In der Bahn

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Surjaninov
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In der Bahn

Beitragvon Surjaninov » 09.09.2004, 19:13

Hmm, vielleicht ein Schnellschuß. Ich bin mir nicht sicher:


In der Bahn


Die Bahn fuhr träge an. Zuckte, wurde schneller, und im Tunnel wurde es bald dunkler. Ich beobachtete die Kabelstränge und Stützen. Sie waren ganz nah, die Röhre war eng.
Bald wurde es wieder heller, wir langsamer, es kam der nächste Bahnhof. Wir stoppten. Leute stiegen aus und ein. Die Türen piepten, schlossen sich.
An der folgenden Station stiegen drei ältere Damen ein, setzten sich zu mir. Ein alter, schwerer Hund legte sich auf den Boden. Ich schaute aus dem Fenster, versuche nicht in das Spiegelbild der Dame gegenüber zu blicken. Ich guckte nach oben, betreten und nervös, ich wollte nach Hause.
Auf dem Boden lag etwas. Ein Brötchen oder Weggeworfenes. Ich schaute nicht hin, wollte nicht, dass eine der Frauen es merkt, denkt ich hätte es hingeworfen.
Die Bahn bremste, sie ruckelte. In der Kurve sah ich den Bahnsteig, ich presste die Beine auf den Boden. Die Bremsen schrieen und kreischten. Der Müll auf dem Boden gab nach.
Wir fuhren weiter. Ich nickte immer wieder kurz ein. Die Beine waren mir schwer. Ich hatte Hunger, dachte an das Weggeworfene auf dem Boden.
Meine Station kam, die Bremsen quietschten und ich stieg aus, lief nach Hause. Ich war müde und achtete nur auf den Weg. Zu Hause angekommen bemerkte ich, dass an meinen Schuhen etwas wie braunrot eingetrocknete Soße klebte.

razorback
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Re: In der Bahn

Beitragvon razorback » 10.09.2004, 10:08

Hi Surja!

Also, zunächst einmal: Ob das ein Schnellschuss ist oder nicht, kannst nur Du wissen. Ich habe doch keine Ahnung, ob DU das in fünf Minuten auf dem Klo notiert hast, oder ob Du schon seit zehn Jahren in akribischer Kleinarbeit jede Nacht bis in die frühen Morgenstunden daran feilst. :-D

Zum Text, gehen wir ihn mal durch:

Die Bahn fuhr träge an. Zuckte, wurde schneller, und im Tunnel wurde es bald dunkler. Ich beobachtete die Kabelstränge und Stützen. Sie waren ganz nah, die Röhre war eng.


So weit, so gut, wobei ich "beobachten" immer mit etwas Aktivem oder Scheinaktiven verbinde (Beispiel: Ich beobachtete genau, wie die Kabelstränge um die Stützen liefen, sich teilten und wieder vereinten etc., blablabla.) Atwas an sich Inaktives zu beobachten (Ich beobachtete den ganzen Tag, wie die Bäume im Park standen) passt nicht so gut, finde ich.

Bald wurde es wieder heller, wir langsamer, es kam der nächste Bahnhof. Wir stoppten. Leute stiegen aus und ein. Die Türen piepen, schlossen sich.


Zweimal innerhalb kurzer Zeit die Formulierung "wurde es" ist unschön. Einmal geht das, aber nicht so oft. Etwas seltsam ist, dass Du im Abschnitt zuvor die Bewegung der Bahn zuschreibst und sie nun plötzlich auf alle Fahrgäste ausdehnst. Das ist rein formal natürlich richtig. Bloß waren die Fahrgäste bzw. Dein LI bis gerade passiv (sie wurden gefahren), jetzt sind sie plötzlich aktiv (wir stoppten). Und das ohne sichtbaren Grund. Dramatischer jedenfalls wird das dadurch nicht.

An der folgenden Station stiegen drei ältere Damen ein, setzten sich zu mir. Ein alter, schwerer Hund legte sich auf den Boden. Ich schaute aus dem Fenster, versuche nicht in das Spiegelbild der Dame gegenüber zu blicken.


Drei ältere Damen... hm... älter als wer? Der Begriff deckt in meiner Vorstellung - ja nachdem - ein Alter von 50 bis 120 ab. Präziser wäre schöner. Und warum will er nicht in das Spiegelbild sehen? Der alte, schwere Hund ist dafür sehr gut, ein schönes Beispiel, wie der vernünftige Einsatz von Adjektiven ein klares Bild zeichnet.

Ich guckte nach oben, betreten und nervös, ich wollte nach Hause.
Auf dem Boden lag etwas. Ein Brötchen oder Weggeworfenes. Ich schaute nicht hin, wollte nicht, dass eine der Frauen es merkt, denkt ich hätte es hingeworfen.


Uneingeschränkt gut.

Die Bahn bremste, sie ruckelte. In der Kurve sah ich den Bahnsteig, ich presste die Beine auf den Boden. Die Bremsen schrieen und kreischten. Der Müll auf dem Boden gab nach.
Wir fuhren weiter. Ich nickte immer wieder kurz ein. Die Beine waren mir schwer. Ich hatte Hunger, dachte an das Weggeworfene auf dem Boden.


Jetzt handelt wieder die Bahn...
Das ist ziemlich pseudodramatisch. Der erste Teil klingt nach Fastentgleisung - und es passiert genau garnichts. Der zweite nach drohendem Hungertod (ich müsste schon SEHR hungrig sein, um nach Abfall zu lechzen), aber Dein LI wirkt bis dahin nicht wie ein ausgehungerter Obadachloser, noch habe ich den Eindruck, dass das ganze irgendwo in Südamerika spielt und er gerade auf dem Weg in seine Favela ist. Der ganze Abschnitt wirkt - ohne Erklärung für die darin angedeuteten, existentiellen Bedrohungen - etwas albern.

Meine Station kam, die Bremsen quietschten und ich stieg aus, lief nach Hause. Ich war müde und achtete nur auf den Weg. Zu Hause angekommen bemerkte ich, dass an meinen Schuhen etwas wie braunrot eingetrocknete Soße klebte.


Achtest Du, wenn Du müde bist und einen vertrauten Weg gehst, auf den Weg? Ich nicht. Na, vielleicht unterschiedliche Erfahrungen. Kein wirklicher Kritikpunkt.

Selbstverständlich lässt der Text mich etwas ratlos zurück. Da fährt jemand Bahn, kommt nach Hause und die Schuhe sind schmutzig. Tja... und...
Aber ich habe vor laaaaanger Zeit im JL schon einmal die Meinung vertreten, dass eine reine Situationsbeschreibung durchaus ihre Berechtigung hat, was spricht dagegen? Ob das für Dich eine reine Stilübung oder wirklich eine runde Beschreibung einer Alltagssituation sein soll, musst Du selbst entscheiden. In jedem Fall würde ich noch daran arbeiten, vor allem diese Pseudodramatik gegen Ende rauswerfen.

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Re: In der Bahn

Beitragvon Fee » 10.09.2004, 13:52

Hi Surja,

ich finde deinen Text vom Ansatz her gar nicht schlecht. Das Bild, das du da zeichnest, kommt mir so bekannt vor: müde und hungrig nach Hause fahren, die Bahn und die Leute wie aus einer anderen Welt heraus beobachten...
Aber leider komme ich in den Text nicht ganz rein.Ich finde keinen richtigen Zugang. Vielleicht liegt das daran, dass die Beschreibungen wenig detailiert sind, d.h. dass du viele Dinge kurz beschreibst, aber bei keinem in die Tiefe gehst. Das fehlt dem Text meiner Ansicht nach ein bisschen.

Die Bremsen schrieen und kreischten.

Die Stelle finde ich zu extrem, überhaupt gehst du für meinen Geschmack zu oft auf die Bremsen und die Bahn ein. Ein bisschen mehr über die Leute oder den Hund fände ich gut.
Liebe Grüße
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Surjaninov
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Re: In der Bahn

Beitragvon Surjaninov » 12.09.2004, 12:06

Danke euch,

hmmm, also das steckt schon was dahinter. Es ist keine bloße Situationsbeschreibung. Deswegen auch dieses "kreischen" und "schreien" und so. Aber es hat leider niemand von euch bemerkt. Die Bahn und die Bremsen, das wird beschrieben, aber diese Beschreibeungen stehen auch für etwas anderes. Deswegen dann auch der Schluß. Verraten will ich aber nichts. Nicht mehr ;-)

lg
Surja

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Re: In der Bahn

Beitragvon razorback » 12.09.2004, 17:49

Aber es hat leider niemand von euch bemerkt.


Wenn Du wolltest, dass wir's merken, ist es nicht unsere Schuld ;-)
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Re: In der Bahn

Beitragvon Surjaninov » 12.09.2004, 18:06

Nein, natürlich ist es nicht eure Schuld. Es ist halt immer so eine Sache. Selbst weiß man es, also wieviel braucht es um versteckt genug zu sein...? Ist aber auch nicht so wichtig. Der Versuch kostet nichts. :-) :-)

Khadija
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Re: In der Bahn

Beitragvon Khadija » 12.09.2004, 23:58

Ich würde darauf tippen, dass jemand Selbstmord begeht, sich vor die Bahn wirft. Und die versucht dann zu bremsen. Und die braunrote Soße wäre dann das Blut. Oder ist das zu weit hergeholt?
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Re: In der Bahn

Beitragvon SMID » 13.09.2004, 09:14


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Re: In der Bahn

Beitragvon Surjaninov » 14.09.2004, 22:11

8-o 8-o 8-o


Das ist jetzt sehr schwer aus dieser Perspektive zu deuten. Ich lasse jedem seine Phantasien.


Jetzt haben wir mit dieser freien Interpretation ein ernsthaftes Problem


... :-D :-D ...nenene...

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Re: In der Bahn

Beitragvon Khadija » 14.09.2004, 22:53

Okay, also Xrays Interpretation teilst du nicht. Könntest du zu meinem Ansatz auch was sagen? Ich weiß, meine Theorie ist weniger plakativ, aber trotzdem...wenn ich dich ganz lieb bitte? :-&


keine ahnung, weiso der beitrag jetzt zweimal dasteht. Kann das irgendwer löschen?Dirk?
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Re: In der Bahn

Beitragvon Khadija » 14.09.2004, 22:53

Okay, also Xrays Interpretation teilst du nicht. Könntest du zu meinem Ansatz auch was sagen? Ich weiß, meine Theorie ist weniger plakativ, aber trotzdem...wenn ich dich ganz lieb bitte? :-&
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Re: In der Bahn

Beitragvon Surjaninov » 14.09.2004, 23:11

Na, so einem netten Fräulein kann ich doch keine Wunsch abschlagen! :-)

Mit der Soße, da hast du Recht. Aber niemand begeht hier Selbstmord.
Die Bremsen hast du auch angesprochen. Ich verrate dir mal: Es sind nicht die Bremsen...

Hmmm, Was ist passiert?
Ich frage sie Sherlock Khadija Holmes! ;-)

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Re: In der Bahn

Beitragvon Khadija » 14.09.2004, 23:40

"Na, so einem netten Fräulein kann ich doch keine Wunsch abschlagen!"
Danke sehr!*mich geschmeichelt fühl*

Was sind nicht die Bremsen? Es sind nicht die Bremsen die kreischen?

Wahrscheinlich schreibe ich jetzt Blödsinn und blamiere mich total. Aber diese Rumrätselerei ist irgendwie lustig, also versuch ich's trotzdem mal:

Am Schluss hat das LI also Blut an den Schuhen. Und wenn kein Selbstmord begangen wird, dann denke ich an einen Mord. Irgendwo muss das Blut ja schließlich herkommen.

Wenn ich den Text jetzt unter dem Aspekt lese...dann wäre das Brötchen oder Weggeworfene das Opfer.

"Ich schaute nicht hin, wollte nicht, dass eine der Frauen es merkt, denkt ich hätte es hingeworfen."

Das würde passen. Und wenn nicht die Bremsen kreischen, dann vielleicht die alten Frauen?

"Der Müll auf dem Boden gab nach."

Das LI ist also reingetreten, sonst kann der Müll ja nicht nachgeben. Und dadurch kommt das Blut an die Schuhe.

Ist halbwegs nachvollziehbar, wie ich mir das gedacht habe?
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Re: In der Bahn

Beitragvon Fee » 15.09.2004, 00:20

Ich will auch beim lustigen Raten mitmachen:
Könnte es nicht auch sein, dass das LI schwanger ist?
Ich schaute nicht hin, wollte nicht, dass eine der Frauen es merkt, denkt ich hätte es hingeworfen.

Werfen für gebären wird zwar nicht für Frauen gebraucht, ist aber für die Tierwelt ein gängiger Begriff.
Daher käme dann auch das Blut. Und offensichtlich will das LI das Kind nicht, niemand soll denken, es wäre seins.
Ach ja, das Kreischen und Schreien ist das LI in den Wehen?

Mhm, lieg ich richtig??
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Re: In der Bahn

Beitragvon Surjaninov » 15.09.2004, 00:40

Nah, Homes + Watson! Ein schwieriger Fall.

:-D :-D

Ah fein fein!! So viele Smiles kann ich hier gar nicht hinmachen.

---

Also die Bremsen sind es nicht die kreischen.
Aber auch nicht die alten Frauen.

Das Brötchen ist nicht das Opfer.
Liegt aber auch.

Fee, du hast ein wichtiges Wort.
Ihr habt jemanden vergessen.

---

gespannt wie ein Flitzebogen
Surja


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