"Sie"

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Neonlait
Erinye
Beiträge: 12
Registriert: 04.11.2011, 11:14
Wohnort: Berlin

"Sie"

Beitragvon Neonlait » 09.11.2011, 12:59

Hey,
anbei folgt ein Gedicht mit einem großen persönlichen Wert, was bitte keinen von euch von reger Kritik abhalten sollte - im Gegenteil - Freude würde Sie in mir auslösen! :)
Ein wenig pubertär und ein wenig traurig präsentiert es sich, durchaus das Standartdwerk eines durchschnittlichen 14-jährigen jungen Mannes - viel Spaß dabei! :)



Sie


Sie war dort ganz allein´
kein Licht, kein Laut
keine Liebe, die sich traut
Sie war dort ganz allein.

Sie ist dort gar im Leben
im Sinneswahn, im Liebesrausch
der Dürre, des Leidens Tausch
Sie ist dort gar im Leben.

Im Rausch der Farbe - zu überzeichnen!
Im Wahn des Schalls - zu übertönen!
Bunte Bilder, Seele darbe - des Lebens Liebe Leichen!
Trümmer des Stolzeswalls - der Untat fröhnen!

Sie war niemehr gesehen
Der Engelsmacher, Todestag
barg sie in des Irrwegs Grab.
Niemand sah sie gehen.




PS: Wer denkt, ich würde bereits veröffentlichte Gedichte aus meinem Blog hier hinein kopiere, der hat schlichtweg Recht. Ich erhoffe mir so, etwas von euch, als weitaus erfahreneren Dichtern zu lernen. Vielen Dank dafür!
http://neonlait.blogspot.com/

Näherungsweise
Thaleia
Beiträge: 616
Registriert: 13.11.2006, 21:23
Wohnort: Golzheim

Re: "Sie"

Beitragvon Näherungsweise » 11.11.2011, 22:52

hi neonlait,

erstmal: schöner blog, sehr abwechlungsreich, sehr individuell, aufwändig gestaltet.

durchaus das Standartdwerk eines durchschnittlichen 14-jährigen jungen Mannes

also, für einen 14jährigen ist dieses gedicht absolut und ohne einschränkungen: gut!

nur ein paar "handwerkliche" empfehlungen. musst du nicht auf dieses gedicht anwenden, aber nützt dir vielleicht in zukunft.

1.) mir gefällt das stilmittel, das du in den ersten beiden strophen angewendet hast: die wiederkehrende zeile. ich glaube, das gedicht würde noch stärker wirken, wenn du das in den beiden folgenden strophen ähnlich gemacht hättest.

2.) auch das reimschema ändert sich (die dritte strophe fällt aus dem rahmen). es gibt keine regel, warum sich das reimschema innerhalb des gedichtes nicht auch mal ändern sollte. aber eine änderung auf der formalen ebene signalisiert etwas. entweder, dass du das reimschema nicht durchgehalten hast. oder - und dann ist die änderung wiederum sehr zu begrüßen - eine änderung auf der inhaltlichen ebene (z.B. einen höhepunkt, einen wendepunkt, eine pause, etwas über das der leser deiner meinung nach stolpern soll). ich empfehle dir, ein stilmittel immer möglichst bewusst einzusetzen. also gut zu überlegen, wie es das, was du sagen, was du beschreiben willst, unterstützen und verstärken kann. ich seh hier auf jeden fall viel potential in deinem gedicht!

3.) wenn du reime verwendest, wirst du dich früher oder später mit einem wichtigen thema beschäftigen müssen: rhythmus und metrum. warum? weil reime erst ihre voll wirkung entfalten, wenn sie in einen rhythmus eingebettet werden. stell dir das so vor: ein gedicht ist ein lied. das metrum ist der beat, der rhythmus. und der reim ist die melodie. die melodie kann erst dann wirklich gut klingen, wenn der beat stimmt. du hast ein sehr gutes natürliches rhythmusgefühl: das kann ich an diesen zeilen bereits erkennen. jetzt musst du es nur ein bisschen "trainieren"!

  • erster schritt: silben zählen. das ist am anfang vielleicht etwas mühevoll, geht dir dann aber später leicht von der hand.
  • zweiter schritt: versuch bei gedichten, wo du reime verwendest, dafür zu sorgen, dass die zeilen ungefähr eine gleiche länge haben, z.B. 7 silben pro zeile. das kann später auch (als stilmittel durchaus) variieren, aber gleiche länge ist vielleicht für den anfang am einfachsten.
  • dritter schritt: sorg dafür, dass die zeilen fließen, dass sie rhythmisch ähnlich klingen. am besten dazu laut lesen und an stolperstellen feilen und hier und da was umstellen, bis der "flow" da ist.

weiter so! :-)

n.w.
Besuch mich mal... in meinem kleinen Blog-Haus

Neonlait
Erinye
Beiträge: 12
Registriert: 04.11.2011, 11:14
Wohnort: Berlin

Re: "Sie"

Beitragvon Neonlait » 12.11.2011, 17:14

Hey Näherungsweise,
vielen Dank für deine superaufwendige Kritik, ich finde es echt schön, dass du dir ein wenig Zeit genommen hast, um mir zu helfen. Leider habe ich nun auch ein kleines schlechtes Gewissen, da ich offensichtlich nicht klar genug gesprochen habe - das Gedicht habe ich glaube ich mit 16 geschrieben, also ein himmelschreiender unterschied - und selbst das war vor fast 5 Jahren. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich Gedichten diesen Stils, also in denen ein Mädchen die Handlung dominiert, vor allem den jüngeren Autoren zuschreiben würde.
Mit Metrum musste ich mich zwangsweise in der Oberstufe beschäftigen, danke, dass du mir dieses dort so trocken gelehrte Thema ein wenig angenehmer bereitet hast. :)
Dir ist natürlich aufgefallen, dass in Strophe drei ein wenig "die Post abgeht". Ich wollte damit den Klimax des Lebenslaufs der jungen Dame ein wenig betonen, Strophe drei soll aufrütteln und -wecken!
Die wiederkehrenden Zeilen aus S.1 und 2 habe ich in 4 bewusst nicht mehr eingebaut, da diese Strophe einen anderen Abschnitt ihres Lebens - ihren Tod - beschreibt.
Vielen Dank! Danke auch für deine Bewertung meines Blogs, allerdings ist sowas inzwischen sehr einfach und ohne großartige Kenntnisse von Programmiersprachen möglich! :)

LG, Neon
http://neonlait.blogspot.com/

Näherungsweise
Thaleia
Beiträge: 616
Registriert: 13.11.2006, 21:23
Wohnort: Golzheim

Re: "Sie"

Beitragvon Näherungsweise » 12.11.2011, 19:41

Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich Gedichten diesen Stils, also in denen ein Mädchen die Handlung dominiert, vor allem den jüngeren Autoren zuschreiben würde.

der ist gut! :lachen:

ich schreibe seit fast 20 jahren gedichte und es ist nicht ein jahr vergangen, ohne eine "sie" als hauptrolle in meinen gedichten zu besetzen. also mach dir keine illusionen! :-D

der gute goethe hat noch mit über 70 jahren liebesgedichte geschrieben, und warum auch nicht? solange der mensch liebt, ist er nicht tot.

gruß und so,
n.w.
Besuch mich mal... in meinem kleinen Blog-Haus

riemsche
Apollon
Beiträge: 5004
Registriert: 02.11.2006, 21:38
Wohnort: Österreichs milder Westen

Re: "Sie"

Beitragvon riemsche » 12.11.2011, 21:33

die erste strophe ist ein schmuckstück. bei der zweiten bin ich mit zeile drei nicht ganz glücklich. hastes wegen dem reim so verdreht? /der/ dürre biegt das schwups aus der weiblichen. nach dem liebesrausch ist nochmal ein rausch in passage vier mE der doppler, dens nicht unbedingt braucht. alternativen? was folgt wiegt zentner, hebt mir das davor zu schnell in den hintergrund. ich würde mal alternativ versuchen, die essenz davon in zeile drei der vierten strophe zu packen. vielleicht ein gedankenanstoss: seele leben liebe grab. so. wenn das jetzt abiz verwirrt hat, dann isses ja gut (:->))
lGr

Perry
Melpomene
Beiträge: 711
Registriert: 26.02.2009, 21:48

Re: "Sie"

Beitragvon Perry » 15.11.2011, 18:02

Hallo Neonlait,

konstruktive Hinweise hast du ja schon genügend bekommen, sodass ich mich mehr der Aussage des Textes widmen möchte.
Es könnte der Plot für ein Liebesdrama sein, wobei allerdings weder Ort (dort?) noch eine Handlung,
außer plakativen Stichworten wie

Sinneswahn, Liebesrausch,
Leiden, Rausch, Wahn ,Seele
Leben, Liebe, Leichen (gab es mehrere Tote?)
Stolzeswall, Untat, Engelsmacher, Grab,

ersichtlich sind.

Mein Rat wäre, möglichst wenig dieser "großen" Stichworte/Begriffe zu verwenden, sie machen den Text zu hermetisch.
Außerdem solltest du dir vielleicht eine über den "erwarteten" Ablauf (Liebesrausch, ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung, Tod) hinausgehende
Aussage überlegen. Am einfachsten wäre, die Geschichte offen (nur andeuten) enden zu lassen.

Ich hoffe, meine nur unterstützend gemeinte Kritik bringt dich weiter.

LG
Perry

Neonlait
Erinye
Beiträge: 12
Registriert: 04.11.2011, 11:14
Wohnort: Berlin

Re: "Sie"

Beitragvon Neonlait » 16.11.2011, 12:08

Hey Perry,
danke, dass auch du mir ein wenig Verbesserungspotenzial aufzeigst!

Zu deiner Klammerfrage bezüglich dieser Leichen, - es gab mehrere, keine körperlichen Leichen, aber der Verlust innerer Werte und Vertrauen (Bunte Bilder, Seele darbe) ließen die gute Dame Teilchen für Teilchen vergehen, bis Sie kaum noch sie selbst war und dann gen Ende ging. - Wie Sie ihn, habe ich, so hoffte ich, recht ungeklärt zu lassen, werde diesen Part aber nochmal überdenken, wenn du sagst, es sei deutlich, dass sie simpel starb!?

LG, Neon
http://neonlait.blogspot.com/


Zurück zu „Gedichte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast