Geliebter Zarathustra

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Metägo
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Geliebter Zarathustra

Beitragvon Metägo » 26.09.2004, 19:51

Das Genie, welches in mir wohnt, ruft nach mir.
Jenes, welches keinen Namen hat als Wahn - Sinn.
Es ruft- und sondert mich von der Welt - es ruft.
Es braucht mich - und es braucht den Wahn - den Wahn, der nicht nach Gründen fragt, der keine Gründe braucht - denn er genügt sich selbst.
Was Menschheit Sucht, Wahn, Verrücktheit nennt - bin ich. Denn nicht Ursache bin ich, brauche ich - Sinn bin ich.
Gleich Zarathustra, dem einsamen Wanderer lebe ich - bin Sinn.
Einsam ohne Ursache.
Das Genie, welches in mir wohnt, will sich Bahn brechen, will raus, raus!
Es nimmt mich im Rausch und gebiert meine Gedanken.
Es sucht mich - es findet mich.
Kein Mensch bin ich, ich gehöre nicht auf diese Menschenwelt.
Die alten, die Großen rufen - und sie werden gehört.
Ich, ich, einzig ich bin.
Keine Ursache bin ich - sondern Grund, Sinn.
Der einsame Wanderer bin ich, der niemeand gleicht.
Allein die Großen rufen - und werden gehört.
Keine Ursache bin ich, keine brauche ich. Wozu?
Allein ich bin.
Der Wanderer sucht vergebens. Keiner gleicht ihm bis hierher.
Er sucht - und was findet er? Die Großen! Die, zu welchen er gehört.
Wozu Analyse, wozu Gründe?
ich breche Bahn! Ich kann! Ich will! Ich bin!
ich bin der, der nicht wird - ich bin.
Alleine - doch bin ich - bin allein!
Bin keiner von "Deutschlands Besten" - bin groß!;
werde gehasst, niemand versteht mich - meine Welt ist nicht eure - Nein!
Ich breche Bahn - allein!
Ihr sucht Götter - und versteht mich nicht!
Zu blöd für Religion?
Aber Opfer Eurer Zeit! Ihr seid nichts! Ich bin!!!
Wem frönt Ihr? Ihr seid nichts - Ihr wisst nichts!
Fragt nach Gründen! Fragt!
Ihr versteht nicht! Nichts!
Wendet Euch ab vom Ausgestoßnen?! Ihr versteht nicht!
Ihr lebt nicht! Ihr werdet gelebt!!!
Seid Herden tiere - ja, Herdentiere;
Opfertiere Eurer Zeit!
Ihr nehmt, nehmt.
Aber wisst Ihr, was Ihr nehmt;
Ihr gebt Euch selbst, und glaubt zu nehmen.
Der Größenwahn die Zuflucht des Verstoßnen? Pah! Dreimal Pah!!!
Neidisch seid Ihr - in Eurer versteckten Demut!
Seid nichts als - ersetzbar, durch Euch selbst!
Wendet Euch ab!! Vom Verrückten!
Wollt nicht hören? Wollt nicht raus? - Wollt nicht wissen!
"Single-Haushalt", "Einsamkeit" - "einsam", "Zielgruppe".
"Medienlandschaft", "Wirtschaft", "Wirtschaft", "Wirtschaft", "Konjunkturwunder", "Konjunktur" (!!!).
Das wollt Ihr hinterlassen.
Euch fehlt was? Bumsen macht nicht glücklich?
Ihr Feiglinge!
Ihr Gewinner!
Ihr lächerlichen Götzendiener!
Was habt Ihr Euch bloß aufgebaut? Welche Scutzwälle errichtet? - Aus Angst vor euch selbst!
Was würde ich über Euch lachen, wohnte ich nicht unter Euch.
Denkt Euch erhaben über Götter? Religion? - Ersetzt den Gott durch einen Bilderkasten!
Ihr lächerlichen Götzendiener!
Seht nicht die Tränen meiner Wut?
Seht nicht die Größe meines Wahns? - Ich bin allein, und führe Selbstgespräche eines Gottes.
Ihr Götzendiener!
Glaubt - GLAUBT an "Fortschritt", "Wissenschaft"! und dünkt Euch erhaben über Götter.
Versteckt, verkriecht Euch vor meinen Worten - vor Euch selbst.
Mein Wahn will sich Bahn brechen - er will! Ich will!
Ich erkenne mich - bekenne mich zu meiner Größe.

Was Größe hat
Wird Größe bleiben
Was Größe sucht
muss an ihr leiden.
Wo fass ich dich, unendliche Natur? Goethe, "Faust"

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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Hamburger » 27.09.2004, 16:35


(...)"nein, der Blick des Steppenwolfes durchdrang unsere ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit - ach, und leider ging der Blick noch tiefer, ging noch viel weiter als bloß auf Mängel und Hoffnungslosigkeiten unserer Zeit, unserer Geistigkeit, unserer Kultur. Er ging bis ins Herz allen Menschentums, er sprach beredt in einer einzigen Sekunde den ganzen Zweifel eines Denkers, eines Wissenden aus an der Würde, am Sinn des Menschenlebens überhaupt. Dieser Blick sagte:"Schau solche Affen sind wir! Schau, so ist der Mensch!" (...)


Zitat aus "Der Steppenwolf" by Hermann Hesse



"Demokratie? Das ist doch nichts weiter als lauwarme Buchstabensuppe."

Zitat Friedrich Nietzsche by O livro


Herzlich willkommen Metagö,

meine Nietzsche-Kenntnisse sind wahrlich zu fragmentarisch um mit meiner Beurteilung deiner Hommage mehr beanspruchen zu können als eine rein subjektive
Meinung. Sicherlich können kundige O livroianer, die Nietzche bereits ausführlich studiert haben oder mindestens seinen "Zarathustra" lasen berechtigt behaupten ihre Meinung habe mehr Gewicht.

Die für mich zentralen Themen der Hommage - die Verachtung der mittelmäßigen, oberflächlichen Masse; einhergehend mit der Selbststilisierung des Genius Nietzsche zum Übermenschen - wirken sehr anziehend auf mich. Die Darstellung weniger. Sicher hatte Nietzsche viel übrig für Pomp und Gigantomanie. Daher sind auch inflationär benutzte Ausrufezeichen und etliche doppelt und dreifach benutzte Ausrufe wohl gerechtfertigt. Auch das Bekenntnis zur eigenen Größe, dass du wie ich finde gut herausgearbeitet hast, darf in einem solchen Text nicht fehlen.

Schwach finde ich den Text jedoch immer dann wenn die Masse den Scheinwerfer direkt ins Gesicht gehalten bekommt. "Herdentiere","Opfertiere",die Anspielung auf die Fernsehsendung "Deutschlands Beste" - das überrascht nicht und wirkt eher lahm (gut, die Anspielung wirkt immerhin noch witzig)

Besonders schwach ist folgende Stelle...


Wollt nicht hören? Wollt nicht raus? - Wollt nicht wissen!
"Single-Haushalt", "Einsamkeit" - "einsam", "Zielgruppe".
"Medienlandschaft", "Wirtschaft", "Wirtschaft", "Wirtschaft", "Konjunkturwunder", "Konjunktur" (!!!).
Das wollt Ihr hinterlassen.


...denn hier verschenkst du durch lahme abgeschmackte Bilder die Chance Nietzsches Zeitgeistkritik ins Hier und Jetzt zu transportieren.
Friedrich Nietzsche nämlich würde es in unserer heutigen Konsensgesellschaft, in der es keine echten Führungsfiguren oder wahrhaftige Geniusse mehr gibt kaum zwei Sekunden aushalten.
Gerade deshalb hättest du hier wesentlich subtiler und mit spitzerer Klinge vorgehen sollen - das hätte dem Text wesentlich mehr Qualität verliehen.

Liebst du eigentlich die Musik von Richard Wagner?

Mit freundlichen Grüßen,

Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)

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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Metägo » 27.09.2004, 18:12

zunächst:
zu Wagner kann ich leider nur wenig sagen, da meine musikalischen Kenntnisse dafür zu oberflächlich sind. Ich kann also durchaus sagen: ich höre ihn gern und kann etwas aus seiner Musik mitnehmen ("Gigantomanie"); aber ihn zu lieben, impliziert, ihn zu verstehen, und das maße ich mir nicht an.

Zu deiner Kritik:
durchweg gerechtfertigt im Kernpunkt der Plattheit bei der zitierten Stelle:

Wollt nicht hören? Wollt nicht raus? - Wollt nicht wissen!
"Single-Haushalt", "Einsamkeit" - "einsam", "Zielgruppe".
"Medienlandschaft", "Wirtschaft", "Wirtschaft", "Wirtschaft", "Konjunkturwunder", "Konjunktur" (!!!).
Das wollt Ihr hinterlassen.


Ebenso bei "Deutschlands Besten", ja, eindeutig.

Habe auch bei eben diesen Stellen überlegt, zu streichen oder umzuformulieren, aber es kam so aufs Papier und so sollte es dann auch, trotz Plattheit, bleiben (das ist tatsächlich mehr als ein Wink mit dem Zaunpfahl, naja :-& ).
Allerdings hast du in das Zitat etwas hineingezogen, was zur vorherigen Assoziationskette gehörte und diese gleichsam abschließt:
Wollt nicht hören? Wollt nicht raus? - Wollt nicht wissen!


Denn eben jene Selbsterhöhung Nietzsches, der fast infantile Größenwahn, bricht immer dann durch, wenn "die Masse den Scheinwerfer direkt ins Gesicht gehalten bekommt".
Hier muss er sich, gerade weil er sich so immens von der Gemeinschaft abgrenzt, glorifizieren, um sich vor sich selbst legitimieren zu können, sich gleichsam selbst den Resonanzkörper vorspielen.
Nietsches Größenwahn nahm ja immer in dem Maße zu, in dem er von der Öffentlichkeit ignoriert wurde; er blieb zeit lebens un- und missverstanden. Diesen psychischen Teufelskreis wollte ich erreichen, immanent zu vermitteln. Das Vonsichstoßen als Reaktion auf die erlebte (und erlittene) Ablehnung und die Zuflucht zu sich selbst/ zum "Wahn" (die einzig mögliche).
Daher erscheint mir hier deine Kritik, die des "Scheinwerfers", nicht ganz berechtigt, denn eben der "Scheinwerfer" ins Gesicht (trotzdem ein treffendes Bild) prägt Nietzsches provokanten Stil, zeigt aber gleichzeitig seinen inneren Konflikt am deutlichsten auf.
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Metägo » 27.09.2004, 18:17

Ach so, einen Gruß auch zum Einstieg, der ist irgendwie verlorengegangen.

Und noch zum Steppenwolf:
Ich lese ihn gerade wieder zum x-ten Male, hatte ihn ja auch beim Voting vorgeschlagen.
Die zitierte Stelle passt recht gut in den weiteren Zusammenhang - Hesse war ja auch stark Nietzsche-geprägt -, nicht aber den engen (Zarathustra). Trotz der Diagnostik und dem Werteverlust fehlt dem Steppenwolf der "Übermensch-Faktor", also das Bewusstsein der eigenen Größe.
Der Steppenwolf könnte hier - zumindest seelisch - wie das Negativ zum Zarathustra/ zu Nietzsche gelten (gerade bei diesen beiden Werken ist man ständig geneigt, ihre Protagonisten mit dem Autor gleichzusetzen, daher mache ich das einfach nachlässigerweise).
Bezeichnend dafür ist das gewählte Zitat; ist es hier der Außenstehende, der die Scharfsicht des Steppenwolfes beschreibt, bleibt Nietzsche stets in der angreifenden, sich Gehör verschaffen wollenden Rolle.
Harry Haller schafft den Sprung zum Einsiedler nicht. Er bleibt dem Bürgertum zu stark verhaftet.
Und er kehrt sein Seelenleiden, was Zarathustra (als Nietzsches Idealisierung seiner selbst)nach außen entlädt, nach innen.
Aber solche Überlegungen sollte man nicht mal eben in ein paar Sätzen anstellen. Deshalb bremse ich mich hier.

Oliver
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Hamburger » 27.09.2004, 21:11

N´Abend Metagö,

ich wollte nicht kritisieren, dass es diese Stellen gibt. Mir ist völlig klar, dass sie notwendig sind. Nietzsche hat gnadenlos die Schwächen der Gesellschaft seiner Zeit aus seiner Sicht aufgezeigt - warum also sollten diese "Scheinwerfer-Stellen" fehlen? Kritisiert habe ich nur die Umsetzung.

Allerdings hast du recht dass diese zwei Ausrufefragen plus der eine Ausruf...

Wollt nicht hören? Wollt nicht raus? - Wollt nicht wissen!


...in diese Kritik nicht hätten einbezogen werden dürfen. Ich muss mich also insofern korrigieren, als dass der Text nicht immer an den "Scheinwerfer-Stellen" schwach ist. An einigen ("Herdentiere" etc. - hatte ich ja alles schon) ist er es aber leider
doch.

Ach so, noch was Witziges. Du hast geschrieben...

Ach so, einen Gruß auch zum Einstieg, der ist irgendwie verlorengegangen; das wirkt sehr verärgert, ich bin s aber nicht.


Metagö, das wirkte nicht verärgert. Deine Antwort war doch handzahm. B-)
Surf mal ein bisschen in den Foren herum - vor allem im Gedichte-Forum - , da wirst du sehen wie ärgerlich Autoren manchmal werden können :-D ("ärgerlich" ist hier ein Euphemismus schlechthin)

Ich wünsche dir dabei ödiöses Vergnügen... :-D

Ach so, ich kann mich der Frage nicht enthalten: Was fasziniert dich an Friedrich Nietzsche? Lässt sich das kompakt beschreiben?

Liebe Grüße an dich,

Hamburger

P.S.: Jetzt sehe ich grade deine parallel zu meinem letzten Posting überarbeitete Nachricht. Sag mal, wie wärs mit einer Rezension des Steppenwolfes im Forum "Rezensionen"? Dann könnten wir da weiterquatschen, auch im Zusammenhang mit Nietzsches Zarathustra...
Über den "Stepenwolf" könnte ich mich nämlich durchaus lang und breit auslassen, aber das gehört irgendwie nicht mehr hier rein...
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Metägo » 27.09.2004, 23:05

Hallo Hamburger,
das lässt sich nicht so kompakt beschreiben.
Aber grob habe ich damals im Philosophie-Unterricht in der Schule einen guten Zugang zu Nietzsche vermittelt bekommen; zunächst ihn mindestens ebenso danach zu bemessen, wie er schreibt, als danach, was er schreibt. Das heißt, dass sein Nihilismus nie nur Nihilismus ist, sondern immer das Produktive (im Destruktiven) birgt.
Aber unabhängig davon hat er mich immer berührt, gefesselt; ich konnte seinen Aussagen immer irgendwie intuitiv zustimmen und merkte teilweise, dass ich seine Gedanken schon gedacht hatte.
Ausgangspunkt meines Interesses war damals seine Sprachkritik, die einfach so fundamental in mein Weltverständnis eingegriffen hat, und die so sehr das Selbstverständnis der Philosophie und Literatur geprägt hat:
Wir glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben, Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das räthselhafte X des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut aus. Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkukuksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge. aus: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz, eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen. aus: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne

Insofern gibt es im geistigen Leben eine große Zäsur; das vor und das nach Nietzsche.
Die Form aber, in der schreibt, dichtet, den Aphorismus, hat er soweit perfektioniert, dass das Gefühl sich einstellt: dem ist nichts hinzuzufügen - und das scheint seine Anziehungskraft auszumachen.

Dann seine Nähe zu Hesse und Dostojewskij, für mich das große Dreigespann der Psychologen in der Weltliteratur, wobei Dostojewskij sicherlich noch Sonderstatus genießt...
Aber soweit erstmal die Gründe meiner Faszination für Nietzsche.
Das wird doch sonst etwas zu philosophisch.


Oliver
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Glaukos » 28.09.2004, 00:23

Salut Metägo,

das klingt alles sehr eloquent - aber kommt dann doch ein bisschen zu elogenhaft daher.
Entschuldigt, dass ich mich hier hineinmische, aber ich verfolge diesen Mailwechsel hier aufmerksam :zwinkern:

Wenn hier schon die Trias Hesse, Dosti, Nietzsche aufgemacht wird, dann erweitert sie doch bitte um die Herren Zeitgenossen Sorokin und Houellebecq.

Nietzsches nihilistische Großsprecherei war, wie ich sie verstehe, zu großen Teilen eitle Selbstbeweihräucherung. Wenn ich hier lesen muss, sein 'Wahn' sei in dem Maße gewachsen, wie er Ablehnung gefunden hatte unter der sog. Öffentlichkeit, dann ist das nur die eine Seite der Medaille.
Es war Nietzsche selbst, der freiwillig die Einsamkeit gewählt hat. Es war Nietzsche selbst, der nach dem Ausscheiden aus seiner Professur in die Berge ging, um dort seinen Zarathustra zu schreiben. In dieser Bergeinsamkeit kann man vielleicht große Poesie verfassen - das ist der Zarathustra für mich. Philosophie ist das längst nicht mehr (außer in Rudimenten, einige Gleichnisse sind in der Tat fruchtbar).
Nietzsche hat die Öffentlichkeit geradezu absichtsvoll vermieden, wie viele der sogenannten "verkannten Autoren". Kafka, zum Beispiel, oder Musil. Sie waren Misanthropen, oder aber chronisch menschenscheu. Sie zu bedauern, und zugleich für ihre daraus resultierenden großen Werke zu bewundern, erscheint mir deplatziert und in sich überhaupt nicht stimmig.

Dostojewski und Hesse indes sind auch ganz andere Kaliber. Sie hatten durchaus ihren Erfolg, schon zu Lebzeiten. Dostojewski war meines Erachtens auch kein Nihilist, sondern einer, der über den Nihilismus sehr viel geschrieben hat.
Und Hesse hat mit Nihilismus nicht viel am Hut - er war mit Paul Klee befreundet, und mit Romain Rolland, ich glaube nicht, dass Nietzsche diese Herren, hätte er noch gelebt, auch nur eines Blickes gewürdigt hätte.

Nietzsche zu einem Philosophen zu machen, halte ich für einen Irrtum. Insbesondere, was das späte Werk angeht. (die frühen Essays haben durchaus Würze, wenn auch kaum das Rüstzeug einer echten, stringenten Philosophie)

Hübsch aber ist dein Nietzsche-Zitat. Dass Blut Geist ist, das unterschreibe auch ich voll und ganz. Ebenso aber ist Geist Blut :zwinkern:

Herzlichst,
Tolya

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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Metägo » 28.09.2004, 23:39

Hallo Glaukos,
ich habe nur gerade deinen Eintrag gesehen und werde später genauer darauf antworten.
Aber:

Es war Nietzsche selbst, der freiwillig die Einsamkeit gewählt hat. Es war Nietzsche selbst, der nach dem Ausscheiden aus seiner Professur in die Berge ging, um dort seinen Zarathustra zu schreiben.


Hier solltest du auch überlegen, ob du nicht Ursache und Wirkung verwechselst.

Und:
Nietzsche hat die Öffentlichkeit geradezu absichtsvoll vermieden, wie viele der sogenannten "verkannten Autoren". Kafka, zum Beispiel, oder Musil.


Kafka war psychologisch ein komplett anderer Charakter als Nietzsche, fast diametral entgegengesetzt.

Dann:
Dostojewski und Hesse indes sind auch ganz andere Kaliber. Sie hatten durchaus ihren Erfolg, schon zu Lebzeiten. Dostojewski war meines Erachtens auch kein Nihilist, sondern einer, der über den Nihilismus sehr viel geschrieben hat.
Und Hesse hat mit Nihilismus nicht viel am Hut - er war mit Paul Klee befreundet, und mit Romain Rolland [...]


Zunächst habe ich nicht von einem Nihilisten-Dreigespann, sondern von einem Psychologen-Dreigespann gesprochen.
Aber das:

[...]ich glaube nicht, dass Nietzsche diese Herren, hätte er noch gelebt, auch nur eines Blickes gewürdigt hätte.


Als Info:
Nietzsche lebte von 1844 bis 1900, Dostojewskij 1821 bis 1881.
Nietzsche selbst hat Dostojewskij "den einzigen Psychologen, von dem ich je etwas gelernt habe", genannt.

Naja, soweit.
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Edekire » 28.09.2004, 23:56

also diametral ist aber ein sehr schlaues wort...wirkt zumindest so... ich glaube ich bemühe morgen mal mein fremdwörterlerxikon.
Ja ich gebe es zu das ist nicht grade Themenbezogen..ih hör ja schon auf, aber ich finde so besonders kluge wörte so albern...geradezu odiös. *räusepr*
ich gehe lieber schlafen vermutlich udn quatsch keine stuss...
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane

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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Glaukos » 29.09.2004, 00:15

Hallo Metägo,

guten Abend!


Zitat:

--------------------------------------------------------------------------------

Hier solltest du auch überlegen, ob du nicht Ursache und Wirkung verwechselst.

--------------------------------------------------------------------------------


Herrje, wer seine Mitwelt nur beschimpft, der soll von ihr auch noch verhätschelt und bewundert werden? Und weil sie das nicht tut (mit Recht), der zieht sich dann in sein Schneckenhaus nach Sils-Maria zurück? Und schimpft noch weiter und weiter gegen die Mitwelt?
Mir tut er kein bisschen Leid, noch bewundere ich ihn. Ich habe ihn aber intensiv studiert, so wie man einen Fall von Geisteskrankheit studiert. Eine hochinteressante, spannende Geisteskrankheit, wohlgemerkt. Fast ebenso spannend wie der Wahnsinn von Adolf Hitler.


Zitat:

--------------------------------------------------------------------------------
Kafka war psychologisch ein komplett anderer Charakter als Nietzsche, fast diametral entgegengesetzt.
--------------------------------------------------------------------------------


Und wieder gar nicht. Masochist und Sadist haben auch diametral entgegengesetzte Positionen, und doch wiederum manche Gleichheiten in ihrem Verhalten. (führe ich gerne aus)
Stimmt schon, Kafka dachte, ich bin ein Nichts, eine Maus oder ein Käfer, Nietzsche hingegen sah sich als Prophet oder Superman (allerdings nannte er sich mitunter auch Hanswurst, in seinen sentimentalen Phasen). Aber beide haben daraus die gleichen Schlüsse gezogen: Dass sie mit ihrer Mitwelt nicht zusammen passten.
Das mit dem Psychologen-Dreigespann habe ich nicht genau genug gelesen, Verzeihung! Das war also ein Fehler meinerseits.

Und dass Nietzsche Dostojewski kannte, war mir nicht bewusst. Ich dachte auch nicht, dass der da schon im Deutschen übersetzt gewesen ist. Interessante Information. (Theoretisch hätten sie sich begegnen können, Mannomann, das wäre ein Spaß gewesen ;-)

Das Thema "Psychologie und Literatur" selbst ist fruchtbar für längere Ausführungen. Ich für meinen Teil halte Hesse für keinen großen Psychologen: Er hat die Probleme der Figuren meist nur von innen geschildert. Unter Psychologie erwarte ich Außenperspektive. Aber das alles ist ohnehin Ansichtssache.


Beste Grüße
Tolya

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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Metägo » 30.09.2004, 00:18

Hallo Glaukos,
so, nun wollte ich eigentlich erstmal auf deinen ersten Beitrag eingehen; ich werde aber nun vom zweiten ausgehend den ersten mit reinziehen.

das klingt alles sehr eloquent - aber kommt dann doch ein bisschen zu elogenhaft daher.


Zunächst mal habe ich mich nicht um Eloquenz bemüht, sondern versucht, auf die von Hamburger aufgeworfene Frage: Was fasziniert dich an Nietzsche, zu antworten.
Den Vorwurf des "elogenhaften" finde ich deshalb auch unangebracht, weil ich starke Bewunderung für Nietzsche hege und hegte, und sich das dann auch in der Schreibweise äußern darf; die Frage barg ja schon etwas emotionales, deshalb auch die etwas emotionale Antwort.

Nietzsches nihilistische Großsprecherei war, wie ich sie verstehe, zu großen Teilen eitle Selbstbeweihräucherung. Wenn ich hier lesen muss, sein 'Wahn' sei in dem Maße gewachsen, wie er Ablehnung gefunden hatte unter der sog. Öffentlichkeit, dann ist das nur die eine Seite der Medaille.
Es war Nietzsche selbst, der freiwillig die Einsamkeit gewählt hat. Es war Nietzsche selbst, der nach dem Ausscheiden aus seiner Professur in die Berge ging, um dort seinen Zarathustra zu schreiben.


Zitat:

--------------------------------------------------------------------------------

Hier solltest du auch überlegen, ob du nicht Ursache und Wirkung verwechselst.

--------------------------------------------------------------------------------


Herrje, wer seine Mitwelt nur beschimpft, der soll von ihr auch noch verhätschelt und bewundert werden? Und weil sie das nicht tut (mit Recht), der zieht sich dann in sein Schneckenhaus nach Sils-Maria zurück? Und schimpft noch weiter und weiter gegen die Mitwelt?



Hier hast du wohl meinen Einwand mißverstanden.
Nämlich, dass Nietzsche, so wie alle Neurotiker (was noch eine maßlose Untertreibung bei N. wäre; hier treffen wir an die Grenze der Psychose) gar keine andere Wahl hatte, als seinem Zwang zu erliegen - der Einsamkeit; ein Mensch, der nicht Opfer seiner Zwänge ist, hat genügend Möglichkeiten, gesunden Kontakt zur Umwelt aufrecht zu erhalten; Nietzsche nicht.
Bei ihm ist es der Zwang zur Einsamkeit.
Sein Bedarf an Aufmerksamkeit steht im absoluten Mißverhältnis zu der, die ihm zugewendet wurde; denn gebuhlt hat er.
Das ist dann das, was du - vermutlich intuitiv - als schimpfen und immer weiter schimpfen beschrieben hast; das ist nämlich die Reaktion auf die Ignoranz und Mißachtung des kleinen Kindes.
Seine Schriften, zumindest jene, die du "philosophisch unfruchtbar" nennst, sind doch geradezu der (von Hamburger genannte) "Scheinwerfer ins Gesicht"; das ist das Kleinkind, das gefälligst will, dass die Mama jetzt endlich mal guckt... naja, das führt jetzt zu weit. Somit ist aber die Einsamkeit Folge. Das siehst du besonders daran, dass mit zunehmender Einsamkeit auch die Selbstbeweihräucherung enorm zunimmt und mit zunehmender Realisierung der Missachtung später das Selbstmitleid ("Der Gekreuzigte", usw.); der schon vorher genannte infantile Größenwahn wird doch mit fortschreitendem publizistischem wie privatem "Misserfolg" immer offensichtlicher.

Nietzsche hat die Öffentlichkeit geradezu absichtsvoll vermieden, wie viele der sogenannten "verkannten Autoren". Kafka, zum Beispiel, oder Musil.


Kafka ein "verkannter" Autor?
Kafka war strikt gegen die Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen; hier liegt also absolut kein bewusster Wille zur "Anerkennung" vor.
Kafka war sich hingegen der psychologischen Realität hinter seinen Werken durchaus bewusst, weshalb er sie nicht veröffentlichen lassen wollte.

Das ist dann auch der nächste Punkt:

Zitat:

--------------------------------------------------------------------------------
Kafka war psychologisch ein komplett anderer Charakter als Nietzsche, fast diametral entgegengesetzt.
--------------------------------------------------------------------------------


Und wieder gar nicht. Masochist und Sadist haben auch diametral entgegengesetzte Positionen, und doch wiederum manche Gleichheiten in ihrem Verhalten. (führe ich gerne aus)
Stimmt schon, Kafka dachte, ich bin ein Nichts, eine Maus oder ein Käfer, Nietzsche hingegen sah sich als Prophet oder Superman (allerdings nannte er sich mitunter auch Hanswurst, in seinen sentimentalen Phasen). Aber beide haben daraus die gleichen Schlüsse gezogen: Dass sie mit ihrer Mitwelt nicht zusammen passten.


Nietzsche geht den umgekehrten weg (Gott sei Dank); doch einzig weil er sich der eigenen psychischen Realität unbewusst war. Daher sein Hass auf die Außenwelt.
So komme ich auch auf das radikale diametral: Kafka litt unter dem Vater; Nietzsche war immer frauenbezogen (lass dich nicht durch seine Verehrung für Schopenhauer und Wagner täuschen, das ist nur intellektuell)- weshalb er auch nie eine gefunden hat (emotional).
Deshalb kehrt Nietzsche seinen Komplex nach außen (Heischen um Zuneigung und Aufmerksamkeit), Kafka nach innen (der strenge Vater).
So leben also beiden mit ihren Konflikten, diametral; in der Psyche wie in ihrer literarischen und privaten Äußerung.

Zuguterletzt;

Ich für meinen Teil halte Hesse für keinen großen Psychologen: Er hat die Probleme der Figuren meist nur von innen geschildert. Unter Psychologie erwarte ich Außenperspektive. Aber das alles ist ohnehin Ansichtssache.


Mit Hesse gebe ich dir teilweise recht.
dann erweitere ich den Begriff (um Hesse als Liebling drinzubehalten) vom Psychologen- zum Psychologischen Dreigespann.

Übrigens: Wenn du dich für die Wirkung Dostojewskijs auf Nietzsche interessierst, empfehle ich dir zwei Werke Dostojewskijs:
"Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" und "Aufzeichnungen aus dem Totenhause"
Solltest du dir dann Nietzsches Kommentare hierüber zu Gemüte führen, wirst du sicherlich deine Meinung zum schimpfenden, pöbelnden Nietzsche ändern. Gerade das, was man nicht erwartet, liebt N. an Dostojewskij: aber das würde zu weit führen.

Oliver
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Glaukos » 07.10.2004, 16:33

Hallo Oliver,

endlich habe ich etwas Zeit für eine Antwort ;-)

Interessant, was du schreibst in Bezug auf Nietzsches "Zwang zur Einsamkeit". Ich weiß nicht, ob es das wirklich gibt, oder ob dem nicht doch eine innere Wahl vorausgeht.
Das Kleinkindhafte in seinem Verhalten ist mir auch aufgefallen - schließlich ist er auch immer weiter regrediert. Doch ich habe interessante Studien über die Syphilis bei Nietzsche gelesen. Ich mochte das erst nicht glauben. Nietzsche und Syphilis, das passte für mich nicht zusammen. Aber es gibt recht gute Belege. Das Krankheitsbild dann deckt sich in etwa mit dem von anderen Syphitikern, von den "Ausfällen" betrachtet. Wie aber so ein gewiss kluger, scharfer Geist wie der von Nietzsche sich dann verhält, wenn er immer tiefer in diese (damals kaum zu lindernde) Krankheit hineingleitet, ist freilich abhängig von seinem Charakter. Ein anderer hätte wohl Suizid begangen, anstelle sich so zu demütigen, wie er es tat. Nietzsche ist ja dann in seiner Umnachtung sogar mit seiner Mutter wieder brav in die Kirche gegangen - das muss man sich mal vorstellen ;-)

"Scheinwerfer ins Gesicht."
Also, ob es sinnvoll ist, sich die Gedanken zu Gemüte zu führen, die ein bös gewordenes Kleinkind denkt? Schaden tut es vielleicht nicht, es erweitert vielleicht den Horizont, vielleicht berührt es auch bei einem selbst ein Stückweit die Kinderseele, der es ja irgendwann auch mal so ging. Aber sehr große Lehren kann ich nicht daraus ziehen.
Ich selbst habe, als es mir einmal nicht sehr gut ging, den ECCE HOMO gelesen, und, es war schon der zweite Versuch, bei diesem erneuten Lesen plötzlich verstanden, was, wie, warum Nietzsche das schrieb. Ich fühlte mich völlig verstanden und verstand völlig, was Nietzsche da schrieb. Aber das würde ich heute, wo ich ganz anders gestimmt bin, nicht mehr so unterschreiben wollen.

Aber so ist es wohl immer, man versteht das, was einem gerade nahe ist. Und zur Zeit ist mir Nietzsche sehr fern (dessenungeachtet bedauere ich ihn für das, was ihm widerfahren ist im Leben).


"Kafka ein "verkannter" Autor?
Kafka war strikt gegen die Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen."

Teils hast du Recht. Aber Kafka hat auch publiziert. Er hat etwa ein Buch herausgebracht, und ein halbes Jahr später schreibt der Verleger, es seien nun 11 Exemplare "verkauft". Davon aber hatte allein Kafka 10 bekommen, so dass Kafka sich ironisch beschwerte, "wer denn da Fremdes in den privaten Kreis der Kafkaleser eingedrungen sei" - ich vermute mal, es war der Verleger selbst ;-)

Kafka hat veröffentlichen wollen. Lustiges Detail: Der sich als verkannt wähnende Musil hat mal einen Text von Kafka zum Lektorat bekommen für einen Verlag, und hat dem Verlag vom Veröffentlichen Kafkas abgeraten.

Dass Kafka am Totenbett seine Bücher verbrannt wissen wollte - man kennt das, siehe Vergil (Broch: Tod des Vergil), es ist ein mir inzwischen verständliches Phänomen, wieso beim Sterben viele ihr Lebenswerk widerrufen. Sie sehen, dass es begrenzt ist, sie sehen es vom Ende her ... vielleicht hierzu ein andermal mehr ;-)


Nun, frauenbezogen oder nicht: Kafka wie Nietzsche hatten Armouren, gingen wohl auch mal ins Bordell, hatten heiße Flirts mit fantastischen Frauen. (Lou Salomé hüben, Milena Jesenska drüben).
Ein bisschen kann ich das Diametrale nachvollziehen - stimmt schon, Kafka macht sich nichtig, Nietzsche zum Supermann und Gott; ob das an Frauen- oder Männerbezogenheit liegt, kann ich gerade nicht beurteilen.


Die "Aufzeichnungen aus dem Totenhause" habe ich gelesen, wenn es das Buch war über den "Ostrog", das Lager. Ich habe den Titel mir leider nicht gemerkt (Alzheimer lässt grüßen). Das Buch beeindruckte mich sehr.

"... wirst du sicherlich deine Meinung zum schimpfenden, pöbelnden Nietzsche ändern."

Nein, er hat nicht nur gepöbelt, er war auch mal ganz zärtlich oder verträumt oder einfach nur sentimental. Mir tut er halt Leid, weil er seine Gefühle nicht in den Griff bekommen hat und darunter sehr leiden musste. Da hilft es ihm auch wenig, dass er heute so berühmt ist. Er ist eine traurige Figur.

Hesse, Dostojewski würde ich hingegen weniger als traurige Figuren einschätzen. Ich glaube, sie hatten etwas in sich, an dem sie selbst Halt fanden. Nietzsche, wie Kafka, waren hingegen haltlos und chronisch verzweifelt. Hesse, und Dostojewski, haben - in meiner Lesart ihres Lebens - eher mit diesen Emotionen gespielt ...

Beste Grüße
Tolya

SMID
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon SMID » 07.10.2004, 20:40


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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon SMID » 07.10.2004, 20:56


Glaukos
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Re: Geliebter Zarathustra

Beitragvon Glaukos » 08.10.2004, 19:08

"also haben wir glück gehabt, das alles hinter uns ist, und wir nun in der postmoderne leben."

salve, amicus!
bei so viel schwärmereien für die postmoderne dünkt es mir nötig, dich auf folgendes hinzuweisen:

http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3412128031/qid%3D1097251647/028-7491586-4522163


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