planet, lonely

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Glaukos
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planet, lonely

Beitragvon Glaukos » 05.12.2004, 00:08

Hallo, liebe Gemeinde, nachdem ich mich mit eigenen Texten zurückgehalten habe, brauche ich jetzt einmal euren Rat. Das folgende Kapitel ist der Eingang zu einem Romanskript, dass ich überarbeiten möchte. Wäre euch dankbar um kritische Bemerkungen, wie ihr solch einen Anfang findet, ob es euch neugierig macht oder nicht ...

Besten Dank im Voraus ;-)





here name : sandrine

Die Stewardess lächelte. Sie hatte perlweiße Zähne, der Lippenstift war passgenau aufgetragen. Die Haare waren exakt getrimmt wie eine Perücke. Eine millimetergetreue Linie zog den Bogen der Brauen nach. Sie roch nach Mandel und Aprikose. Ein Parfüm, das sie am Ende des Fluges zum Verkauf anbieten würde. Trotz ihrer zur Schau getragenen Höflichkeit erzeugte sie in ihm Abscheu. Wie Call-Center-Stimmen. Wie virtuelle Ansagen in Ubahnen. Wie die automatischen Stimmen bei der akustischen Übermittlung per SMS. Sie war perfekt programmiert. Domo arrigato, Mr. Roboto.
-Tee oder Kaffee?
Adrian dachte: Eines Tages wirst du eine Flugbegleiterin ansprechen. Nach der Landung, wenn alle das Flugzeug verlassen haben, wirst du sie zu einem Date überreden. Nach dem Checkout werdet ihr euch am Ausgang treffen. Ihr werdet ein Taxi ordern. Ins Restaurant, ins Kino, ins Bett. Du wirst erfahren, ob sie als Zivilperson ihre berufsbedingte Freundlichkeit ablegen kann und zum Lästern verführbar ist. Ob sie ISBN und ISDN voneinander unterscheiden kann. Ob sie sich dafür entschuldigt, ihre Beine nicht rasiert zu haben. Wie viele Funktionen ihres Handies sie bedienen kann. Ob sie ihrem Arbeitgeber devot ergeben ist oder seine Geschäftspolitik zu kritisieren wagt. Ob sie Kosmopolit ist oder Cosmopolitan liest. Ob sie sich Gedanken über die Weltpolitik macht. Ob sie nach dem Sex im Bett liegen bleiben kann, ohne sich die Haare zu kämmen und die Muschi zu waschen. Ob sie ihren Gefühlen vertraut oder ihrer Credit Card. Ob sie die Einsamkeit eines Leuchtturmwärters nachvollziehen kann. Ob sie vom Fliegen träumt. Ob sie im Schlaf redet, ob sie speichelt oder zittert oder schnarcht ...
-Wie heißt du?
Die Stewardess grinste. Eine verzweifelte, eine äffische Grimasse. In der erstarrten Maske ihrer Freundlichkeit konnte er deutlich die Wiederholung ihrer Frage lesen: "Tee oder Kaffee?" Auch sein Sitznachbar musterte ihn argwöhnisch. Dann schwenkte auch sein Blick wieder zur Flugbegleiterin hinüber. Gierig, wie die Kamera eines Paparazzis. Peggy Sue? Oh, oh, my Peggy Sue?
Sie ließ mehrere Sekunden verstreichen und wartete darauf, dass er seine sonderbare Frage doch noch zurückzog. Geradebog. Er hatte mindestens drei Gesetze der Kommunikation durchbrochen: Er antwortete mit einer Gegenfrage, er siezte sie nicht, und er stellte ihr eine persönliche Frage.
-Sandrine.
Er lächelte zufrieden.
-Ich möchte nichts trinken, danke ...
Sandrine zwinkerte. Hinter ihrer glatten Stirn wurde der Anti-Viren-Scan aktiviert. Dennoch gelang es ihr, mit einem milden Lächeln zu antworten. Ein Lächeln, das dann nahtlos in das Lächeln überging, mit dem sie sich den Fluggästen in den hinteren Reihen zuwandte. Neues Spiel, neues Glück, neues Lächeln. Welches Schweinderl hättens denn gern? Zwei Reihen später war alles vergessen. And all the fools sailed away.
Sein Sitznachbar dagegen konnte die Szene nicht vergessen:
-Warum haben Sie das wissen wollen?
Womöglich ist das die Gelegenheit? Vielleicht klappt es ja bei einem wildfremden Menschen?
-Für einen Moment lang habe ich geglaubt, sie sei diejenige, die ich treffen werde.
-Wie meinen Sie das?
-Irgendwann auf dieser Reise werde ich eine Frau treffen. Ich habe ihr Leben seit vielen Jahren aus der Ferne verfolgt und kenne ihre Art zu Denken sehr genau. Wir haben unsere geheimsten Träume ausgetauscht – aber uns noch kein einziges Mal persönlich getroffen. Verstehen Sie?
-Ach, ein blind date also? Und deshalb reisen Sie um die halbe Welt? Verrückt!
-Um das zu erklären, müsste ich weiter ausholen ...
-Warum nicht? Wir haben entsetzlich viel Zeit!
Adrian sah zum Bullauge hinaus. Sein Blick verlor sich in Wolkengeplüsch. Der Eischnee leuchtete puffrosa. Erfrischend ekelhaft, oder ekelhaft erfrischend. Alles Licht ist schön. Jede Wolke ist eine sixtinische Madonna. Time is on my side – yes it is.
-Übrigens, ich heiße Adrian.
-Freut mich. Ich bin der Georg Moosbrugger. Aber meine Freunde nennen mich Schorsch. Wie den Hackel Schorsch, ha ha ...

SMID
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Re: planet, lonely

Beitragvon SMID » 05.12.2004, 05:10

Hi Tolya,

meine Reaktion ist zweigeteilt.

>>Gut finde ich<<

1. Domo arigato, Mr. Roboto. (arigato mit einem r) Oder wie waers mit einer 100% japanisch Version: domo arigato Roboto-san.

2. Den Gedankenablauf als Adrian denkt, dass er einmal eine Flugbegleiterin ansprechen wuerde. Die hier einsetzenden ob-Fragen an die Stewardess sind ziemlich lustig.

3. Kurz vor dem Schluss ist fuer mein Empfinden der Effekt besser, wenn man die beiden letzten Saezte vertauscht. Also:
Ob sie im Schlaf redet, ob sie speichelt oder zittert oder schnarcht. Ob sie vom Fliegen träumt. (Ende der Aufzaehlung)


>>Was ist nicht so toll finde<<

4. Dass auch du nicht die Finger davon lassen kannst, lieber Tolya, das typische Bild einer gefuehlslosen Stewardess-Roboto-Frau nachzuzeichnen, die doch gar nicht existiert. Auf all meinen Fluegen bin ich bisher immer nur ganz normalen Stewardessen begegnet, die freundlich waren und die man arbeitend antrifft, Damen und Herren wie du und ich, nur eben arbeitend.
Kurzum, ich finde diese Stilisierung der perfekten Frau Stewardess ein bisschen kitschig und unecht. Ja, vielleicht auch unnuetz fuer die Geschichte, weil es ja kein SF-Roman werden soll, oder? Du planst doch eine Geschichte, in der man die Menschen mit Haut und Haaren vor sich hat, quasi zum Anfassen, und die nicht als Formen und Schablonen durch das Buch wandern.

Mich wuerde es als Leser nicht stoeren, wenn du die Stewardess weniger robotisiert. Trotzdem kannst du das gedankliche Innenspiel von Adrian beibehalten. Jetzt koennen sich die meisten Leser immer noch in die Szene versetzen, besser vielleicht sogar.

Aber es war schon klar, dass du die Stewardess perfektionieren wolltest, um den Kontrast zu steigern, der durch Adrians Gedankenablauf hervorgerufen wird. Aber wie gesagt, die ob-Fragen sich an und fuer sich schon lustig.

Was jetzt sehr gekuenstelt wirkt, ist die Gegenfrage des Nachbarn. Wenn er ein Mann ist, dann faende ich eine Antwort besser, die lautete: "Hei, wenn du sie rumkriegst, hier ist meine Nummer, mit empfehlenden Gruessen, ich will auch mal." Oder aehnlich.

-Um das zu erklären, müsste ich weiter ausholen ...
-Warum nicht? Wir haben entsetzlich viel Zeit!

Naja, das klingt alles gestelzt, unreal. Wie waers mit:
-Das ist eine lange Geschichte...
-Warum nicht? Sagen Sie der Stewardness, sie soll mich kurz vor Landung wecken...

Ok, geht sicher noch besser.

Wenn ich fragen darf, das ist der Vorspann fuer welches Projekt?

Holger

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Re: planet, lonely

Beitragvon Patina » 05.12.2004, 11:26

Lieber Tolya,
was ich so aus dem Anfang herausgelesen habe, ist, daß du wohl wieder einmal eine Parabel gedenkst zu schreiben. Deine Personen sind ja nie ganz echt und deshalb finde ich diese Roboter-Stewardess nicht so schlecht, wie Holger sie abgetan hat. Holger, vielleicht solltest du mal die Jungesellenmaschine von Tolya lesen. Da wirst du sehen, daß dies Mechanismus ist, den Tolya in seinen Geschichten immer wieder einsetzt. Und das mit einem guten Effekt. Also ehrlich gesagt, ich würde hier mit Spannung weiterlesen. Gibts vielleicht bald mehr davon? Würde es mir wünschen.
lg Patina

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Re: planet, lonely

Beitragvon SMID » 05.12.2004, 17:31

Hi Patina,

danke fuer die Belehrung. :-)

Die Junggesellenmaschine habe ich vor einem Monat ausweniggelernt. Du spielst sicher auf /die Frau, die niemals schlaeft/ an. Ja, sie ist unecht. Auch Frau Robot hier ist unecht. Ist das ein Mechanismus? Hm, vielleicht Taktik. Jeder Charakter ist ja zumindest in dem Sinne unecht, weil er literarisch ist.

Egal, ich habe nicht gesagt, dass mich Robot als Idee an sich stoert. Ich habe nur das Gefuehl, dass Tolya nicht auf die Gegenueberstellung von Robot vs. Mensch aus ist. Er will was anderes sagen, was genau, das ist noch offen, weil die Geschichte ja noch weitergeht.

Da kann ich mich nur anschliessen. Warten wirs ab.

Herzlich,

SMID vs Holger
Robot vs Mensch

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Re: planet, lonely

Beitragvon Patina » 05.12.2004, 18:24

Könntest du dich jetzt eigentlich endlich mal für einen Nick entscheiden, Smid alias Holger? Das verwirrt mich total. Aber schön, daß du auch hier bist.

Die Junggesellenmaschine hat mir sehr gut gefallen. Im Kern spiele ich auf die erste Geschichte an. Aber die dritte könnte es doch auch sein. Das ist auch kein Mensch, den Tolya dort beschreibt, oder?

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Re: planet, lonely

Beitragvon Glaukos » 05.12.2004, 21:27

Hallo ihr Lieben!

Vielen Dank für eure Bemerkungen. Das mit dem Roboter ist wohl eine Fehldeutung ... dieses "Domo arigato, Mr. Roboto" ist die Zeile aus einem Song von Styx.

Klar soll die Stewardess auch ein bisschen robotermäßig herüberkommen, aber die Gleichsetzung Frau=Roboter ist nicht intendiert gewesen.

Der Roman hat tatsächlich SF-Qualität, er spielt zwar in etwa in der Jetztzeit, aber in einer Art Zweitwelt, in ihm erfinde ich eine verschwörerische Sekte, gemischt aus Internet-Freaks und Scientology ... mehr will ich hier jetzt nicht gleich verraten ;-)

Aber es ist in der Tat eine weitere Allegorie. Eine ganz vernünftige Geschichte mit stinknormalen Figuren zu schreiben fällt mir sehr schwer.
(Vielleicht versuche ich es dennoch einmal)

Ich werde demnächst das nächste Kapitel posten, versprochen ;)

Beste Grüße
Tolya

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Re: planet, lonely

Beitragvon Patina » 05.12.2004, 22:52

warte ab mit spannung. scientology gepaart mit internet hört sich sehr gut an. wohlan. :-)

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Re: planet, lonely

Beitragvon Surjaninov » 05.12.2004, 23:08

hej tolya

Zum Ende hin sind mir zwei Dinge aufgefallen die ein klein wenig stören.

Zum einen das Wort "Bullauge" Mag ja korrekt sein, hat ja auch die Form und so weiter, aber "Bullauge" passt doch besser zu einem Schiff im Wasser.
Hörst sich auch nicht sehr nach modernem Interkontinentalflug an.

Dann geht es um den Herrn Mossbrugger. Mögen ihn seine Freunde auch Schorsch nennen, dieses "Wie den Hackel Schorsch, ha ha ..." finde ich dann aber zu dick aufgetragen.

Herr M hat warscheinlich einen lieben lustigen Charakter, und weiß immer einen Scherz... - wenn das so sich vortzetzen sollte ist es allerdings in Ordnung. Ansonsten, wenn es nur so eingestreut wäre, würd ich es lieber weglassen.

Könnte mir fast vorstellen das der Herr M im Laufe einer Längeren unterhaltung öfters soetwas vom Stapel lässt.

Auch ich bin gespannt auf die Fortsetzung!!

lg
Surja

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Re: planet, lonely

Beitragvon Edekire » 06.12.2004, 00:07

Hallo Tolya :-)

also ich würde auf jeden fall weiterlesen. aber das heißt nicht so viel ich neige dazu alles zu lesen was man mir unter die nase hält...deshalb noch mal extra: bis hierhin auf jeden fall interessant.

So ich krittle gerne an einzelheiten rum...
Trotz ihrer zur Schau getragenen Höflichkeit erzeugte sie in ihm Abscheu

zur schau getragene höflichkeit? das hieße ja eigentlich sie wäre nicht höflich, aber sie ist es doch? man ist entweder höflich oder nicht, ich bin der meinung das das reine handlung ist und deshalb nicht zur schau getragen werden kann wie freundlichkeit die ja als falsch empfunden werden kann. vieleicht eher antrainierte höflichkeit... oder falsche freundlichkeit wobei ich das aber etwas klischeehaft finde...

Sandrine zwinkerte

Vieleciht besser blinzelte? das hat mich beim lesen erste ziemlich irritiert weil ich bei "zwinkern" automatisch an zuzwinkern denke und sie soll doch eigentlich ein bisschen desorientiert wirken. und bis ich das geschnallt hatte das das nicht als kommunkationsersuch gemeint war, dachte ich das es sehr überraschend und unpassend kommt...
Aber meine Freunde nennen mich Schorsch. Wie den Hackel Schorsch, ha ha ...


also das ist jetzt nicht sinnvoll zu begründen und reine geschmakskrittelei...
HM!!! Schorsch? also echt....das wirkt irgendwie nicht wie der mensch den man auf einem flug trifft. einen schrosch...
vileicht beabsichtigst du ja gerade das, aber schon der name allein wirkt schrekclih deplaziert. das ist natürlich interessant, aber ich mag es nicht so weil es mich nicht so recht überzeugt...
abgesehen davon klingt schorsch meiner meinung einfach doof.
aber es ist ja nur meine meinung :-)

Ich freu mich auf den nächsten teil

lg
edekire the marsoigel
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane

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Re: planet, lonely

Beitragvon Wintersonne » 06.12.2004, 10:05

Mir gefällt es. Hoffentlich geht es bald weiter.
Ich bin ich - und das jeden Tag ein wenig mehr.

Glaukos
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Re: planet, lonely

Beitragvon Glaukos » 08.12.2004, 01:01

Hallo Edekire, Surja und Wintersonne,
vielen vielen Dank fürs Herauspicken von problematischen Details. Ich werde das meiste gerne berücksichtigen.

"Bullauge" - stimmt, das ist so eine Flapsigkeit, die mir mitunter unterläuft. Ich denke dann immer, ach ist das jetzt schön "bunt&witzisch", ich meine das wirklich latent parodistisch ... vermutlich übertreibe ich damit, so dass es eher ablenkt vom Eigentlichen.


Nun denn, Fortsetzung folgt bald ;-)

Beste Grüße
Tolya


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