Sol. Soltau. September

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Glaukos
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Sol. Soltau. September

Beitragvon Glaukos » 25.09.2004, 00:29

... und weil es September ist, hier noch ein Septembergedicht:



Sol. Soltau. September

Unter meinen Schuhen Bucheckern
mit weit aufgesperrtem Rachen
knirschendes Lautspiel, die Eicheln
tragen Kopfputz, der See schwitzt
der Sommer hat auf dem Wetteramt
eine letzte Nachfrist erwirkt

Durchs Wasser spritzen die Enten, maßvoll
hingegen gleiten die Geleitzüge der Schwäne
über die Seehaut gleißt Sonnenlicht, spiegelt
auf die Erdseite der Blätter grelle Reflexe, vibriert
vage am Rand der Böschung entlang

Maulwürfe aus anderen Dimensionen bauen
Sandburgen, die schon der nächste Regen
schleifen wird, daneben verstreutes Federkleid
der Ablauf des Sees dirigiert sein Wasserorchester
dort, am Hinterausgang des Sommers

Libellen, geformt aus Genen von Gestern
zelebrieren ihre Paarungsrituale
extrovertierte Flugschauen, im Spätlicht
betanken sich schillernde Leiber, ihr Akt
eine Blaupause der B-52

Und erstes Blattwerk segelt erdwärts
küsst den Boden, das endlose Ufer
kleidet deine Stimme in Seide, die Baumwolle
hinterm Stirnbein eine Berührung des Windes
irgendwo
sitzt ein weißes Kind
im Wald zwischen klaffenden Kiefern
und hält die Augen verschlossen
vor dem Mahnmal der Gefallenen
eine weiße Antwort wartet
am Ende des Lichtstrahls -

Ein Engel wählt den anderen Code

Der Schwan gleitet vorbei
den Kopf unter Wasser
aber das siehst du nicht

Surjaninov
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Re: Sol. Soltau. September

Beitragvon Surjaninov » 26.09.2004, 00:24

Hallo Tolya


Also die ersten drei Zeilen gefallen mir richtig gut! Ein schöner Einstieg.

"Geleitzüge der Schwäne"
- Finde ich nicht so gut, das Bild. Nicht so sehr weil Schwäne sich nicht gegen (etwa) U-Boote schützen müssten, sondern eher weil es für mich einfach nicht zusammenpasst.

"Seehaut gleißt"
- Hmmm? Seehaut?

"Erdseite der Blätter"
- du meinst die Blätter am Baum? Oder die auf dem Boden? Müssen eigentlich die am Baum sein, weil auf die Erdseite der auf dem Boden liegenden kommt kein Licht. ???

"anderen Dimensionen"
- uuhh - muss das sein?

- Dann wieder soetwas:
"Genen von Gestern"


Dann fährt es ein bissel ab. Plötzlich ist da jemand. Dessen Stimme wird eingekleidet.
Ein Kind (weiß und rein) sitzt zwischen Kiefern (dunkel und klaffend).
Da gibt es auch ein Mahnmal, davor wartet das Kind.
Da gibt es auch eine Antwort am Ende des Lichtstrahls. AHA?

(Und am Ende des Regenbogens gibt es einen Goldtopf.) Das nehme ich die nicht ab. Es bekommt einen so übernatürlichen Dreh. Das gefällt mir nicht.

Später kommt ja noch der Engel.
Und ein "du" sieht etwas nicht. Wer ist dieses "du"? Vorher war davon keine Rede. Und dann plötzlich... Ist es das Kind, vielleicht? Hmmm.

Bleibt noch festzuhalten das du einige wirklich schöne Bilder unter deinen Naturbeschreibungen hast. Mit nicht alltäglichen Wörtern wie "Lautspiel" oder "Wasserorchester". Das passt doch alles fein zusammen.
Wenn es nur dann zum Ende nicht seltsam werden würde.
Nunja, ist nur meine Meinung.

lg
Surja

Glaukos
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Re: Sol. Soltau. September

Beitragvon Glaukos » 26.09.2004, 01:55

Hallo Surja,

danke fürs ausführliche Gegenlesen.
Das mit den Geleitzügen hab ich wirklich selbst beobachtet. Vier Schwäne, alle hintereinander. Das sah eben so aus, ich kann da gar nix dafür ;-)
Okay, ich hätte es weglassen können.


"Erdseite der Blätter"
Damit sind die am Baum gemeint, wenn man von unten hinaufschaut. Das kannst du beobachten: Die Sonne scheint aufs Wasser, die Wellen des Wassers geben dann das Licht als Reflexion nach oben zurück, und wenn ein Baum am Ufer steht, dann wirkt er wie von sich bewegenden Lichtringen überzogen ...


"anderen Dimensionen"
diskussionswürdig, danke. was aber dann? Andere Welten? Ist auch banal. Mhm, ich denke nach.

Dass es am Ende "abdreht", stimmt wohl. Ich habe halt derzeit meinen religiösen Tick in den Gedichten. Und immer auch ein bisschen "Rätsel", weil ich Religion (gerne auch Naturreligion) immer unverständlich finde, das teilt sie im übrigen auch mit der Erotik.

Wenn ich was Verstehbares schildern will, dann mach ich nichts "Künstlerisches". Womit ich nicht meine, dass es absolut unverständlich sein sollte. Das gefällt mir selbst nämlich auch nicht.
So bleibt es wohl immer ein Spagat zwischen Verstehbarem und Erahnbaren.


"Es bekommt einen so übernatürlichen Dreh. Das gefällt mir nicht."

Warum nicht? Weil es am Anfang nicht übernatürlich ist? Oder generell?

Schöne Herbsttage wünscht

Tolya

(die Tanz-Verse zum Rubens bin ich noch schuldig, hast du mal was zu Macke probiert??)

Surjaninov
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Re: Sol. Soltau. September

Beitragvon Surjaninov » 26.09.2004, 11:49

Hi Tolya


"Geleitzug"
Ich hab ja auch nichts gegen das Formationsschwimmen der Schwäne, aber "Geleitzug" klingt dann doch zu militärisch.

"Erdseite"
- ich weiß was du meinst. Diese Wasserreflexionen kommen auch gut auf Stein.

"Dimensionen" "andere Welten"
- Klingen beide so nach Weltraum. Vielleicht irgendwas wie "Erdreich" oder "Unterwelt",...


Gut, ich kann es mir vorstellen. Ein langer Schwenk über die Landschaft, das Wasser. Dann sitzt da ein Kind zwischen dunklen Kiefern. Ein Mahnmal. Grelles Licht.
Vielleicht ein Engel. Die Schwäne ziehen langsam vorbei.
Aber ich kann keinen Zusammenhang feststellen. Für mich nicht.
Warum steht einmal dieses "deine" und später dieses "du"? Wer ist damit gemeint?
Das ist etwas undurchsichtig, und für mich gleitet es ins übernatürliche. Oder wie du sagst, ins religiöse.

Warum nicht? Weil es am Anfang nicht übernatürlich ist? Oder generell?


- Eher generell. Auch weil man dann alles passieren lassen kann, ohne es erklähren zu müssen. Man schieb dann alles auf ein geheime Kraft und ist fein aus dem Schneider. Etwas passiert und man weiß nicht warum.
Dann sind da immer dieselben Lichtblitze und Stimmen, und *puff* da ist die Rauchwolke,...
Ist nicht so mein Ding.


Vielleicht bahnt sich der zweite Teil im Gedicht schon an. Bei so Dingen wie "andere Dimensionen" oder "Genen von Gestern". Dann war ich zu unaufmerksam.
Die Naturbeobachtungen sind wirklich sehr schön, da stechen solche Stellen als kleine Störer heraus. Zum Ende summiert sich das eben.


Macke / Rubens
Ich hatte wirklich mal angefanegn. Aber dann wusste ich nicht mehr weiter und es gefiel mir auch nicht sehr gut.
Aber ich werde es mir, nachdem du mich jetzt dran erinnert hast, wieder vornehmen. Das wäre doch gelacht,...


einen schönen Sonntag wünscht
Surja

Glaukos
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Re: Sol. Soltau. September

Beitragvon Glaukos » 26.09.2004, 14:13

Hi Surja,

die Militärsprache beschränkt sich nicht nur auf Geleitzüge, da sind auch die Libellen, wie B-52s (siehe Kubricks "Dr. Seltsam)...

Zum Gedicht sollte ich wohl noch erklären: Sol - ist nicht nur die Sonne, sondern auch Sole, Salz.
Soltau - ist ein Kurort, in dem ich mal gewesen bin, und wo ich den Nachmittag am See dann in Worte fasste.
Diese Seen, das Wasserorchester, die Bäume und Schwäne wurden von den Soltauern bei einer Lesung auch gut erkannt.
Das mit dem Kind führt vom See weg, da hast du ganz Recht. Auch örtlich. Die Kiefern und das Mahnmal befinden sich etwas davon entfernt gelegen, ein Soltauer erkennt das Gemeinte, jemand wie du empfindet Befremden - das ist leider kaum zu ändern.


"Warum steht einmal dieses "deine" und später dieses "du"? Wer ist damit gemeint?"

Ich bin jetzt ganz hart und sage, dass ich das nicht erklären werde. Es steht da, dass man sich daran stößt. Vielleicht stößt sich jemand wie du so sehr, dass er sich ärgert - das ist zwar nicht gewollt, aber vielleicht nicht zu ändern. Ein anderer findet es womöglich "reizvoll", weil ungewohnt.

Ich wäre wirklich gespannt, wie andere hier diese Angelegenheit bewerten.


"Man schieb dann alles auf ein geheime Kraft und ist fein aus dem Schneider."

Wenigstens eine geheime Kraft muss aber in der Poesie immer vorhanden sein: Die geheime Wirkkraft im Zusammenklang der Worte. (Ob das auch auf den Inhalt selbst zutrifft, lasse ich mal offen)


Naturdichtung.
Ich wollte keine reine Naturdichtung im beschreibenden Sinne verfassen wie du in deinem Vorherbstgedicht. Ich wollte die Sinnlichkeit, mitunter auch die Verletzbarkeit, die Emphase und auch die Furcht (das Kind zwischen den Kiefern) mit einfassen. Die Natur selbst ist da nur der Untergrund, die Operationsbasis.

Würde ich Gedichte schreiben, die rein rational zu verstehen wären:

Ich bin klein
mein Herz ist rein

... dann fehlte mir etwas ganz Wichtiges: Dass ich, wenn ich ein poetisches Gefühl habe, das mich zum Dichten zwingt, niemals wirklich den Grund weiß, warum diese Impression jetzt Auslöser ist für den Text. Diese Poesie (als Gefühl, als Auslöser) ist nicht zu begründen.

Was ich auch deiner Kritik mitnehme, ist die Frage, ob alle Ingredenzien des Textes ausgewogen sind. Ob zwei militärische Anspielungen genug sind, ob es drei vier sein müssten. Ob der Übersinn früher ins Gedicht hineinsollte, oder ob es gerade reizvoll sein kann, dass er plötzlich diese scheinbare Ruhe, Besinnlichkeit am See durchbricht, in Frage stellt, ungewohnte Reflexionen, Ausblicke bietet.

Am schwächsten finde ich selbst die "Maulwürfe aus anderen Dimensionen", das werde ich ändern.

Hab vielen Dank,
und hab einen schönen Sonntag ;-)

Tolya


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