Wunder. Dieser Körper ist sie. Dieser Körper ist: ihre Knochen, ungebrochen, nicht in Trümmern, ihre Haut, unversehrt, nicht in Fetzen, darunter das Blut, nicht auf den Felsen verspritzt. Sie spürt, wie ihr Herz es durch die Adern pumpt, noch nie hat sie das so deutlich gespürt. Noch nie hat sie sich so deutlich gespürt. Nach dem Aufprall wäre sie Brei - ein Bild gegen das sich ihr Magen wehrt, alles in ihr wehrt sich dagegen. Das ist es also, was sie meinen mit dem Grauen.

Jetzt wird ihr klar, wie kühn sie ist. Sie nimmt die Hand wieder weg, lässt die Beine baumeln, schaut in den Abgrund. Sie ist kühn und spürt sich so deutlich wie noch nie. Das Bild vom Brei - soll das alles sein was diese Schlucht an Schrecken für sie bereithält?

Sie stellt sich vor zu fallen. Lange sitzt sie so und stellt sich vor, zu fallen.

Der Aufprall ist nicht das Schlimmste. Noch schlimmer: kein Aufprall. Endloses Fallen.

Hat diese Schlucht wirklich einen Grund? Sie ist sich nicht mehr sicher und kann es nicht mehr überprüfen, denn da ist nur mehr Schwärze. Es ist sehr spät geworden. Doch diese Dunkelheit senkt sich nicht herab von einem weiten Himmel, diese Dunkelheit steigt aus der Schlucht empor. Auch die Stille um sie herum ist nicht die friedvolle Stille einer Nacht in den Bergen. Auch die Stille steigt aus der Schlucht empor. Sie hat ihre eigene Melodie. Sie singt vom endlosen Fallen. Nie hat sie gemerkt, wie schön dieses Lied ist. Und jetzt kann sie sich nicht mehr davon lösen. Wie auch? Sie fällt ja noch.

Es ist mehr als ein Lied. Es ist ein Ruf. Ein Ruf, der sie erreicht.

Sein Ruf vom Rand der Schlucht zu ihr herüber: Die Stunde ist vorbei. Sie schüttelt sich inwendig, springt auf und streicht grinsend den Wetteinsatz ein. Was für eine bescheuerte Wette! Nie wieder wird sie sich auf so etwas einlassen.
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Es ist zu spät. Sie hat das Lied gehört, und sie hört es wieder. Nicht, wenn sie das Wasser kübelweise über die Brücke schleppt. Nicht, wenn sie dort, auf den Ur-Ur-Ur-Großvater fluchend, die Nägel zwischen den Zähnen und auf aufgeschürften Knien rutschend, vermorschte Bretter austauscht. Auch nicht, wenn sie die durch Abgrundangst vernebelten Sinne der Gäste ausnutzt, um ihnen jodelnde Teddybären und Miniatur-Gips-Schluchten anzudrehen. Aber in ihren Träumen.

Seit Neuestem wandelt sie im Schlaf.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

razorback
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Re: Der Fall

Beitragvon razorback » 16.08.2004, 13:58

Hallo! Bist Du mög aus dem Jungen Lektorat? Wenn ja - schön, Dich hier wiederzusehen. :-))

Tja, das ist so eine Sache mit dem Text. Sehr spannendes Thema, sehr gut beschrieben (mit einer Ausnahme: Wo Du Fallsucht oder Tiefensog, oder wie immer man das nennen will, andeutest, bedienst Du Dich dieses Zeichentrickbildes - das ist etwas schwach). Auch ein wenig gut gesetzte Ironie drin, etwas Humor... alles sehr gut. Und der Schluss ist grossartig. Alles in allem - gelungener Text.

Trotzdem bin ich nicht wirklich glücklich damit, und das liegt daran: Ich glaube Dir das nicht!

Ich nehme Dir einfach nicht ab, dass jemand, der sich so auf diesen Abgrund einlässt, jemand, der sich vom Abgrund belehren lässt (eine fast perfekte Beschreibung), dass so jemand sich noch nie ganz darauf eingelassen hat. Im Gegenteil: Ich halte es fast für unausweilchlich, dass so eine Person das Bedürfnis empfindet, lange in den Abgrund zu blicken und diesen Moment meditativ nutzt. Es ist gerade diese sehr, sehr gelungene Beschreibung des Verhältnisses Deiner Hauptperson zum Abgrund, die mir die Grundlage der Wette - sie hat es noch nie getan - unglaubwürdig erscheinen lässt. Gleichgültig übrigens, ob Du einen echten Abgrund meinst (was ich sehr gut fände) oder ob es hier metaphorisch um innere Abgründe geht (was ich schade fände - in diesem Falle wäre die Basis dieses schönen Textes nämlich ein recht abgenudeltes Bild).

Ich glaube, Du musst irgend etwas ändern, und das ist hier bestimmt sehr schwer. Denn die Gefahr, den guten Text kaputt zu machen ist sehr gross. Vielleicht muss es nicht unbedingt eine Wette sein. Oder Du verlegst die Handlung zeitlich etwas nach vorne, in die Zeit, in der sie beginnt, sich mit dem Abgrund vertraut zu machen. Hm... finde ich beides selbst nicht so toll...

Na ja, es ist ja auch Deine Geschichte, was zerbreche ich mir Deinen Kopf :-p . Wie gesagt - ich finde Du solltest noch einmal daran feilen. Vorsichtig!!!
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Re: Der Fall

Beitragvon Hamburger » 16.08.2004, 14:28

Hallo mög,

die Geschichte gefällt mir. Ich kann mich fast allem anschliessen was razorback dazu gesagt hat, bin allerdings bezüglich eines Punktes etwas anderer Meinung.

razorback schrieb...

Ich nehme Dir einfach nicht ab, dass jemand, der sich so auf diesen Abgrund einlässt, jemand, der sich vom Abgrund belehren lässt (eine fast perfekte Beschreibung), dass so jemand sich noch nie ganz darauf eingelassen hat. Im Gegenteil: Ich halte es fast für unausweilchlich, dass so eine Person das Bedürfnis empfindet, lange in den Abgrund zu blicken und diesen Moment meditativ nutzt.


...und hat damit im Prinzip recht. Nur würde ich eine andere Lösung vorschlagen als er, und zwar die, dass sie sich vor langer Zeit schon einmal ganz auf den Abgrund eingelassen hat, ihre Selbstsicherheit daraus bezieht, diese aber nun während der Wette zerbröselt.
Denn eine einmalige Überwindung hat keine endgültige Aussagekraft für spätere ähnliche Prüfungen. Das würde auch dem Schluss noch eine neue Dimension geben,
die tragische, neu eingetretene Situation noch härter erscheinen lassen.

Aber herrje, jetzt pfusch ich hier schon an deinem Text rum. Dabei ist es DEIN Text B-)

Und der ist wirklich gut.

Er hat neben der schon angesprochenen Ironie an manchen Stellen auch eine wirklich schöne Bildersprache zu bieten.


Es ist spät geworden. Sie bleiben noch bei Tisch sitzen, schwer und müde von der Mahlzeit, und schweigen. Aber noch ist nichts gegessen.


Respekt! Sehr gute Einführung ins Forum. Hast damit natürlich auch die Messlatte höher gelegt - wir erwarten nun jeden Tag einen Post von dieser Qualität ;-)

Viele Grüße,

Hamburger
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mög
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Re: Der Fall

Beitragvon mög » 16.08.2004, 14:34

Danke, dass du dich mit meinem Text auseinandergesetzt hast. Mir ist mittlerweile klar, dass das Ganze nicht aufgeht. Ich möchte aber trotzdem noch gerne erklären, wie ich es gemeint hätte.

>>Ich halte es fast für unausweilchlich, dass so eine Person das Bedürfnis empfindet, lange in den Abgrund zu blicken und diesen Moment meditativ nutzt.

Wieso? Dieses Mädchen hat ein sehr pragmatisch-nüchternes Verhältnis zum Abgrund. Die verkauft Miniatur-Gips-Schluchten! Sie hat sich noch nie besonders viele Gedanken um das tiefere Wesen von Abgründen gemacht, -Strategien, wie man damit umgeht, das ja, und dass sie runterfallen könnte wahrscheinlich auch - aber nicht, _ w i e _ es wäre zu fallen. Warum auch? Der Abgrund ist für sie ja total selbstverständlich, sie ist daneben aufgewachsen, - das Natürlichste auf der Welt. Und sie hat sicher schon oft genug runtergeschaut. Aber eben nicht so. Und genau darum geht's. Um den Unterschied zwischen diesem und jenem Blick in den Abgrund. Aber es vermittelt sich nicht, ich glaub, ich leg das Ganze auf Eis.

Jedenfalls, danke nochmal,

die mög.
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Re: Der Fall

Beitragvon razorback » 16.08.2004, 15:11

Ja... in dem Falle ist Dir die Personenbeschreibung nicht ganz gelungen. Oder ich habe sie nicht richtig verstanden, wie auch immer.

Für mich erscheint Deine Hauptfigur nicht als ein rein pragmatischer Mensch, zumindest nicht in Bezug auf den Abgrund. Sie reflektiert sehr ausgiebig über ihn, spricht davon, sich vom Abgrund belehren zu lassen, bedauert (oder verachtet) die Leute der Ebene und des Hügellandes, die nicht einen so strengen Lehrer hatten. Diese ganze Wortwahl und Beschreibung (die ich - wie gesagt - ausgesprochen gut und gelungen finde) erweckt den Eindruck eines Menschen, für den der Abgrund weit mehr ist als ein - mehr oder weniger lästiger - tiefer Spalt, der eben überquert werden muß.
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Re: Der Fall

Beitragvon mög » 16.08.2004, 21:58

Jajaja, ich seh's auch schon ein - die glaubt mir keiner. Die geht einfach von Anfang an zu souverän mit dem Abgrund um, als dass sich wer vorstellen könnte, dass er ihr doch noch mal zum Verhängnis wird. Wobei ich persönlich es immer noch nicht ganz versteh: Kann man nicht auch pragmatisch über etwas reflektieren? Da geht's tief runter, da schau ich lieber mal, wo ich hinsteig - ist das kein pragmatischer Gedankengang? Natürlich ist der Abgrund für sie mehr als ein Spalt - das ist ihre Haupteinnahmequelle! Und außerdem sowas wie ein Familienwappen, eine Art Familiar, ein Haustier - etwas, was sie von den anderen abhebt und sie bildet sich auch sicher was drauf ein. (Ist das eigentlich rüber gekommen wie anfällig für Stolz dieses Mädchen ist?) - Aber deswegen muss man sich doch nicht gleich in Vorstellungen vom endlosen Fallen ergehen. Das macht man, wenn man nicht der Typ dafür ist (wirkt dieses Mädchen wie jemand, der besonders viel meditiert?), nur, wenn man ordentlich viel Muse hat. Sicher ist sie eine Expertin für Abgründe, aber bei Experten gibt's ja auch öfters diese gewisse Betriebsblindheit für den eigentlichen Zauber.

Macht jedenfalls nix, bis jetzt hat mir die noch keiner geglaubt. Und wenn ich jedes Mal nacher groß rumerklären muss, kann das Ganze nix.


fg
mög

PS: Danke übrigens auch dir, Hamburger, hab deinen Komentar zuerst überlesen. Dieses "Glauben-etwas-im-Griff-zu-haben" und es dann doch nicht so gut im Griff haben, wär ja auch was, worum's mir eigentlich ging.
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Re: Der Fall

Beitragvon razorback » 17.08.2004, 00:16

Ach so... ich verstehe Dein Problem.

Ich versuche mal, ein wenig genauer zu sein. Also:

Unglaubwürdig finde ich nicht, dass jemand sich zu sicher fühlt und dann überrascht wird. Ich finde es unglaubwürdig, dass diese Figur an dieser Aufgabe scheitert.

Kann man nicht auch pragmatisch über etwas reflektieren? Da geht's tief runter, da schau ich lieber mal, wo ich hinsteig - ist das kein pragmatischer Gedankengang?


Doch absolut. Und selbstverständlich kann man so eine (tägliche) Aufgabe ganz pragmatisch angehen, auf diese Weise mit der Zeit Expertin werden, etc., ganz ohne der Sache eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Aber genau das schilderst Du NICHT. Beispiele:

(...) eigenhändig errichtet von einem Ur-Ur-Ur-Großvater, wie sie nie versäumt anzumerken.


Da geht es los: Das ist nicht einfach irgendeine Brücke, dass ist ein Stück Familientradition, auf das sie stolz ist. Die Auseinandersetzung mit dem Abgrund ist seit Generationen in der Familie. Und sie ist sich dessen bewusst und sieht sich in dieser Tradition.

(...) ein bisschen hat sie ja auch Mitleid, den Gästen selber graut nämlich sichtlich (...)


Sie ist Abgrundfachfrau und fühlt sich dadurch - zurecht - überlegen. Für sich könnte das schon ein rein pragmatischer Gedanke sein, in Verbindung mit der Familientradition bekommt diese Art von stolz aber schon einen anderen Beigeschmack.

Ein Abgrund vor der Haustür lehrt, die Schritte achtsam zu setzen.


Das klingt fast nach Zen (und ist übrigens ein verdammt guter Satz).

Überhaupt entgehen einem durch die überzogene Abgrundsangst die besten Immobilien: preiswert und in ruhiger Lage. Deshalb hat sie damals, nach dem Tod ihres Großvaters vor 2 Jahren auch keine Sekunde gezögert, zu bleiben, um trotz ihrer jungen Jahre den familieneigenen Souvenirhandel weiterzuführen.


Klar - das ist Pragmatismus as Pragmatismus can ;-) . Aber durch die Sätze zuvor wirkt es nicht wirklich ernst gemeint, eher witzig. Ich zumindest kaufe Dir an dem Punkt nicht mehr ab, dass die günstige Gelegenheit wirklich dr Hauptgrund ist.

Nichts stört die Leere dieses Raumes. Jeder Moment ist wie der vorige, wie der kommende, vielleicht ist auch immer der selbe Moment, gefangen zwischen den Wänden. Zeit ist hier überflüssig. Sie kommt nicht, sie vergeht nicht.


Das klingt auch nicht nach jemandem, der zum ersten Mal in den Abgrund sieht. Da wären Gedanken wie "Scheisse, ist das tief!", "DANEBEN wohne ich?" "Mir wird schwindelig." etc. wahrscheinlicher. Der Satz mit der Langeweile danach wirkt dann entsprechend unglaubwürdig.

Mög, Du hast hier - vielleicht aus Versehen - einen zu guten Abgrundtext für Deine Intention geschrieben. Meine Meinung, klar. Aber wenn andere ähnlich urteilen, wird das Argument stärker. Dir, der Autorin, scheint der Abgrund an sich wichtiger zu sein, als es einer bodenständigen, pragmatischen Hauptfigur gut tut. Wenn es wirklich darum gehen soll, müssen viele Reflektionen über den Abgrund raus. Das wäre entsetzlich schade, weil all diese Abgrundreflektionen so gut sind. Aber es ist meines Erachtens, die einzige Möglichkeit, das, was Du sagen wolltest zu retten.

Wenn Du das aber wirklich machst - dann tu mir den Gefallen, und bewahre sie Dir für einen pro-Abgrund Text auf. Sie sind so gut... :-|

Ach ja - die Idee mit den Gips-Schluchten ist übrigens ein Brüller! 1a! :-D
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Re: Der Fall

Beitragvon mög » 17.08.2004, 20:08

na, so weit sind wir doch gar nicht auseinander. Aber irgendwie reden wir trotzdem noch aneinander vorbei. (Ich weiß, ich bin lästig. Danke an dieser Stelle für deine Geduld).

Ich stelle zusammen:

>> ein Stück Familientradition, auf das sie stolz ist.

Meine Rede. (....Und außerdem sowas wie ein Familienwappen, ....). Aber braucht's zum Stolz auf die Familientradition wirklich Meditation? Oder ist das nicht eher was, das man quasi mit der Muttermilch eingeflößt bekommt, ohne es groß zu hinterfragen. Das Wesentliche beim Stolz auf die Familientradition ist die Familie und nicht die Tradition.
Für mich ist das in - nicht snobistischer, überzüchteter allerdings - sondern eher in gesund selbstbewusster Ausprägung noch immer eine ziemliche bodenständige Regung. Und es geht ja darum, wie sie buchstäblich den Boden unter den Füßen verliert.

Der Abgrund vor der Haustür lehrt die Schritte achtsam zu setzen. - Danke für das Lob! (war ehrlich gesagt, eh selber stolz auf meinen schönen Satz). Aber Zen hin und oder her - im Grunde ist das nix anderes wie eine andere Formulierung für:

Da geht's tief runter, da schau ich lieber mal, wo ich hinsteig -

Nicht mehr und nicht weniger bedeutet es. Und ich finde, es ist auch eine verdammt gute Überlegung, ehrlich gesagt. Aber trotzdem ziemlich pragmatisch. Übrigens bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass man sehr gute Überlegungen über eine Sache anstellen kann und schließlich trotzdem daran scheitert.


>>> Das klingt auch nicht nach jemandem, der zum ersten Mal in den Abgrund sieht.

In der Tat. Und sie sieht ja beileibe nichtzum ersten Mal in den Abgrund. Deshalb gibt es ja im Text einen ganzen, mühseligen Absatz in dem sie lang und breit über die Wichtigkeit referiert, hin und wieder auch mal in den Abgrund zu schauen. Deshalb das beanstandete Zeichentrickgleichnis, denn es geht eben um den Unterschied zwischen "in den Abgrund schauen" und "in den Abgrund schauen". Es geht sehr um dieses "mit inneren Augen" schauen.

fg
die Mög.
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